Wirtschaft

Einige Antibiotika werden in Europa knapp

In Europa werden einige wichtige Medikamente knapp. Ärzte machen sich große Sorgen. Was steckt hinter den Engpässen?“
15.12.2022 14:00
Lesezeit: 2 min
Einige Antibiotika werden in Europa knapp
Diese digital gefärbte Rasterelektronenmikroskopie (REM) zeigt vier magentafarbene, kugelförmige Methicillin-resistente Bakterien. In Europa sind derzeit einige Antibiotika-Medikamente knapp. (Foto: dpa) Foto: -

Länder in ganz Europa melden Engpässe bei Antibiotika. Der Grund? Die Nachfrage nach den Medikamenten steigt und Hersteller kämpfen mit Lieferketten-Problemen.

Daten aus verschiedenen Ländern zeigen, dass die Wirkstoffe Amoxicillin, Cephalosporine und andere weit-verbreitete Antibiotika knapp sind. Dem Wall Street Journal zufolge sind Ärzte und Behörden besorgt über die mangelhafte Verfügbarkeit der Medikamente, die zur Behandlung von Ohrinfektionen bis hin zu Lungenentzündungen eingesetzt werden. Die Probleme in Europa ähneln denen in den USA, wo eine Zunahme von Infektionen aktuell ebenfalls zu Engpässen führt.

In Frankreich herrscht seit Oktober ein Mangel an Amoxicillin, insbesondere bei den trinkbaren Formen des Medikaments für Kinder. Dies geht aus einer Warnung hervor, die die französischen Gesundheitsbehörden im vergangenen Monat veröffentlichten und darin Ärzte aufforderten, das Medikament nicht zu verschreiben. Nach Angaben des französischen Gesundheitsdienstes könnten die Engpässe bis März andauern und ganz Europa betreffen. Die pädiatrischen Fachverbände in Frankreich haben vor diesem Hintergrund eine Anleitung herausgegeben, wie Amoxicillin-Tabletten für Erwachsene in trinkbare Lösungen für Kinder umgewandelt werden können.

Daten aus Deutschland und Italien zeigen ebenfalls Engpässe bei Amoxicillin und anderen Antibiotika.

Nachfrage steigt wieder nach Corona

Gesundheitsverbände und Hersteller führen die Engpässe auf mehrere Faktoren zurück. Zum einen ist die Nachfrage nach der Aufhebung der Beschränkungen aus der Pandemiezeit, die zu mehr Erkrankungen geführt hat, wieder gestiegen. Zum anderen gibt es Verzögerungen bei der Lieferung von Inhaltsstoffen, Verpackungen und anderen Komponenten - zum Teil wegen Chinas Covid-19-Beschränkungen - aber auch wegen steigender Energiekosten, die die Aufrechterhaltung einiger energieintensiven Produktionen erschweren.

Sandoz, das Generika-Geschäft des Schweizer Arzneimittelherstellers Novartis AG, gab bekannt, dass es derzeit zu Verzögerungen bei der Erfüllung von Aufträgen komme, weil nicht alle benötigten Schraubverschlüsse und andere Komponenten der Verpackung geliefert werden könnten. Centrient Pharmaceuticals Netherlands BV, ein weitere großer Antibiotikahersteller, hat die Produktion eines wichtigen Inhaltsstoffs wegen steigenden Stromkosten zurückgefahren.

Im vergangenen Jahr waren die Energierechnungen am Centrient-Produktionsstandort in Delft um das Achtfache gestiegen, so das Unternehmen. In der Anlage wird ein wichtiger Bestandteil für die Herstellung von Cephalosporin hergestellt, ein Medikament das häufig zur Behandlung von Ohrinfektionen und Lungenentzündungen und auch für Menschen mit Penicillin-Allergie verschrieben wird.

