Technologie

Zwei Jahre für einen neuen Funkmast: Warum Deutschland beim Netzausbau hinten liegt

Trotz hoher Netzabdeckung kämpfen Unternehmen hierzulande mit Funklöchern und hohen Kosten. Eine Ericsson-Studie zeigt, wie stark Deutschlands 5G-Rückstand Wirtschaft und Mittelstand mittlerweile ausbremst.
09.08.2025 16:00
Lesezeit: 5 min

Netzausbau: Zwei Jahre bis zum neuen Funkmast

Eigentlich liegt die Netzabdeckung laut Bundesnetzagentur bei 99,8 Prozent für 2G, 97,4 Prozent für LTE und 92,5 Prozent für 5G. Nur 0,2 Prozent der Fläche gelten offiziell als Funklöcher. Doch viele Unternehmen erleben eine andere Realität, wie eine Studie des schwedischen Netzwerkausrüsters Ericsson zeigt: instabile Verbindungen in Gewerbegebieten, schleppende Bandbreiten und hohe Betriebskosten, die Produktivität und Innovationskraft drosseln.

Laut der Studie klagen 45 Prozent der deutschen Unternehmen über steigende Betriebskosten infolge unzuverlässiger Netze, 27 Prozent berichten gar von direkten Umsatzeinbußen. Diese Zahlen zeigen, dass schwache Konnektivität längst zu einem handfesten Standortnachteil geworden ist. Zudem nennt die Erhebung fehlendes Fachwissen als gravierende Hürde. So werten 36 Prozent der befragten Unternehmen den Mangel an Fachkräften als zentrales Hindernis beim Ausbau moderner Glasfaser- und 5G-Infrastrukturen. Branchenverbände verweisen in diesem Zusammenhang auf strukturelle Versäumnisse in den vergangenen Jahren: Milliarden Euro flossen in teure Frequenzauktionen, während staatliche Anschubhilfen und koordinierte Förderprogramme für ländliche Regionen lange Zeit unzureichend blieben. So moniert der Digitalverband Bitkom, dass der Netzausbau in Deutschland zu langsam voranschreitet: „Bis ein neuer Standort fertiggestellt ist, vergehen hierzulande durchschnittlich zwei Jahre“.

Veraltete Infrastruktur als Wachstumsbremse

Die Quittung für die jahrelange Fixierung auf Kupfernetze und Übergangslösungen wird nun sichtbar: Wachstum und Innovationskraft geraten ins Stocken. Während Länder wie Schweden und Spanien moderne Glasfasernetze aufgebaut haben, setzt Deutschland vielerorts noch immer auf eine veraltete Technologie.

Daten der Bundesnetzagentur und Ergebnisse der Bundesmesswoche 2025 zeigen dabei erhebliche regionale Unterschiede: Bundesweit beträgt die 5G-Flächenabdeckung rund 94,23 Prozent. In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg liegt sie mit je etwa 96,32 Prozent leicht über dem Durchschnitt, während Hessen (90,58 Prozent), Rheinland-Pfalz (91,16 Prozent) und Baden-Württemberg (90,69 Prozent) deutlich schlechter abschneiden. Im Harz oder im Altmarkkreis, war laut Bundesmesswoche häufig gar kein Netz verfügbar, bei bis zu 2,4 Prozent der Messpunkte wurde lediglich 2G nachgewiesen.

Die Ericsson-Studie untermauert diese Befunde. Danach erschwert veraltete Netzinfrastruktur den Einsatz moderner Technologien wie KI oder IoT massiv. 88 Prozent der befragten Führungskräfte bewerten unzureichende Netzqualität als entscheidenden Hemmschuh für digitale Innovation.

Netzbetreiber und Standards

Die Telekom gilt mit einer Abdeckung von 99,6 Prozent bei 4G und mehr als 98 Prozent bei 5G als Qualitätsführer in Deutschland. Vodafone und Telefónica folgen mit leicht geringeren Werten. Der vierte Netzbetreiber 1&1 hat bislang nur rund 0,4 Prozent der Fläche erschlossen, plant jedoch, bis Ende 2025 ein Viertel der Haushalte zu versorgen. Für Unternehmen bedeutet das allerdings wenig, wenn in Gewerbegebieten oder ländlichen Regionen die Netzqualität nicht den Anforderungen entspricht.

Die Ericsson-Studie zeigt, dass 39 Prozent der deutschen Unternehmen die technische Komplexität des Netzausbaus als Hürde sehen. Während Drittanbieter über Mietkapazitäten zusätzlichen Wettbewerb bringen, warnen Experten, dass der damit verbundene Preisdruck langfristige Investitionen in die Infrastruktur erschwert. Gleichzeitig stehen alle großen Netzbetreiber vor der Aufgabe, neue Frequenzbereiche für 5G und 5G+ auszubauen und ältere Technologien wie 2G und 3G schrittweise zurückzufahren.

Ausbau statt Auktion: Druck auf die Netzbetreiber wächst

Fakt ist: Derzeit sind nahezu 100 Prozent der deutschen Fläche durch mindestens einen Netzbetreiber mit 50 Mbit/s versorgt, allerdings liegt dieser Wert nur für die Gesamtfläche und nicht zwingend für jeden einzelnen Mobifunkanbieter vor. Etwa 2 Prozent der Fläche sind de facto unbeachtet, da sie nicht von allen Betreibern entsprechend versorgt werden. Um diesen Missstand zu beheben, hat die Bundesnetzagentur im Frühjahr 2025 neue, verbindliche Versorgungsauflagen beschlossen:

  • Ab dem 1. Januar 2030 müssen mindestens 99,5 Prozent der Bundesfläche mit einer Download-Geschwindigkeit von mindestens 50 Mbit/s versorgt sein.
  • Bis Ende 2029 sollen zudem in jedem Bundesland mindestens 99 Prozent der Haushalte in dünn besiedelten Gemeinden über 100 Mbit/s verfügen.
  • Für Verkehrswege gelten spezielle Auflagen: Ab Januar 2029 müssen Bundesstraßen mit 100 Mbit/s, Landes‑ und Staatsstraßen inklusive Binnenwasserstraßen mit 50 Mbit/s versorgt sein; für Kreisstraßen gilt diese Vorgabe zum 1. Januar 2030.

