Wirtschaft

Polen liebäugelt mit Kernenergie als Kohle-Alternative

Polen ist auf der Suche nach neuen Energiequellen. Das Land möchte auf Kernenergie setzen und steht bereits in Verhandlungen mit Interessenten.
18.09.2022 10:00
Lesezeit: 3 min

3,8 Millionen Menschen sind in Polen sind auf Kohle angewiesen, um ihre Häuser in den strengen nördlichen Wintern zu heizen, wie die Wirtschaftsnachrichtenseite Oilprice schreibt. Als die Europäische Union im vergangenen Monat Sanktionen gegen russische Kohle verhängte, strömten die Polen in Scharen zu den örtlichen Kohleminen. Sie standen tagelang in der Augusthitze Schlange und schliefen in ihren Autos, in der Hoffnung, genug Kohle zu bekommen, um den Winter zu überstehen.

Drittgrößter Kohleproduzent Europas

Polen ist zwar nach Deutschland und Russland das drittgrößte kohleproduzierende Land in Europa, hat sich aber in den letzten Jahren zunehmend von billigen russischen Kohleimporten abhängig gemacht. Die Abhängigkeit hat Polen nach dem Einmarsch Russlands in der Ukraine und den darauffolgenden Wirtschaftssanktionen und der Volatilität der Lieferkette, anfällig für Kohlepreisschocks gemacht. „Das ist unvorstellbar, die Menschen schlafen in ihren Autos. Ich erinnere mich noch an die kommunistischen Zeiten, aber ich habe nicht daran gedacht, dass wir zu etwas noch Schlimmerem zurückkehren könnten“, sagte ein Mann in den Kohlezeilen gegenüber Reuters. Polen ist eines von vielen Ländern, die in den letzten Monaten daran erinnert wurden, wie gefährlich es ist, sich zu sehr auf ein einzelnes Land oder eine bestimmte Form der Energieerzeugung zu verlassen.

Ein Großteil der EU leidet unter dem Verlust von russischem Erdgas, nachdem das staatliche russische Gasunternehmen Gazprom die Lieferungen an die EU auf unbestimmte Zeit eingestellt hat, nachdem beide Seiten wochenlang öffentlich um die berühmt berüchtigte Gasturbine gestritten haben.

Frankreich und China leiden auch unter ihrer eigenen übermäßigen Abhängigkeit von bestimmten Energiesektoren: In Frankreich ist die Atomproduktion aufgrund einer Vielzahl von Problemen zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt eingebrochen und in China hat die anhaltende Dürre die Wasserkraftproduktion auf ein Rinnsal reduziert. Beide Engpässe haben zu einem Anstieg des Kohleverbrauchs geführt, was die weltweiten Kohlepreise in die Höhe trieb und Polens Energiesorgen noch verschlimmerte.

Suche nach neuen Energiequellen

Jetzt sucht Polen händeringend nach neuen Energiequellen und die polnische Führung hat die Kernkraft ins Visier genommen. Ende letzten Monats, als die Polen in ihren Autos in der Schlange vor den Kohlekraftwerken schliefen, änderte der polnische Ministerrat das nationale Recht, um Investitionen in die Kernenergie zu erleichtern. Das Land hatte bereits im letzten Jahr mit dem Bau von sechs Kernreaktoren begonnen, um Polen von seiner langjährigen Abhängigkeit von der Kohle zu befreien, da der Druck zur Senkung der Kohlenstoffemissionen und zum Ausstieg aus dem schmutzigsten fossilen Brennstoff immer größer wird.

Mit dem Bau des ersten Kernkraftwerks sollte jedoch nicht vor 2026 begonnen werden, und der erste polnische Kernreaktor würde erst 2033 in Betrieb gehen. Nachfolgende Blöcke sollten alle zwei bis drei Jahre gebaut werden, so dass sich das Budget für das gesamte Projekt auf mindestens satte 150 Milliarden PLN (32 Milliarden USD) belaufen würde. Dieser Plan scheint jedoch nicht mehr realisierbar zu sein.

