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Ukraine: Waffen müssen in Nato-Staaten repariert werden

Lesezeit: 4 min
10.12.2022 12:59
Das ukrainische Militär kann viele vom Westen gelieferte Waffen nicht selbst warten und muss sie in der Regel mehr als 1000 Kilometer auf Nato-Gebiet bringen.
Ukraine: Waffen müssen in Nato-Staaten repariert werden
Ukrainische Soldaten feuern mit Artillerie auf russische Stellungen in der Nähe von Bachmut. Doch die Waffen müssen auch gewartet werden. (Foto: dpa)
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Einige der leistungsstärksten Waffen, die der Westen der Ukraine zur Verfügung gestellt hat, fehlen für längere Zeit auf dem Schlachtfeld. Hintergrund sind die komplizierten Wartungsarbeiten und Streitigkeiten zwischen den europäischen Verbündeten. Das Fehlen der Waffen ist für die Ukraine, die bereits seit Ende Februar gegen Russland kämpft und erhebliche Verluste verzeichnet, eine weitere erhebliche Herausforderung.

Am stärksten betroffen ist die schwere Artillerie, die aufgrund der intensiven Nutzung häufig gewartet werden muss. In einigen Fällen muss diese Wartung auf Nato-Territorium stattfinden, also viele hundert Kilometer von der Frontlinie entfernt. Denn einerseits ist die Wartung dieser Waffen sehr komplex, und andererseits unterliegen Details im Hinblick auf die Waffen mitunter der Geheimhaltung, berichtet das Wall Street Journal.

Die Ukraine verfügt nur über eine begrenzte Anzahl leistungsstarker Systeme aus dem Westen, sodass die schwierige Wartung die Truppen Kiews umso härter trifft. Nach Angaben ukrainischer Offiziere und westlicher Beamter müssen leistungsstarke Panzerhaubitzen wie die deutsche 2000, die britische M777 vom Hersteller BAE Systems und die französische Caesar in etwa 90 Prozent der Fälle außerhalb der Ukraine gewartet werden, wenn sie ausfallen.

Panzerhaubitzen nicht einsatzbereit

Weniger als 50 Prozent der selbstfahrenden Panzerhaubitzen, die offiziell als PzH2000-Haubitzen bezeichnet werden und weithin als eine der leistungsfähigsten Waffen ihrer Art gelten, befinden sich jederzeit auf dem Gefechtsfeld. Denn sie müssen zur Reparatur nach Litauen gebracht werden, das rund 1.400 Kilometer von der Front in Cherson entfernt liegt, sagen hochrangige deutsche Beamte. Deutschland hat bisher 14 solcher Waffen geliefert, die Niederlande weitere fünf.

Laut Mark Cancian, einem leitenden Berater des Internationalen Sicherheitsprogramms des Zentrums für Strategische und Internationale Studien, einer US-Denkfabrik, verfügen die Ukrainer über ein dreistufiges Wartungssystem. Zunächst versuchen im Ausland geschulte ukrainische Truppen, die Waffen selbst zu reparieren, bevor sie gegebenenfalls mit westlichen Experten sprechen, die sie per Telefon oder online in Echtzeit durch die Wartung führen.

Sollte auch dies nicht zum Erfolg führen, greift die dritte Stufe. "Schließlich wird die Ausrüstung, die eine umfangreiche Wartung oder Spezialwerkzeug benötigt, physisch außer des Landes gebracht", sagt Cancian, ein ehemaliger Artillerieoffizier des US-Marinekorps, der von NATO-Militärspezialisten und zivilen Experten über das Verfahren informiert wurde.

Polen und Deutschland streiten

Die USA und Großbritannien warten die Waffen, die sie der Ukraine gespendet haben, in Polen, nahe der ukrainischen Grenze. Warschau weigert sich jedoch, Berlin die Einrichtung eines Wartungszentrums in Polen zu gestatten, und verlangt, dass die deutschen Hersteller vertrauliche technische Informationen zur Verfügung stellen, damit ein polnisches staatlich kontrolliertes Unternehmen die Arbeit erledigen kann, sagen deutsche Beamte.

