Wirtschaft

Internationale Energieagentur: Wir erleben die erste wirklich globale Energiekrise

Die IEA konstatiert die erste globale Energiekrise. Der nächste Winter werde für Europa noch herausfordernder als der anstehende Winter.
01.11.2022 15:04
Lesezeit: 3 min
Internationale Energieagentur: Wir erleben die erste wirklich globale Energiekrise
Die Welt befindet sich erstmals komplett in einer Energiekrise, sagt die Internationale Energieagentur. (Foto: dpa) Foto: Wallace Woon

Dem Direktor der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, zufolge, befindet sich die Welt in der ersten wirklich globalen Energiekrise. Birol hat dabei insbesondere die Märkte für Erdgas und Flüssiggas (LNG) im Blick: hier würden sich die Preisausschläge und Lieferengpässe im kommenden Jahr noch verschärfen, weil einer hohen Nachfrage ein schwaches Angebot gegenüberstehe, sagte der Funktionär diese Woche auf der Singapore International Energy Week, wie Oilprice berichtet.

Derzeit versuchen europäische Länder, so viel Flüssiggas wie möglich einzukaufen, weil Russland seine Erdgaslieferungen infolge der westlichen Sanktionen drastisch gedrosselt hat. Der Anschlag auf die Nordstream-Pipelines hat darüber hinaus dazu geführt, dass Lieferungen über die Passage auf unabsehbare Zeit blockiert sein werden. In Europa existieren jedoch bis dato nicht genügend Häfen, in denen LNG-Lieferungen gelöscht und vom flüssigen wieder in den gasförmigen Zustand regasifiziert werden können. Einzig Deutschland versuche derzeit, so Birol, bis zum Jahresende schwimmende LNG-Regasifizierungsanlagen zu in der Nordsee zu bauen - deren Kapazitäten und der Zeitpunkt der Inbetriebnahme seien jedoch fraglich.

Lesen Sie dazu: Zu viele LNG-Tanker wollen entladen: Stau vor Europas Küste

Birol: Europa wird mit einigen Schrammen durch den Winter kommen

Birol erwartet, dass der Winter im nächsten Jahr für Europa kritischer werden als der nun anstehende Winter, weil ab Jahresbeginn 2023 der Import sämtlicher russischer Energieprodukte von der EU verboten sein werde. Neben Kohle (Embargo im Juni 2022 beschlossen) und mithilfe von Schiffen transportiertes Rohöl (Embargo für Anfang Dezember 2022 geplant) dürfen ab dem 5. Februar auch keine russischen Treibstoffe mehr in die EU eingeführt werden. Entsprechend könnten die Europäer womöglich nicht wie im laufenden Jahr ihre Gasspeicher im Frühjahr und Sommer füllen, um sich auf den höheren Verbrauch im Winter vorzubereiten.

„Unsere Schätzungen sagen uns, dass die Lagerstände bis Februar 2023 von 90 Prozent auf 25 bis 20 Prozent zurückgehen“, erklärte Birol im Interview der italienischen Zeitung La Repubblica. Die Frage sei, wie Europa 2023 die Stände wieder auf 80 bis 90 Prozent füllen wolle.

Um die Speicher in diesem Jahr zu füllen, half dem türkischen Wirtschaftswissenschaftler zufolge, dass noch Energielieferungen aus Moskau kamen und China wegen seiner wirtschaftlichen Entwicklung weniger Flüssiggas als erwartet importierte. Im kommenden Jahr könnte die chinesische Ökonomie wieder erstarken und Peking mehr Gas nachfragen, was den Europäern einen Preisanstieg bescheren würde.

Dem IEA-Direktor zufolge dürfe Europa mit einigen „Schrammen“ durch den nun anstehenden Winter kommen. „Solange wir keinen langen und extrem kalten Winter haben werden und solange es keine Überraschungen von der Art der Nordstream-Explosionen gibt – solange sollte Europa mit einigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schrammen durch diesen Winter kommen“, zitiert der englischsprachige Dienst von Reuters Birol.

Birol bezeichnete die Entscheidung der im Opec+-Format versammelten Länder, die Öl-Förderung zu reduzieren als „riskant“, weil derzeit mehrere Staaten am Rand einer Rezession stünden. Zudem rechnet seine Organisation damit, dass die Nachfrage nach Rohöl im kommenden Jahr um durchschnittlich 1,7 Millionen Barrel pro Tag höher liegen werde als 2022 – weshalb die Weltwirtschaft weiterhin auf russisches Öl angewiesen sei.

Interessanterweise begrüßt Birol Schätzungen aus den USA, wonach Russland auch im Falle eines erfolgreich verhängten „Preisdeckels“ der westlichen Staaten 80 bis 90 Prozent seiner Exporte außerhalb dieses Sanktionsmechanismus fortsetzen könne - etwa, indem die Lieferungen nach Asien drastisch erhöht werden. Dies sei gut, weil „die Welt noch immer darauf angewiesen sei, dass russisches Öl in die Märkte fließe.“

Wende zu Alternativen beschleunigt?

Die weltweite Energiekrise könne die Energiewende beschleunigen, so Birol. Die Krise führe neben kurzfristigen Schutzmaßnahmen der Verbraucher vor steigenden Preisen dazu, dass viele Staaten nun versuchten, den Strukturwandel zu beschleunigen, wie die IEA in ihrem am Donnerstag in Paris vorgelegten Jahresbericht schreibt. Wenn die Pläne verwirklicht werden, bedeute dies einen Anstieg der weltweiten Investitionen in saubere Energien bis 2030 um 50 Prozent.

Die Energiemärkte und die Energiepolitik veränderten sich nicht nur kurzfristig, sondern für die kommenden Jahrzehnte, erklärte Birol. „Die Reaktionen der Regierungen auf der ganzen Welt versprechen, dass es zu einem historischen und endgültigen Wendepunkt hin zu einem saubereren, erschwinglicheren und sicheren Energiesystem kommt.“

Der IEA-Analyse zufolge kommt für die weltweite Nachfrage nach fossilen Brennstoffen erstmals ein Höhepunkt oder ein Plateau in Sicht. Unter den gegenwärtigen politischen Rahmenbedingungen wird mit einem Rückgang der Kohlenutzung in den nächsten Jahren gerechnet, die Erdgasnachfrage erreiche bis zum Ende des Jahrzehnts ein Plateau. Der steigende Absatz von Elektrofahrzeugen führt demnach dazu, dass die Erdölnachfrage Mitte der 2030er Jahre abflache und dann bis Mitte des Jahrhunderts leicht zurückgehe.

Im globalen Energiemix würde demnach der Anteil fossiler Brennstoffe den Prognosen zufolge von 80 Prozent auf 60 Prozent bis zum Jahr 2050 sinken. Auch der weltweite CO2-Ausstoß werde demnach zurückgehen. Trotz alledem geht die IEA allerdings von einer globalen Erderwärmung um 2,5 Grad bis zum Jahr 2100 aus - weit entfernt vom 1,5-Grad-Ziel, das gravierende Auswirkungen des Klimawandels verhindern helfen soll.

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