Politik

Italien: Investoren sehen einen Wahlsieg der Rechten gelassen

Italien steht vor einem möglichen Regierungswechsel. Doch die Kurse italienischer Anleihen deuten nicht auf eine Krise. Warum sind die Investoren so entspannt?
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24.09.2022 20:10
Lesezeit: 4 min
Italien: Investoren sehen einen Wahlsieg der Rechten gelassen
Matteo Salvini, Silvio Berlusconi und Giorgia Meloni bei einer Wahlkampfveranstaltung am Donnerstag in Rom. (Foto: dpa) Foto: Oliver Weiken

Der Renditeaufschlag (Spread) zehnjähriger italienischer Staatsanleihen gegenüber den entsprechenden deutschen Bundesanleihen lag zuletzt niedriger als noch zu Beginn des Monats. Dies bedeutet, dass Investoren von den vorgezogenen Neuwahlen am Sonntag keine großen Umwälzungen erwarten, obwohl dabei möglicherweise eine rechte Koalition an die Macht kommt.

Zwar liegen die Renditen für italienische Staatsanleihen auf dem höchsten Niveau seit 2013. Doch dies spiegelt lediglich den allgemeinen Rückgang an den Anleihemärkten als Folge der Zinswende wider. Die Renditen sind durch die Bank gestiegen. Ein besonderes Misstrauen gegenüber italienischen Papieren gibt es nicht.

Auch die Nachfrage nach italienischen Unternehmensanleihen hat nicht nachgelassen. Laut Bloomberg-Daten haben diese im laufenden Jahr sogar weniger schlecht abgeschnitten als die Anleihen von Unternehmen der meisten anderen europäischen Staaten.

Nur zehn Tage vor der Wahl nahm das italienische Glücksspielunternehmen Lottomatica 350 Millionen Euro auf den Anleihemärkten auf und erhielt trotz seines Ramsch-Ratings dreimal so viele Aufträge wie dieser Betrag.

Wird sich Italien den EU-Regeln unterordnen?

Die rechte Koalition hat versprochen, die gegenüber der EU eingegangenen fiskalischen Verpflichtungen einzuhalten. Dennoch könnte die Koalition die Staatsausgaben drastisch erhöhen, was jedoch Hunderte Milliarden Euro an EU-Geldern gefährden würde, während Italien wie ganz Europa von einer Stromversorgungskrise und einer wirtschaftlichen Rezession bedroht ist.

„Wenn man sich ihr politisches Programm anschaut und sie am Ende das tun, was sie sagen, wird es eine massive fiskalische Expansion geben“, zitiert Bloomberg Axel Botte, einen globalen Analysten bei Ostrum Asset Management. Zusammen mit den versprochenen Steuersenkungen würde das staatliche Defizit schon bald gegen frühere Verpflichtungen gegenüber der EU verstoßen, so Botte.

Wenn sich Italien den europäischen Verpflichtungen widersetzen sollte, wäre dies eine weitere Sorge für die italienischen Kreditnehmer, die bereits mit einer steigenden Inflation und einer rückläufigen Unterstützung durch die Europäische Zentralbank konfrontiert sind.

Für Italiens Unternehmen, die bereits höhere Zinsen zahlen müssen, wäre der Verlust des Zugangs zu den EU-Rettungsfonds nach der Pandemie eine Katastrophe. Der Chef-Kreditstratege von Bloomberg Intelligence, Mahesh Bhimalingam, warnt, dass dies zu Zahlungsausfällen und Herabstufungen der Ratings führen könnte.

Ein starker Schlag gegen italienische Schuldner mit Ramsch-Rating könnte sich auf das gesamte Finanzsystem auswirken. Italienische Unternehmensanleihen machen über 16 Prozent des europäischen Hochzinsindex von Bloomberg aus, mehr als die jedes anderen europäischen Landes.

Diese Befürchtungen schlugen sich diese Woche in den Anleihen des italienischen Bauunternehmens Webuild nieder. Ihr Kurs fiel um mehr als 4,5 Cent pro Euro, nachdem Giorgia Meloni, die wahrscheinlich nächste Ministerpräsidentin, gegenüber den italienischen Medien erklärt hatte, dass das EU-Konjunkturprogramm einer Feinabstimmung bedürfe.

