Wirtschaft

Abkehr von den USA: Saudi-Arabien setzt auf China

Der aktuelle Streit zwischen den USA und Saudi-Arabien befeuert die Kooperation des Königreichs mit China. Dies ist eine massive geopolitische Verschiebung.
Autor
15.10.2022 16:05
Aktualisiert: 15.10.2022 16:05
Lesezeit: 3 min

Das saudi-arabische Unternehmen Saudi Aramco, das bereits am 29. Mai 1933 gegründet wurde, ist seit einigen Jahren der größte Erdölproduzent der Welt. Der Firmennamen „Aramco“ ist abgeleitet von „Arabian American Oil Company“ und verdeutlicht, wie weit die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den USA und Saudi-Arabien zurückgehen.

Zwar hat es auch in der Vergangenheit Spannungen zwischen den USA und Saudi-Arabien gegeben, darunter vor allem das unter saudischer Führung unternommene Ölembargo in den 1970er Jahren. Doch davon abgesehen gab es stets eine äußerst solide Grundlage für die jahrzehntelange Zusammenarbeit.

USA und Saudi-Arabien verwerfen sich

Der weltgrößte Energieverbraucher der Welt und das Königreich im Nahen Osten mit seinen riesigen Ölreserven waren ein gutes Bündnis. Dennoch haben sie sich im Verlauf der letzten Jahre immer weiter voneinander entfernt. Der aktuelle Streit deutet nun sogar darauf hin, dass sich hier eine tektonische Verschiebung vollziehen könnte.

Die USA begannen bereits Anfang der 2000er Jahre, den saudischen Einfluss auf den globalen Ölmarkt zu untergraben, indem sie ihre Investitionen in die eigenen Erdgas- und Schiefergasvorkommen erhöht haben. Und nun setzt die Regierung von US-Präsident Joe Biden wie nie zuvor auf erneuerbare Energien.

Obwohl Präsident Biden Saudi-Arabien ausdrücklich darum gebeten hatte, die Kürzung der Ölproduktion im Rahmen von OPEC+ auf die Zeit nach den Zwischenwahlen in den USA zu verschieben, beschlossen die von Saudi-Arabien geführte OPEC und verbündete Staaten wie Russland Anfang Oktober eine massive Kürzung der Fördermenge.

China springt in die Bresche

Während sich das Zerwürfnis zwischen den USA und Saudi-Arabien vertieft, hat China seine Beziehungen zu den Saudis vertieft. Auch mit anderen Staaten der Region um den Persischen Golf forciert Peking die Kooperation, was die Aussicht auf eine umfassende geostrategische Neuausrichtung eröffnet.

Denn auch wenn China enorme Investitionen in erneuerbare Energien getätigt hat, so beteiligt sich das Land doch nicht an dem Kreuzzug gegen fossile Brennstoffe, den die Staaten des Westens mit Unterstützung der internationalen Organisationen ausgerufen haben. So finanziert China weiter Kohlekraftwerke in Entwicklungsländern.

China ist längst der größte Handelspartner Saudi-Arabiens und zudem eine Quelle zunehmender Investitionen, wie Bloomberg berichtet. Denn die Initiative „Vision 2030“ von Kronprinz Mohammed bin Salman, die gut zur Initiative „Neue Seidenstraße“ von Präsident Xi Jinping passt.

Die Initiative wird auch „Ein Gürtel, eine Straße“ (englisch: Belt and Road Initiative, BRI) genannt und ist eine Plattform für die internationale Zusammenarbeit bei Infrastruktur, Handel, Investitionen und Finanzierung, die China mit anderen Teilen Asiens, dem Nahen Osten, Europa und Afrika verbindet.

China hat in Saudi-Arabien bereits einige Großprojekte unterstützt, darunter eine Hochgeschwindigkeits-Eisenbahnverbindung zwischen Jeddah und Medina, die 453 Kilometer lang ist und jährlich 50 Millionen Fahrgäste befördern soll, sowie die Schiffswerft King Salman Global Maritime Industries Complex in Ras Al-Khair.

Nach Angaben des deutschen Mercator-Instituts für China-Studien belief sich das bilaterale Handelsvolumen zwischen Saudi-Arabien und China im Jahr 2020 auf über 65 Milliarden Dollar, verglichen mit weniger als 20 Milliarden Dollar für den Handel zwischen Saudi-Arabien und den USA.

Ist China der bessere Partner?