USA, Südkorea und Frankreich konkurrieren

Während Polen darüber nachdenkt, wie man die Häuser im Winter beheizen kann, hat es die Regierung sehr eilig, den Investitionsprozess in die Kernenergie zu beschleunigen. Warschau ist auf der Suche nach einem Partner, der ihnen hilft, den Kernenergiesektor so schnell wie möglich aufzubauen und zu erweitern. Die Vereinigten Staaten haben ihren Hut in den Ring geworfen. Die Partnerschaft, wie sie Polen vorschlägt, würde die Unterstützung bei der Installation von 6-9 Gigawatt (GW) Kernkraftkapazität beinhalten, wobei der Partner eine 49%ige Eigenkapitalfinanzierung für das Projekt bereitstellen müsste. „Es ist mehr als ein kommerzielles Angebot, es spiegelt 18 Monate Arbeit und Millionen von Dollar wider, die für Analysen und Bewertungen ausgegeben wurden“, sagt das polnische Klimaministerium.

Erst diese Woche hat Polen laut Reuters ein Angebot von Westinghouse, einem in Pennsylvania ansässigen Kernkraftunternehmen, erhalten, an dem Projekt mitzuarbeiten. Westinghouse konkurriert mit anderen Unternehmen aus Südkorea und Frankreich um den Zuschlag für das Atomprojekt. Das staatliche südkoreanische Unternehmen Korea Hydro Nuclear Power hat bereits im April ein Angebot für den Bau des ersten Kernkraftwerks in der Geschichte Polens vorgelegt.

Mehrere in Frankreich ansässige Unternehmen führen ebenfalls Gespräche mit Polen und der polnische Premierminister Mateusz Morawiecki, hat sich einem Bericht von Euractiv zufolge bei den führenden Vertretern der französischen Nuklearindustrie eingeschmeichelt, obwohl sich die französische Nuklearindustrie derzeit in einer Krise befindet.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Der Europäische Online-Glücksspielmarkt: Wachstum, Regulierung Und Konsolidierung 2026

Wenige Branchen wachsen in Europa derzeit so beständig wie das Online-Glücksspiel, und noch weniger tun das bei einem derart...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Anthropic-Aktie vor dem Mega-IPO: SpaceX könnte die Euphorie zerstören
14.08.2026

Anthropic wächst rasant und könnte mit seinem Börsengang neue Maßstäbe setzen. Doch die Milliardenbewertung steht auf einem...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Podcast Folge 38: Die Woche im Rückblick – KW 33
14.08.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...

DWN
Finanzen
Finanzen Unser neues Magazin ist da: Die neuen Geldmacher – wie Fintechs klassische Banken herausfordern
14.08.2026

Kaum ein Bereich entwickelt sich derzeit so rasant wie das Finanzwesen. Zwischen Innovation, Regulierung und wachsendem Wettbewerb...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Neues Büro für OpenAI: Warum der ChatGPT-Konzern beim KI-Ausbau auf Berlin setzt
14.08.2026

Deutschland zählt für OpenAI zu den bedeutendsten Wachstumsmärkten. Nun plant der ChatGPT-Entwickler den nächsten Expansionsschritt und...

DWN
Panorama
Panorama Vier Buchempfehlungen für die Liege: Was Entscheider diesen Sommer unbedingt lesen sollten
14.08.2026

Das Tablet ist geladen, der Sonnenschirm steht, die E-Mails dürfen warten. Wir haben vier Wirtschaftsbuch-Empfehlungen für Sie, die den...

DWN
Politik
Politik Wirtschaft: Russlands Kriegswirtschaft bringt den zivilen Sektor an seine Grenzen
14.08.2026

Russland steckt immer mehr Geld, Arbeitskräfte und Kredite in den Krieg, während der zivile Teil der Wirtschaft zurückfällt. Hohe...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland: Insolvenzen bei Firmen sinken erstmals seit Februar
14.08.2026

Deutschlands Pleitewelle zeigt erstmals seit Monaten ein kleines Zeichen der Entspannung. Doch hinter dem Rückgang im Mai verbirgt sich...

DWN
Finanzen
Finanzen Talanx-Aktie: Versicherer hebt nach Rekordgewinn im ersten Halbjahr Gewinnprognose an
14.08.2026

Nach dem ersten Halbjahr setzt Talanx die Messlatte höher: Der Gewinn erreicht einen Rekord, auch weil die Belastung durch Großschäden...