„Die Herausforderung für einen Hersteller wie uns besteht darin, dass wir bei steigenden Kosten die Preiserhöhungen nur teilweise an unsere Kunden weitergeben können“, sagte Centrient-Geschäftsführer Rex Clements.

Ärzte sind besorgt

„Wir haben große Angst, denn wir haben gehört, dass der Mangel drei oder vier Monate andauern wird“, so Remi Salomon, Kinderarzt am Pariser Krankenhaus Necker-Enfants Malades, der auch die Ärzte der Pariser öffentlichen Krankenhäuser vertritt. Die Ärztegruppe arbeitet an Leitlinien, in denen kürzere Antibiotika-Behandlungen empfohlen werden, um die Vorräte zu schonen. Salomon äußerte jedoch die Sorge, dass eine Begrenzung der Behandlungsdauer bedeuten könnte, dass einige Menschen sich nicht schnell erholen werden.

Die Europäische Arzneimittelagentur schrieb in einer Mitteilung, dass sie die Antibiotika-Engpässe untersucht. Eine Fokusgruppe arbeite daran, die Ursachen zu verstehen und Maßnahmen zur Milderung der Auswirkungen vorzuschlagen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldete vor kurzem, dass die Zahl der antibiotika- und arzneimittelresistenten Bakterien, die lebensbedrohliche Blutvergiftungen hervorrufen können, gestiegen ist. Antibiotika verlieren an Wirksamkeit, sagte die WHO, und forderte daher mehr Geld für Forschung und Bekämpfung von Resistenzen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Vera von Lieres

Vera von Lieres gehört seit September 2022 zum DWN-Team und schreibt als Redakteurin über die Themen Immobilien und Wirtschaft. Sie hat langjährige Erfahrung im Finanzjournalismus, unter anderem bei Reuters und führenden Finanzmedien in Südafrika. Außerdem war sie als Kommunikations- und Marketing-Spezialistin bei internationalen Firmen der Investment-Branche tätig.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Dynamik des US-Marktes verlangsamt sich, während Anleiherenditen steigen
15.05.2026

Erfahren Sie, welche treibenden Kräfte aktuell die Märkte bewegen und was Anleger jetzt unbedingt beachten sollten.

DWN
Politik
Politik Geheimdienstbericht: Versteckt sich Paranoider Putin wirklich in einem Bunker?
15.05.2026

Wladimir Putin steht in Russland zunehmend für ein System, das Kontrolle, Abschottung und Misstrauen zum Machtprinzip erhebt. Wie tief hat...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Berliner KI-Unternehmen Unframe will Datenchaos in Firmen ordnen
15.05.2026

Unframe will Unternehmen helfen, verstreute Informationen in nutzbare Arbeitsabläufe zu übersetzen. Im Fokus stehen Datenanalyse,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Welthandel unter Druck: Golfkrise belastet den globalen Containerverkehr
15.05.2026

Die Golfkrise verschärft die Spannungen im Containerverkehr und lenkt Handelsrouten zunehmend in Richtung Afrika. Welche Folgen hat diese...

DWN
Politik
Politik Trump und Xi demonstrieren Einigkeit: Doch hinter den Kulissen dominieren harte Konflikte
15.05.2026

Beim Treffen von Donald Trump und Xi Jinping dominieren höfliche Gesten und gegenseitiges Lob. Dennoch verfolgen Washington und Peking...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX-Kurs rutscht unter 24.000 Punkte: Berichtssaison verliert an Schwung
15.05.2026

Während die US-Börsen von der KI-Euphorie profitieren, zeigt sich der DAX-Kurs vor dem Wochenende deutlich schwächer. Anleger richten...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 20: Die wichtigsten Analysen der Woche
15.05.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 20 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis auf tiefstem Stand seit April: Warum Anleger plötzlich nervös werden
15.05.2026

Der Absturz beim Goldpreis am Freitag überrascht die Anleger. Und auch der Silberpreis steht vor dem Wochenende deutlich unter Druck. Vor...