Technologie

Wirtschaftlicher Abschwung droht: Deutschland verschläft neue Technologien

Während Digitalisierung in Skandinavien fester Bestandteil im Alltag ist, verschläft Deutschland laut Digitalisierungsexperte Heiko Knödel das Thema. So drohen schlimme wirtschaftliche Folgen.
02.10.2022 08:13
Aktualisiert: 02.10.2022 08:13
Lesezeit: 4 min
Wirtschaftlicher Abschwung droht: Deutschland verschläft neue Technologien
Skandinavien läuft Deutschland in der Digitalisierung den Rang ab. (Foto: iStock.com/SIphotography) Foto: SIphotography

Das Musterbeispiel Skandinaviens im Bereich Digitalisierung ist Dänemark. Das Land ist zu dem Vorreiter in Europa geworden. Hier werden Apps wie normal beim Einkaufen genutzt und selbst in Kitas werden Kinder über Apps erinnert, genügend Wasser zu trinken. Heiko Knödel ist Experte für Digitalisierung in Kitas und sieht im Unterschied zwischen Skandinavien und Deutschland das unterschiedliche Mindset: „Es wurden auch in Deutschland Fortschritte gemacht, allerdings nicht vergleichbar mit Skandinavien. In Skandinavien um im Speziellen in Dänemark herrscht eine offenere Kultur mit neuer Technologie umzugehen. Dänemark hat viel früher auf neue Technologien gesetzt als Deutschland. Der offene Umgang mit neuer Technologie wird schon von Kindesbeinen an gefördert und diese Strategie ist in der Wirtschaft sichtbar.“

Laut Knödel sind die Firmen in Dänemark noch enger vernetzt mit den Schulen als es in Deutschland der Fall ist und arbeiten eng miteinander. So würden Firmen in die Schulen kommen, um auf das eigene Unternehmen aufmerksam zu machen und zukünftige Mitarbeiter zu rekrutieren. Weiterhin ist in Dänemark die Gesellschaft viel stärker auf die jüngere Zielgruppe eingestellt. Bei Besuchen von Unternehmen würden diese auch die Schüler nach Feedback fragen und die kritischen Stimmen in ihre Vorgehensweise einnehmen.

Deutschland ruht sich zu sehr aus

Deutschland wird für seine Innovation, die hohe Qualität, Präzision und Perfektion geschätzt und ist als Exportriese bekannt. Auf diesen Erfolgen würde sich das Land laut Knödel zu sehr ausruhen. Für problematisch hält er auch den Umgang mit Fehlern in Deutschland. Perfektion sei besonders wichtig in den Augen vieler Menschen in Deutschland. Teil der Digitalisierung sei aber auch, dass es zu Fehlern kommen kann und man Geduld haben müsse, da sieht Knödel ein Problem.

So sehr Deutschland für seine Innovation geschätzt wird, im Digitalisierungsbereich ist diese in den Augen des Digitalisierungsexperten ausbaufähig: „Die Innovation ist in Bayern und Baden-Württemberg, aber auch in Hessen stärker als im Rest des Landes. Vergleichbar mit Skandinavien, aber auch vielen anderen Staaten in Europa, ist sie deswegen nicht. Gerade im Osten Deutschlands finde ich es sehr schade. In den neuen Bundesländern wird einiges versucht, hier herrscht aber für mein Empfinden ein anderes Mindset. Das Thema Digitalisierung wird mit Überwachung in einem Namen gebracht und schreckt damit aus historischer Vergangenheit ab.“

Ein gutes Beispiel wie das Mindset in Deutschland sei, wäre das Beispiel eines Kollegen von Knödel, der in einem Espresso-Shop einkaufen wollte. Beim Betreten des Shops habe der Kollege sich verängstigt darüber gezeigt, dass die App ihn Willkommen hieß und mit dem Namen ansprach. Sofort kam die Frage auf: „Woher wissen die bitte, wer ich bin?“ Als Gegenbeispiel sieht Knödel den Umgang mit WhatsApp oder Facebook mit den viele Menschen in Deutschland nicht so ein Problem hätten und sie stark nutzen würden obwohl durch die NSA-Affäre bekannt ist, was teilweise mit den Daten passiert. In den Augen von Knödel ist so ein Beispiel für den widersprüchlichen Umgang mit Digitalisierung in Deutschland.

Digitalisierung als Chance in der Krise

Bis jetzt war der deutsche Mittelstand leider laut Knödel auch eine Art Bremse für die Digitalisierung des Landes. Teilweise seihen noch patriarchische Strukturen vorhanden, gleichzeitig gäbe es aber auch einige Firmen die bewusst auf Digitalisierung setzen, leider habe sich dieser Trend nicht weit genug durchgesetzt. Gerade jetzt in der Energiekrise, die für den deutschen Mittelstand eine Herausforderung ist, sei es von Vorteil auf Digitalisierung zu setzen: „Die Leute, die jetzt auf innovative Technologien und Digitalisierung setzen, werden aus der aktuellen Krise gestärkt hervorgehen und weltweit konkurrieren können.“

Das Thema Konkurrenz sieht Knödel auch als größtes Problem und warnt vor den Folgen, wenn Deutschland die Digitalisierung weiter verschläft: „Ohne die Digitalisierung wird Deutschland wirtschaftlich nicht mithalten können in Zukunft. Die Zeit bleibt nicht stehen und wer nicht mitmacht, ist auf lange Sicht gesehen nicht konkurrenzfähig.“ Der Zug ist laut Knödel noch nicht abgefahren, aber es sei „fünf vor zwölf“.