Die Panzerhaubitze, eine Präzisionshaubitze, die kleine Ziele in 40 Kilometer Entfernung treffen kann, wird von der Krauss-Maffei Wegmann GmbH & Co. hergestellt. Drei hochrangige deutsche Beamte, die mit den Verhandlungen vertraut waren, sagten, dass es nicht akzeptabel sei, geistiges Eigentum aufzugeben, um die Waffen in Polen warten zu lassen.

In der Folge bat die deutsche Regierung Kiew, Warschau dazu zu bewegen, dem deutschen Unternehmen die Einrichtung eines Reparaturzentrums in Polen zu gestatten, jedoch ohne Erfolg, wie Insider berichten. Schließlich wandte sich Berlin an die Slowakei, die sich bereit erklärte, ein deutsches Wartungszentrum zu ermöglichen, das nun nach Angaben slowakischer und deutscher Beamter bis Ende des Jahres eröffnet werden soll.

Auch andere Waffen, die der Westen der Ukraine gespendet hat, werden in der Slowakei gewartet, darunter möglicherweise auch das Luftabwehrsystem Iris-T SLM, das nach Angaben ukrainischer Beamter die Abwehr russischer Raketenangriffe erheblich verbessert hat. In den meisten Fällen sind aufgrund des intensiven Einsatzes der Waffen häufige Wartungsarbeiten und Reparaturen erforderlich.

Nach Angaben deutscher Beamter feuern die ukrainischen Truppen die PzH2000-Geschütze um ein Vielfaches häufiger ab als die empfohlene Höchstzahl von etwa 100 Schuss pro Tag. In der Folge können die Stahlzylinder überhitzen und sich verformen. Deutschland selbst hat weniger als 100 PzH2000 im Einsatz und kämpft nun darum, genügend Teile und Munition für seine eigenen angeschlagenen Streitkräfte und für die Ukraine zu beschaffen.

Ein ukrainischer Artillerist sagte, dass seiner Erfahrung nach russische Ausrüstung leichter zu reparieren ist, weil sie nicht über das Maß an Elektronik und intelligenter Technologie verfügt, das westliche Artillerie effektiver macht. "Ich hatte eine Batterie und Glühbirnen in meiner sowjetischen elektronischen Ausrüstung. Hier ist alles mit dem Computersystem verbunden", sagte er.

Derselbe ukrainische Artillerist fügte hinzu, dass die Truppen der Ukraine seiner Erfahrung nach nur schätzungsweise 10 bis 15 Prozent der Pannen selbst beheben können, die bei den verschiedenen ausländischen Artilleriesystemen auftreten. Außerdem fehle es der Ukraine an Ersatzteilen und an Lagerfläche für die umfangreiche Ausrüstung.

Manchmal treten Probleme auf, weil die ukrainischen Soldaten nicht ausreichend ausgebildet sind, so der Artillerist. So sollen die Besatzungen eigentlich bestimmte Teile eines ausländischen Haubitzentyps alle zwei Tage ausbauen und reinigen, wenn sie im Einsatz sind. Dies geschehe jedoch nicht immer, was manchmal dazu führe, dass die Teile so stark korrodierten, dass sie nicht mehr repariert werden könnten.

Artillerieoffiziere werden zur Ausbildung nach Deutschland geschickt, sagten der Artillerist und ein deutscher Beamter. Doch während die deutschen Mannschaften vier Monate lang ausgebildet würden, sei die Ausbildung für ukrainische Offiziere auf 40 Tage reduziert worden. Deutschland hat außerdem eine Online-Unterstützung eingerichtet, wo die Artilleristen Experten des Militärs und der Waffenhersteller kontaktieren können, um technische Probleme zu beheben.

Das deutsche Rüstungsunternehmen Krauss-Maffei Wegmann teilte mit, dass es in der Slowakei ein Wartungszentrum einrichtet und dass die Basis schließlich auch für die Reparatur von Waffen anderer europäischer Unternehmen genutzt werden solle. Die Basis werde über Kapazitäten für die gleichzeitige Reparatur von sechs Fahrzeugen verfügen, sodass diese schnell in die Ukraine zurückgeschickt werden könnten.


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