Deutschland

Institute sehen größten Wohlstandsverlust seit dem Zweiten Weltkrieg

Befunde, die noch vor wenigen Jahren als Schwarzmalerei oder „Verschwörungstheorie“ gebrandmarkt worden wären, gehören inzwischen zum Standardrepertoire von Wirtschaftsinstituten.
18.12.2022 10:00
Lesezeit: 3 min
Institute sehen größten Wohlstandsverlust seit dem Zweiten Weltkrieg
Eine glühende Euro-Münze. (Foto: dpa) Foto: Sven Hoppe

Die im Zuge von Energiewende und Russland-Sanktionen stark gestiegenen Preise für Erdgas, Kohle und Strom werden nach Ansicht mehrerer Institute zu schweren Wohlstandsverlusten für die Bürger führen und Deutschlands Wirtschaft nachhaltig belasten.

Gewerkschaften: Reale Lohnverluste

Die hartnäckig hohe Inflation zehrt in diesem Jahr einer Studie zufolge Lohnzuwächse in einem einmaligen Ausmaß auf. Tarifbeschäftigte haben damit unter dem Strich real weniger Geld zur Verfügung. Nach einer vorläufigen Bilanz des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) handelt es sich um einen „in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland bislang einzigartigen Reallohnverlust.“

Die Teuerung verlor im November zwar etwas an Tempo, blieb nach bestätigten Daten des Statistischen Bundesamtes mit 10,0 Prozent aber weiter zweistellig. Nach Angaben des WSI-Tarifarchivs der gewerkschaftlichen Böckler-Stiftung steigen die Tariflöhne in Deutschland 2022 gegenüber dem Vorjahr um durchschnittlich 2,7 Prozent. Angesichts einer zu erwartenden Steigerung der Verbraucherpreise um 7,8 Prozent im Jahresschnitt ergebe sich hieraus ein durchschnittlicher Rückgang der tarifvertraglich vereinbarten Reallöhne von 4,7 Prozent.

Zum einen hätten in diesem Jahr aufgrund langfristig wirksamer Tarifverträge in vielen Branchen gar keine Tarifverhandlungen stattgefunden, erläuterte der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Thorsten Schulten. „Andererseits werden aktuell vereinbarte, deutlich stärkere Tariferhöhungen und Inflationsprämien oft erst ab 2023 wirksam.“

Im kommenden Jahr können Beschäftigte nach seiner Einschätzung auf insgesamt deutlich höhere Tarifzuwächse hoffen. Hierauf deuteten zum einen eine Reihe aktueller Abschlüsse etwa in der chemischen Industrie und in der Metall- und Elektroindustrie hin. Zudem lasse sich auch bei den kommenden Verhandlungen wie etwa im öffentlichen Dienst (Bund und Gemeinden), bei der Deutschen Post AG oder in der Nahrungsmittelindustrie eine Tendenz zu deutlich höheren Tarifforderungen beobachten, sagte der Experte.

IW Köln: Energie-Krise bremst Wirtschaft aus

Das arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft (IW Köln) blickt angesichts der Energiekrise pessimistisch auf das kommende Jahr. Das Bruttoinlandsprodukt werde voraussichtlich um etwa 0,75 Prozent sinken, geht aus der am Mittwoch veröffentlichten Prognose hervor. Verglichen mit den Prognosen vor dem russischen Überfall auf die Ukraine werde die reale Wirtschaftsleistung Ende 2023 um fast fünf Prozent niedriger liegen. "Die Volkswirtschaft als Ganzes ist mit einem gewaltigen Wohlstandsverlust konfrontiert", sagte IW-Konjunkturexperte Michael Grömling.

Schwere Zeiten sagt das IW besonders dem Bausektor voraus, der anders als die Industrie und der Dienstleistungssektor mit einer sich verschärfenden Rezession rechnen müsse. Fehlende Materialien und Fachkräfte sowie die steigenden Bauzinsen belasten derzeit die Branche.

Als Konjunkturstütze erwies sich bisher der private Konsum. Das dürfte sich ändern: Die Konjunkturforscher gehen im kommenden Jahr von einem Rückgang der Konsumausgaben in Höhe von anderthalb Prozent aus. Der Arbeitsmarkt dürfte sich trotz aller Probleme robust zeigen: Die Arbeitslosenquote wird im laufenden Jahr bei 5,3 Prozent erwartet und dürfte 2023 nur leicht auf 5,4 Prozent zulegen.

„Die hohen Energiepreise haben das Leben der Menschen und Unternehmen stark verteuert und das Land ausgebremst“, sagte IW-Direktor Michael Hüther. Im kommenden Jahr werde es kaum besser. „Wir werden uns wohl oder übel an horrende Energiepreise gewöhnen müssen“, sagte Hüther. „Unternehmen werden dadurch weniger investieren und produzieren, ihre Erwartungen sind pessimistisch. Zumindest der Arbeitsmarkt zeigt sich robust.“

Wie schwer diese Krise ausfallen werde und wie lange sie dauere, hänge stark von der weiteren Entwicklung der Energiekrise ab, fügte Grömling hinzu: „Über allem schwebt die geopolitische Gefahr, die vom russischen Angriffskrieg auf die Ukraine ausgeht.“

Die Preissteigerungen wirken sich nicht zuletzt deshalb sehr negativ für die deutsche Volkswirtschaft aus, weil diese in hohem Maße von Rohstoff- und Energieimporten abhängig ist.