Wichtig ist dabei auch eine Änderung des Mindsets, wie Knödel erklärt. Es müsse weniger gejammert und gemeckert werden, anstatt dessen sei Mut, Innovation und Anpacken angesagt. Die Offenheit müsse sich ändern und gesellschaftstechnisch ankommen und es müsse mehr umgesetzt werden, anstatt darüber zu reden.

Auf die Konkurrenz gucken ist wichtig

Um zu sehen, wie man die Digitalisierung am besten der Gesellschaft nahebringt und ein anderes Mindset ermöglicht, ist es immer gut von den Ländern zu lernen, die in diesem Bereich Marktführer sind und vieles richtig machen, sagt Knödel. Ganz vorne sieht er dabei Südkorea, Japan, aber auch die USA und für Europa gesehen Dänemark. Von diesen Ländern könne man viel lernen und abschauen.

Als Beispiel wie gut es sei auf die Konkurrenz zu schauen gibt Knödel China an. Das Land habe auch viel bei der Konkurrenz geschaut, um zu lernen, wie man wirtschaftlich Dinge umsetzt und wie man zu einer starken Wirtschaftsnation aufsteigen kann. Mit Erfolg, denn inzwischen ist es China welches in der Weltwirtschaft den Takt vorgibt und zu einem Global Player geworden ist.

Chancen sieht Knödel auch für Osteuropa. Durch den Wunsch dazu zu gehören und sich zu entwickeln sei Osteuropa und insbesondere das Baltikum besonders stark an den USA orientiert, die im Bereich Digitalisierung fortschrittlich sind. Die jüngere Generation habe in seinen Augen auch teilweise den Sozialismus gar nicht mehr erlebt und eine ganz andere Offenheit aufgebaut als die ältere Generation. Daher ist es in den Augen von Knödel gut möglich, dass Osteuropa früher als Deutschland auf den Digitalisierungszug aufspringen könnte.

Für Deutschland gibt es also viele Hausaufgaben zu erledigen was den Bereich Digitalisierung und den Umgang mit neuer Technologie angeht. Je mehr man das Thema in den Alltag integriert und in der Gesellschaft fördert, desto besser ist es für die wirtschaftliche Weiterentwicklung Deutschlands. Dänemark, Südkorea und Japan zeigen es vor, Deutschland muss nur folgen und die erfolgreiche Strategie dieser Länder sich selbst aneignen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Wie Verbraucher mit Risiko umgehen – zwischen Finanzentscheidungen und digitaler Unterhaltung

Risiko ist ein Begleiter fast jeder wirtschaftlichen Entscheidung. Mal ist es größer, mal kleiner. Mal offensichtlich, mal schwer...

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Azubis gesucht? Welche Benefits für Auszubildende attraktiv sind
26.04.2026

Der Ausbildungsmarkt steht unter erheblichem Druck: Fast jeder zweite Betrieb konnte letztes Jahr nicht alle Ausbildungsplätze besetzen....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiekrise in Europa: Warum Europas Strategie zunehmend zerfällt
26.04.2026

Die Energiepreise steigen weiter und Europas Regierungen reagieren mit Milliardenhilfen, Steuererleichterungen und Notmaßnahmen. Doch...

DWN
Panorama
Panorama Leben nach Tschernobyl: Schicksal eines Liquidators zwischen Atomkatastrophe und Krieg in Kiew
26.04.2026

Mehr als drei Jahrzehnte nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl kämpft ein ehemaliger Liquidator noch immer mit den Folgen. Inmitten...

DWN
Finanzen
Finanzen Kevin Warsh vor Fed-Spitze: Politischer Druck auf die US-Notenbank wächst
26.04.2026

Die Entscheidung über die künftige Führung der US-Notenbank rückt näher und bringt politische Spannungen rund um den Fed-Vorsitz...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neues EU-Grenzsystem EES belastet Flughäfen: Branche warnt vor Verzögerungen
26.04.2026

Das neue EU-Grenzsystem EES sorgt an europäischen Flughäfen für wachsende Unsicherheit im Reiseverkehr und stellt Abläufe zunehmend auf...

DWN
Technologie
Technologie Telekom testet Quantentechnologie: Glasfasernetz in Berlin im Praxiseinsatz
25.04.2026

Ein Berliner Experiment bringt Quanten-Teleportation erstmals über ein Telekom-Glasfasernetz in eine reale Infrastruktur und markiert...

DWN
Politik
Politik Energieanalyst Demostenes Flores: Europa wird beim Iran-Krieg den Preis zahlen
25.04.2026

„Wir befinden uns in einer Art drittem Weltkrieg in Etappen“, warnt der Energieanalyst Demostenes Floros über den aktuellen Konflikt...

DWN
Politik
Politik EU plant Reform der DSGVO: Weniger Bürokratie für Unternehmen
25.04.2026

Die EU will zentrale Digitalregeln wie DSGVO und Cookie-Vorgaben vereinfachen und stärker aufeinander abstimmen. Führt der geplante Umbau...