Finanzen

Steuerlast: Wie Deutschland Durchschnittsverdiener abzockt und Spitzenverdiener entlastet

Deutschland hat die zweithöchste Abgabenlast weltweit – aber nur für Normal- und Geringverdiener. Ein OECD-Vergleich zeigt, dass ausgerechnet Spitzenverdiener weniger besteuert werden. Doch warum werden Topverdiener vom Steuersystem bevorzugt? Eine gerechtere Verteilung der Abgabenlast wäre durch zwei zentrale Reformen möglich.
20.08.2025 08:18
Lesezeit: 4 min

Steuer-Paradox: Topverdiener in Deutschland zahlen weniger

Deutschland ist Vizeweltmeister bei der Abgabenlast – allerdings nur für die breite Mittelschicht und Geringverdiener. Ausgerechnet bei Spitzeneinkommen sinkt die Abgabenquote, statt weiter zu steigen. Ein Durchschnittsverdiener hingegen muss in kaum einem Land so viel von seinem Bruttolohn abgeben wie in Deutschland. Warum sollte dann der Arbeitnehmer mehr arbeiten, wenn am Ende des Monats vom Verdienst kaum was übrig bleibt?

In Deutschland tragen Gering- und Durchschnittsverdiener eine der höchsten Steuerlasten Europas. Diese Steuerungerechtigkeit macht Deutschland zum internationalen Sonderfall und wirft Fragen zur Verteilungsgerechtigkeit auf, wie aktuelle OECD-Daten belegen. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) vergleicht jährlich die Steuer- und Abgabenlast unter ihren 38 Mitgliedstaaten.

Um die Abgabenlast international einfacher vergleichen zu können, nutzen Organisationen wie die OECD nicht das Bruttoeinkommen, sondern die Arbeitskosten. Das ist die Summe, die ein Unternehmen tatsächlich für einen Angestellten bezahlen muss. In Deutschland ist das das Bruttogehalt plus die Arbeitgeber-Anteile zu den Sozialversicherungen. Der dabei errechnete Prozentwert der Abgaben an den Arbeitskosten nennt sich „Tax Wedge“, übersetzt „Steuerkeil“. Für einen deutschen Durchschnittsverdiener mit 55.000 Euro Jahresbrutto liegt dieser Wert aktuell bei 48 Prozent.

Dieser Tax Wedge ist in Deutschland so hoch wie kaum irgendwo. Das Berliner Analyseunternehmen DataPulse hat dazu entsprechende OECD-Statistiken ausgewertet: Dieser Wert ist nur in Belgien mit knapp 53 Prozent höher. Das oft zitierte Gefühl, nachdem deutsche Arbeitnehmer eine der höchsten Abgabenlasten der gesamten Welt tragen, trügt also nicht. Auch bei Geringverdienern mit halben Durchschnittseinkommen bleibt Deutschland mit 41 Prozent auf dem zweiten Platz der höchsten Abgabenlasten hinter Slowenien.

„Tax Wedge“ sinkt in Deutschland mit steigendem Einkommen

Die Statistik ändert sich aber bei höheren Einkommen, denn ab einem bestimmten Punkt sinkt die prozentuale Abgabenlast: Während bei 150 Prozent des Durchschnittseinkommens (etwa 82.500 Euro) der Tax Wedge noch bei 49,3 Prozent liegt, sinkt er bei 250 Prozent des Durchschnittseinkommens (etwa 138.000 Euro) auf 47,9 Prozent. Damit ist Deutschland das einzige Land, in dem die Abgabenquote bei Spitzeneinkommen tatsächlich sinkt – in anderen Ländern steigt sie weiter oder stagniert zumindest.

Das führt zu dem Steuerparadoxon, dass deutsche Gering- und Durchschnittsverdiener die zweithöchste Abgabenlast tragen, die Menschen mit einem Einkommen ab 138.000 Euro hingegen nur auf Platz 10 liegen – immer noch überdurchschnittlich, aber weit von der Spitzengruppe entfernt.