„Wir können nicht riskieren, dass Transfers ausgesetzt oder gar gestoppt werden“, sagte der Vorstandsvorsitzende von Webuild, Pietro Salini, auf einer Branchenveranstaltung in dieser Woche und forderte die politischen Entscheidungsträger auf, den Rahmen und die Bedingungen des mit der EU vereinbarten Reformpakets einzuhalten.

Italien bleibt Sorgenkind Europas

Mit hoher Verschuldung, schleppendem Wachstum und unbeständiger Politik gilt Italien seit langem als schwächstes Glied Europas. Und es gibt genügend Präzedenzfälle für Volatilität im Zusammenhang mit Wahlen. So verzeichneten Anleiheinvestoren historische monatliche Verluste, nachdem eine Abstimmung im Jahr 2018 Sorgen um einen Austritt Italiens aus dem Euro verursacht hatte.

Sollte eine neue rechte Koalition die fiskalischen Zusagen gegenüber der EU brechen und die Renditen italienischer Anleihen in die Höhe treiben, so würde sich dadurch auch Italiens Schuldenquote verschlechtern, die mit 151 Prozent schon jetzt die zweithöchste in Europa ist (hinter Griechenland).

Und nach Jahren des billigen Geldes wird das Kapital nun wieder teurer. Die Wahrscheinlichkeit, dass die EZB im Oktober die Zinsen um weitere 75 Basispunkte anhebt, wird auf den Geldmärkten mit fast 85 Prozent angegeben. Die Entscheidungsträger überlegen auch, wie sie die umfangreiche Bilanz der EZB am besten reduzieren können.

Dennoch wären höhere Kreditkosten keine unmittelbare Bedrohung für Italien. Denn das Land hat in den letzten Jahren die extrem niedrigen Zinsen genutzt, um die durchschnittliche Laufzeit seiner Schulden auf über sieben Jahre zu verlängern.

Allerdings würde die Aufnahme von Krediten zu viel höheren Renditen über einen längeren Zeitraum schließlich doch ihren Tribut fordern, sagte Stephane Monier, Chief Investment Officer der Lombard Odier Private Bank.

„Italien hat das Richtige getan, indem es die Laufzeit seiner Schulden verlängert hat. Aber es hängt auch davon ab, wie sich die Wirtschaft entwickelt. Wenn es eine Rezession gibt, die mehrere Jahre andauert, ist die Situation viel prekärer.“

Monier würde den Kauf weiterer italienischer Staatsanleihen nur dann in Betracht ziehen, wenn der Renditeabstand (Spread) zu Deutschland 300 Basispunkte überschreitet. Am Freitag lag der Spread bei 232 Basispunkten und damit mehr als 10 Basispunkte unter dem im Juni erreichten Zweijahreshoch.

Rettungsanker EZB

Was die Sorgen der Anleger im Hinblick auf Italien derzeit in Grenzen hält, ist die Tatsache, dass die EZB die Erlöse aus ihrem Anleiheportfolio aus der Pandemiezeit bis mindestens 2024 in den Ankauf von Schulden südeuropäischer Länder umleiten wird. Ihr dazu neu geschaffenes Transmission Protection Instrument soll einen starken Anstieg der Kreditkosten für schwächere Mitglieder der Eurozone abfedern.

Doch nach Ansicht von Botte sollten Anleger nicht zu viel Vertrauen in diesen Schutzmechanismus setzen. Denn eigentlich sollte das Instrument kein Rettungsschirm für Italien und andere Südländer sein, sondern ein Mittel zur Verhinderung einer Ansteckung im gesamten Euroraum.

Botte warnte auch, dass die Koalition zwischen Melonis Partei Partei Fratelli d’Italia (FdI, deutsch: Brüder Italiens), Matteo Salvinis Lega und Silvio Berlusconis Forza Italia fragil wäre. „Sie haben unterschiedliche Ansichten darüber, wie Italien sein sollte. Wir schließen nicht aus, dass es irgendwann zu einer offenen Krise kommt, wenn diese Parteien nicht mehr zusammenhalten können.“

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