„MBS [Kronprinz Mohammed bin Salman] zeigt weiterhin seine Vorliebe für ein globales Engagement, das transaktionsorientiert ist, ähnlich wie es China und Russland im Allgemeinen in der Welt tun. Das Problem ist, dass dies nicht die traditionelle Art und Weise ist, wie Washington Außenpolitik betreibt“, sagt Jonathan Panikoff vom Atlantic Council.

Bereits im vergangenen Jahr erhielt Saudi-Arabien den Beobachterstatus in der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit, einer von China geleiteten internationalen Sicherheitsgruppe, die sich ursprünglich auf Zentralasien konzentrierte, jetzt aber auf den Nahen Osten ausgedehnt wird.

Auf seiner ersten Reise außerhalb Chinas seit dem Ausbruch auf Corona nahm Chinas Präsident Xi Jinping letzten Monat an einem Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit teil. Es wird spekuliert, dass Xi Saudi-Arabien dieses oder nächstes Jahr besuchen könnte, nachdem er im März eine Einladung erhalten hatte.

China hat auch in eine Reihe von Häfen entlang der Seewege zwischen China und dem Nahen Osten investiert, um den Handel mit der geopolitisch entscheidenden Region zu sichern, sowie in Landverbindungen in den Nahen Osten über Pakistan, auch wenn letzteres auf Herausforderungen stößt.

„Die politischen und wirtschaftlichen Eliten Saudi-Arabiens nehmen China zunehmend als aufstrebende Supermacht wahr und gehen davon aus, dass China auf absehbare Zeit ein wichtiges Ziel für ihre Energieexporte bleiben wird“, schrieb Naser Al-Tamimi, ein politischer Ökonom am Mercator Institute, in einem kürzlich erschienenen Bericht.

Vor dem aktuellen Streit zwischen der Regierung Biden und Saudi-Arabien waren viele Beobachter davon ausgegangen, dass Riad ein Gleichgewicht zwischen Peking und Washington anstrebt. In den kommenden Monaten wird sich zeigen, wie weit sich das Königreich von den USA abkehrt - und wie eng es mit China kooperiert.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Wie denken Jugendliche über die Zukunft Deutschlands? Jugendstudien geben ernüchternde Antworten
03.04.2026

Persönliche Freiheitsrechte, Wirtschafts- und Energiekrise, Wohnraummangel, Rente und Pandemien. Die psychischen Belastungen bei jungen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Apple-Aktie: 50 Jahre US-Techgigant – vom Beinah-Bankrott zum wertvollsten Konzern der Welt
03.04.2026

Eine Garage, zwei Freunde und eine Vision: Die 50-jährige Geschichte des Tech-Giganten Apple ist geprägt von revolutionären Innovationen...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Pennylane verbindet Buchhaltung und Steuerberatung in einer Software – wie Unternehmen davon profitieren
03.04.2026

Viele kleine und mittlere Unternehmen arbeiten im Finanzmanagement noch mit mehreren Systemen oder manuellen Prozessen. Das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Energiemanagement-System: Wer Energie falsch nutzt, verliert Wettbewerbsfähigkeit
03.04.2026

Energie wird für Unternehmen immer teurer, doch viele nutzen sie weiterhin ineffizient. Neue Systeme zeigen, dass nicht die Produktion...

DWN
Finanzen
Finanzen ETF kaufen: So klappt der Einstieg Schritt für Schritt
03.04.2026

Ein ETF-Sparplan gilt als einfacher Weg zum langfristigen Vermögensaufbau. Trotzdem scheitern viele schon am ersten Schritt: den passenden...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mitarbeitermotivation im Wandel: Warum Geld allein nicht mehr reicht
03.04.2026

Mehr Geld reicht nicht mehr, um Mitarbeiter zu halten. Beschäftigte verlangen zunehmend Flexibilität, Sicherheit und echte Perspektiven....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Lamborghini Urus SE im Test: Was leistet der Plug-in-Hybrid mit V8-Motor?
03.04.2026

Lamborghini entwickelt sein erfolgreichstes Modell weiter und kombiniert beim Urus erstmals einen V8-Motor mit Plug-in-Hybridtechnik....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Remote-Jobs werden knapper: Der Kampf ums Homeoffice nimmt zu
03.04.2026

Der Arbeitsmarkt für Remote-Arbeit verändert sich spürbar, während Unternehmen ihre Strategien neu ausrichten und die Nachfrage nach...