Deutschland - abhängig von Rohstoffen der anderen

Bei 14 der als besonders kritisch eingestuften 30 Rohstoffe liege die Abhängigkeit von Einfuhren bei 100 Prozent, geht aus der Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hervor, die der Nachrichtenagentur Reuters vorlag. Bei weiteren drei Rohstoffen liegt der Anteil bei mehr als 95 Prozent. Als kritisch gelten Rohstoffe, die unerlässlich sind und zugleich einem erhöhten Lieferrisiko unterliegen.

Bei den sogenannten Seltenen Erden - die etwa für den Bau von Elektroautos und Windturbinen unerlässlich sind - seien Deutschland und die Europäische Union insgesamt zu mehr als 90 Prozent auf Lieferungen aus China angewiesen. Ebenso sehe es bei Magnesium aus.

Um solche Abhängigkeiten zu verringern, helfen dem DIW zufolge keine Einzelaktionen. „Es ist ein ganzes Bündel an Maßnahmen erforderlich, die am besten alle gleichzeitig vorangetrieben werden sollten“, sagte DIW-Studienautor Marius Zeevaert. So sollte auf mehr Lieferländer gesetzt werden: Seltene Erden könnten zusätzlich über Brasilien, Indien und Australien bezogen werden, Lithium über Australien, China und Argentinien.

Vorgeschlagen wird auch, die Lagerhaltung um verpflichtende Mindestreserven zu ergänzen. Auch sollte die Beschaffung relevanter Rohstoffe europaweit gebündelt werden, um der Marktmacht der wenigen Anbieter etwas entgegenzusetzen.

Längerfristig könne die Sicherheit der Versorgung erhöht werden, indem Rohstoffimporte teilweise ersetzt werden. Hierzu gehöre auch ein verbessertes Recycling. Weiterhin können eigene Produktionsmöglichkeiten stärker genutzt werden. Gerade Magnesium und Lithium ließen sich auch in der EU abbauen. Auch lasse sich technische Innovationen fördern, die den Einsatz kritischer Rohstoffe reduzieren oder sogar komplett ersetzen. „Durch alle genannten Maßnahmen würden zwar auch die Kosten der Rohstoffe steigen, aber Deutschland würde stark profitieren – vor allem dann, wenn die Länder der Europäischen Union kooperieren würden“, sagte DIW-Experte Menkhoff.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kennzeichnung im Produktionstempo: Wie Brady die Industrie neu taktet

Produktionslinien laufen schneller denn je, doch die Rückverfolgbarkeit hinkt oft hinterher. Brady setzt genau hier an und zeigt, wie sich...

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilienmarkt: Bau-Reform mit Vorkaufsrecht der Kommunen für Grundstücke geplant
14.04.2026

Die Bundesregierung plant eine Reform des Baurechts, das den Kommunen deutlich mehr Eingriffsmöglichkeiten auf dem Immobilienmarkt...

DWN
Politik
Politik Debatte um EU-Wettbewerbsfonds: Milliarden für Schlüsselindustrien geplant
14.04.2026

Die EU plant mit dem EU-Wettbewerbsfonds einen milliardenschweren Fonds, um ihre Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den USA und China zu...

DWN
Politik
Politik Entlastungsprämie: Warum viele bei der Prämie leer ausgehen
14.04.2026

Günstigeres Tanken und eine 1.000-Euro-Prämie: Doch die Entlastungen kommen noch längst nicht bei den Bürgern an. Auch werden viele bei...

DWN
Politik
Politik Teuer und ineffizient: CDU-Generalsekretär Linnemann will Krankenkassen streichen
14.04.2026

CDU-Generalsekretär Linnemann fordert weniger Krankenkassen. Warum er weniger Kassen für ausreichend hält und welche Reformen er noch...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Krankenstatistik im Unternehmen: Wie Sie Fehlzeiten auswerten – mit und ohne Software
14.04.2026

Fehlzeiten sind eine betriebswirtschaftliche Größe und keine bloße HR-Kennzahl. Wer Fehlzeiten korrekt definiert, strukturell auswertet...

DWN
Unternehmen
Unternehmen BMW-Aktie: BMW verkauft weniger Autos - Es geht wieder bergab
14.04.2026

China und das Geschäft mit Elektroautos haben BMW ausgebremst. Der Elektroabsatz ist um 20 Prozent eingebrochen. In Deutschland und bei...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russisches LNG bleibt gefragt: Europa reagiert auf angespannte Märkte
14.04.2026

Europa greift verstärkt auf russisches LNG zurück, während geopolitische Spannungen die globalen Energiemärkte neu ordnen. Wie...

DWN
Finanzen
Finanzen Inflationsschock: Steigende Lebenshaltungskosten schüren finanzielle Ängste
14.04.2026

Die Furcht vor der Inflation sitzt tief in Deutschland. Die größten Sorgen machen sich laut einer Umfrage der Allianz aber nicht...