Finanzen

Sanktionen gegen Russland sind ein Segen für Erdogan

Die Sanktionen des Westens haben Russland und die Türkei zu engen Partnern gemacht. Erdogans pragmatisches Vorgehen hat seine Macht auch im Inland gefestigt.
Autor
03.09.2022 11:59
Lesezeit: 2 min

Der Westen hat harte Sanktionen gegen Russland verhängt. Der Handel wurde stark eingeschränkt, Unternehmen ziehen sich aus dem Land zurück. Die dadurch entstandene Lücke war für die Türkei eine unverhoffte Chance, die ihr stets pragmatischer Präsidenten Recep Tayyip Erdogan umgehend ergriffen hat.

Russische Touristen und Emigranten sind in Scharen nach Istanbul und an die türkischen Küsten geströmt. Reiche Russen kaufen reihenweise Immobilien in der Türkei, auch weil sie das Land als sicheren Hafen für ihr Geld entdeckt haben, wie die Deutschen Wirtschaftsnachrichten bereits im Mai berichtet haben.

Die türkischen Exporte nach Russland sind seit Kriegsbeginn um 60 Prozent gestiegen (in Dollar gerechnet). Ein Grund dafür besteht auch darin, dass einige westliche Unternehmen, die durch westlichen Sanktionen in ihren Russlandgeschäften behindert werden, die Türkei als Vermittler für ihre Exporte nach Russland nutzen.

Im April haben die Deutschen Wirtschaftsnachrichten berichtet, wie geschickt die Türkei durch den Ukraine-Krieg navigiert. Denn seine Neutralität in dem Konflikt bringt dem Land nicht nur wirtschaftliche Vorteile, sondern war auch ein gelungener politischer Schachzug von Erdogan.

Ukraine-Krieg macht Erdogans Geldpolitik erst möglich

Für die Türkei kam der Ukraine-Krieg fast wie der Retter in der Not. Das plötzliche ausländische Geld war ein unerwarteter Segen, ohne den die Landeswährung Lira längst zusammengebrochen wäre. Die Inflation in der Türkei liegt bei 80 Prozent. Dennoch hat die türkische Zentralbank am 18. August ihren Zinssatz von 14 Prozent auf 13 Prozent gesenkt.

Erdogan will die Kreditkosten senken, um die Wirtschaft anzukurbeln und damit seine Chancen bei den Wahlen im nächsten Sommer zu verbessern. Doch die lockere Geldpolitik hat die Inflation weiter beschleunigt. Die Lira hat seit dem Jahr 2018 rund drei Viertel ihres Wertes gegenüber dem Dollar verloren.

Die Türkei braucht dringend ausländische Devisen, um auf den Finanzmärkten Lira zu kaufen und so den Wert der Währung zu stützen. Die Zentralbank hat auf diese Weise in den letzten Monaten wahrscheinlich Dutzende von Milliarden Dollar ausgegeben.

Russland hingegen schwimmt in Devisen, die mit seinen Energieexporten einnimmt. Die türkischen Exporte nach Russland tragen zur Aufstockung von Erdogans Devisenreserven bei. Die Umgehung der westlichen Sanktionen macht die verrückte türkische Geldpolitik überhaupt erst möglich.

Der Westen ist empört über die türkische Strategie. Und Analysten warnen bereits, dass die Türkei selbst Sanktionen riskiert, wenn sie den Bogen überspannt. Doch für Erdogan gibt es derzeit Wichtigeres. "Er hat eine Wahl zu gewinnen", zitiert der Economist Timothy Ash von BlueBay Asset Management. "Erdogan wird es bis zum Äußersten treiben".

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Technologie
Technologie 6G-Standard: Ericsson und Forschungszentrum Jülich starten KI-Kooperation
27.04.2026

Ericsson und das Forschungszentrum Jülich entwickeln gemeinsam KI-Verfahren für den kommenden 6G-Standard. Grundlage ist JUPITER, der...

DWN
Panorama
Panorama Mehr tödliche Fahrradunfälle: Zahlen alarmieren - Ältere besonders stark gefährdet
27.04.2026

Immer mehr Menschen steigen in Deutschland aufs Fahrrad oder E-Bike um. Doch parallel dazu wächst die Zahl tödlicher Unfälle deutlich...

DWN
Politik
Politik Wegen Iran-Krieg: Pentagon prüft Suspendierung von NATO-Verbündeten - ist das überhaupt möglich?
27.04.2026

Der Iran-Krieg verschärft die Spannungen innerhalb der NATO deutlich. Washington prüft derzeit Maßnahmen gegen Verbündete, die...

DWN
Panorama
Panorama White House Correspondents Association: Sicherheitslücken bei Trump-Gala sorgen für Kritik
27.04.2026

Schüsse bei einer Gala mit Donald Trump erschüttern Washington und werfen drängende Fragen zur Sicherheit auf. Hochrangige Politiker...

DWN
Politik
Politik Russland bestellt deutschen Botschafter ein: "Völlig haltlose Maßnahme"
27.04.2026

Die Beziehungen zwischen Berlin und Moskau verschärfen sich erneut. Nach einem umstrittenen Treffen in der Ukraine erhebt Russland schwere...

DWN
Finanzen
Finanzen Börsen überwiegend in Grün trotz Iran-Konflikt: Hoffnung auf Öffnung der Straße von Hormus
27.04.2026

Ein möglicher Vorschlag Irans zur Öffnung der Straße von Hormus sorgt für Bewegung an den Märkten. Anleger in Deutschland reagieren...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Steigende Energiepreise belasten Handel: Umfrage zeigt massive Kostenprobleme
27.04.2026

Weiter steigende Energiepreise verschärfen die ohnehin schwierige wirtschaftliche Lage des Einzelhandels. Laut aktueller HDE-Umfrage ist...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft E-Ladesäulen: Kritik an teuren Prüfregeln - Verbände fordern Ladesäulen-Reform
27.04.2026

Deutschlands Weg zur Elektromobilität gilt als zentral für die Energiewende. Doch neue Vorwürfe aus der Branche stellen bestehende...