Darum zahlen Spitzenverdiener in Deutschland weniger Abgaben

Zwei strukturelle Faktoren erklären dieses Phänomen:

  • Erstens greift der Spitzensteuersatz in Deutschland bereits bei relativ niedrigen Einkommen – ab etwa 82.000 Euro Bruttojahresgehalt für kinderlose Singles. Er beträgt ab da 42 Prozent des zu versteuerndem Einkommen. Auch wurde sowohl die Grenze als auch der Steuersatz über Jahrzehnte immer weiter gesenkt. Das Ergebnis: Es gibt kaum noch einen steuerlichen Unterschied zwischen jemanden, der 50 Prozent mehr verdient als der Durchschnitt und jemandem, der 2000 Prozent so viel verdient wie der Durchschnitt.
  • Zweitens existieren Beitragsbemessungsgrenzen für Sozialabgaben: Ab einem Einkommen von 66.150 Euro (Kranken- und Pflegeversicherung) beziehungsweise 96.600 Euro (Renten- und Arbeitslosenversicherung) steigen die absoluten Beiträge nicht weiter. Für Spitzenverdiener bedeutet das, dass ihr Steuersatz ab rund 150 Prozent des Durchschnittseinkommens nicht mehr ansteigt und der Abgabensatz sogar sinkt, weil die absoluten Beiträge stets gleich bleiben, auch wenn das Einkommen steigt. Im Endeffekt sinkt dadurch der Tax Wedge.

Fazit: Während ein Normalverdiener prozentual voll belastet wird, zahlen Topverdiener oberhalb dieser Grenzen prozentual immer weniger. Topverdiener konnten sich so in den vergangenen Jahren doppelt freuen: Ihre Einkommen stiegen, zugleich sank ihre steuerliche Belastung.

Reformansätze für mehr Verteilungsgerechtigkeit

Eine gerechtere Verteilung der Abgabenlast könnte durch zwei zentrale Reformen erreicht werden:

  • Die Erste betrifft die Einkommensteuer: Der Spitzensteuersatz könnte angehoben, aber erst bei deutlich höheren Einkommen wirksam werden. Die SPD hat in ihrem Wahlkampf-Steuerkonzept eine Anhebung auf 45 Prozent vorgeschlagen, beginnend bei einem zu versteuernden Einkommen von 93.000 Euro (entspricht etwa 143.000 Euro brutto). Dadurch würden alle mit Einkommen unter 82.000 Euro entlastet, während Spitzenverdiener mehr beitragen müssten.
  • Die zweite Reform betrifft die Beitragsbemessungsgrenzen: Eine Abschaffung oder deutliche Anhebung würde dafür sorgen, dass Besserverdienende prozentual nicht weniger belastet werden als der Rest der arbeitenden Bevölkerung.

Ein Systemfehler mit Folgen für die Wirtschaft

Im deutschen Abgabensystem gibt es eine strukturelle Ungleichheit mit System. Während die Politik gern von „Leistungsgerechtigkeit“ spricht, zeigen die Zahlen eine andere Realität: Die höchste prozentuale Last tragen nicht etwa Spitzenverdiener, sondern die obere Mittelschicht mit Einkommen zwischen 80.000 und 100.000 Euro – also genau jene Fachkräfte und Führungskräfte, die Deutschland händeringend sucht. Gleichzeitig werden echte Topverdiener prozentual entlastet.

Für Unternehmen bedeutet das aktuell: Wer Talente halten will, muss die Bruttogehälter in diesem kritischen Bereich besonders anheben, um netto attraktiv zu bleiben. Und für Arbeitnehmer gilt: Der Sprung vom guten zum sehr guten Gehalt lohnt sich steuerlich überproportional – ein Aspekt, den kaum jemand auf dem Schirm hat. Doch damit sich Arbeit auch wieder für Gering- und Normalverdiener lohnt, muss die Abgabenlast geringer und vor allem gerechter verteilt werden: Dafür müssten Spitzenverdiener höherer Abgaben leisten.

Info: Der „Tax Wedge“ ist ein zentraler Indikator zur Messung der Steuerlast auf geleistete Arbeit. Er beziffert die Differenz zwischen den Arbeitskosten für den Arbeitgeber (inklusive Lohn und Arbeitgeberanteil an den Sozialversicherungsbeiträgen) und dem Nettoeinkommen des Arbeitnehmers nach Abzug von Einkommensteuer und Arbeitnehmerbeiträgen zur Sozialversicherung. Im europäischen Durchschnitt beträgt dieser Keil für alleinstehende Arbeitnehmer ohne Kinder mit durchschnittlichem Einkommen 39,8 Prozent.

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Mirell Bellmann schreibt als Redakteurin bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft. Zuvor arbeitete sie für Servus TV und den Deutschen Bundestag.

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