Was auffällt: Die Bundesnetzagentur verzichtet bewusst auf eine neue Frequenzauktion und setzt stattdessen auf eine fünfjährige Verlängerung der bestehenden Nutzungsrechte für wichtige Mobilfunkbänder (800 MHz, 1.800 MHz, 2,6 GHz), die Ende 2025 auslaufen würden. Die Betreiber zahlen dafür nur moderate Gebühren, geschätzt rund 600 Millionen Euro statt früherer Milliardenbeträge (die letzte Auktion im Jahr 2019 brachte etwa 6,5 Milliarden Euro ein). Dieser Strategiewechsel soll Netzbetreiber entlasten und den Ausbau beschleunigen: Im Gegenzug sind verbindliche Versorgungsauflagen gesetzt. So muss bis 2030 mindestens 99,5 Prozent der Fläche mit 50 Mbit/s versorgt sein, darüber hinaus strenge Vorgaben für dünn besiedelte Regionen und Verkehrswege.

KI braucht stabile Netze

Moderne Technologien wie IoT (Internet of Things) und KI (Künstliche Intelligenz) sind auf zuverlässige, leistungsfähige Netze angewiesen. Laut der aktuellen Ericsson-Studie sehen 82 Prozent der deutschen Führungskräfte 5G als entscheidenden Schlüssel, um KI-Anwendungen produktiv einsetzen zu können, 85 Prozent erwarten konkrete Effizienzgewinne durch optimierte Netzwerke. „Ohne moderne Netze verpufft das Potenzial neuer Technologien“, sagt Paul McHugh, Head of Sales EMEA bei Ericsson Enterprise Wireless Solutions, im Vorwort der Studie. Besonders Mittelständler berichten von Engpässen bei Bandbreiten und Stabilität. Viele Unternehmen sehen sich gezwungen, eigene 5G-Campusnetze aufzubauen, um Produktionsausfälle und Verzögerungen zu vermeiden, ein Schritt, der für kleinere Betriebe mit hohen Kosten verbunden ist.

Die Studie betont, dass 87 Prozent der Befragten leistungsfähige, sichere Netze als Voraussetzung sehen, um Deutschland als führende Industrienation zu positionieren. 77 Prozent der Unternehmen sind bereit, ihre Konnektivitäts-Infrastruktur kurzfristig zu modernisieren, um die Basis für KI, Automatisierung und IoT zu schaffen, Stichwort Industrie 5.0. Doch diese Investitionsbereitschaft stößt an Grenzen, wenn politische Rahmenbedingungen und Infrastrukturpläne nicht Schritt halten.

Glasfaser-Primus Schweden, Aufsteiger Spanier

Im europäischen Vergleich bleibt Deutschland bei der digitalen Infrastruktur im Hintertreffen. Länder wie Schweden oder Spanien haben frühzeitig auf Glasfaser gesetzt und erreichen heute deutlich höhere Abdeckungsraten. Hierzulande hingegen bremsen langwierige Genehmigungsverfahren und komplexe Regularien den Netzausbau. Mit der „Gigabitförderung 2.0“ sollen jährlich bis zu 3 Milliarden Euro in unterversorgte Regionen fließen, doch die Umsetzung verläuft schleppend.

„Ganz besonders in der Landwirtschaft ist eine flächendeckende Versorgung Grundvoraussetzung für unsere modernen Betriebe mit ihren vielfältigen digitalen Anwendungen – von der präzisen Ausbringung von Dünger bis hin zur Tierüberwachung in Echtzeit“, erklärte Martina Englhardt-Kopf, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat (BMLEH) beim Auftakt der Bundesmesswoche Ende Mai.

Ein zentrales Problem ist zudem die Zersplitterung der Zuständigkeiten zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Zwar formuliert die Politik ambitionierte Ausbauziele, doch der Übergang von Planung zu Realisierung stockt. Laut der DIHK-Digitalisierungsumfrage aus dem März 2025 sehen 60 Prozent der Unternehmen Zeit und Bürokratie als größte Hürden für digitale Projekte.

Netzausbau in Deutschland: Wer im Funkloch steht, verliert den Anschluss

Für KI im Mittelstand ist eine leistungsfähige Netzinfrastruktur längst geschäftskritisch. Produktionsketten, Logistikprozesse und Cloud-basierte Anwendungen laufen nur so zuverlässig wie die zugrunde liegenden Netze. Das heißt im Umkehrschluss, dass jeder Ausfall oder jede Verzögerung zu Effizienzverlusten und steigenden Betriebskosten führt. „Zeit und Komplexität sind die größten Bremsklötze bei der Digitalisierung. 60 Prozent der Unternehmen sehen darin ihr Hauptproblem“, heißt es in der DIHK-Umfrage.

Unternehmen, die in eigene 5G-Campusnetze investieren, können diesen Nachteil kompensieren. Allerdings erfordert dies hohe Anfangsinvestitionen und technisches Know-how. Für KMU ist das oft keine realistische Option.

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