Wirtschaft

Großbritannien steht still: Neue Armut führt zur Renaissance der Gewerkschaften

Eine Streikwelle lähmt Teile Großbritanniens und könnte für Premier Rishi Sunak zum Problem werden.
18.12.2022 10:00
Lesezeit: 3 min
Großbritannien steht still: Neue Armut führt zur Renaissance der Gewerkschaften
Züge auf dem Abstellgleis in der Nähe des Bahnhofs Ashford in Kent. Eine riesige Streik-Welle könnte den britischen öffentlichen Dienst vor und um die Weihnachtzeit ins Chaos stürzen. (Foto: dpa) Foto: Kirsty Wigglesworth

Großbritannien stellt sich kurz vor Weihnachten auf eine massive Welle von Winterstreiks in den Bahn-, Gesundheits- und Post-Branchen ein. Für viele sind die aktuellen Streiks eine Erinnerung an den sogenannten „Winter des Unmuts“ 1978 und Anfang 1979, der dazu führte, dass die damalige Oppositionsführerin Margaret Thatcher den Ausnahmezustand ausrief.

Gesundheitssektor, Bahn und Post streikt

Der Bahnstreik, an dem rund 40.000 Mitglieder der Gewerkschaft „The National Union of Rail, Maritime and Transport Workers“ (RMT) aktuell schon beteiligt sind, wird den Bahnverkehr rund um Weihnachten vier Wochen lang betreffen. Hinzu kommen Streiks der Krankenschwestern und -pfleger im National Health Service (NHS), des Krankenwagenpersonals, der Rettungssanitäter, der Postarbeiter und möglicherweise Protestaktionen von Hebammen, Feuerwehrleuten und Lehrern nächstes Jahr.

Die Lage ist festgefahren: Hoffnungen auf eine schnelle Lösung wurden enttäuscht, nachdem Premierminister Rishi Sunak diese Woche ein Entgegenkommen der Regierung bei der Lohnpolitik für den öffentlichen Sektor ausgeschlossen hatte, berichtet The Guardian. Obwohl die Regierung darauf besteht, dass Lohnerhöhungen in diesem Sektor Sache der Arbeitgeber sind, kontrolliert sie die Finanzen in der Branche und möchte Erhöhungen unterhalb der Inflation halten.

Sunak sagte, die Regierung sei nicht in der Lage, ihre Position in Bezug auf die Löhne zu ändern: „Die Regierung wird zwar alles tun, um die Störungen zu minimieren, aber wir können sie nur dann vollständig beenden, wenn die Gewerkschaften an den Verhandlungstisch zurückkehren und die Streiks abblasen.“

Parallele zum „Winter des Unmuts“

Die Hauptgründe für den Streik im Winter 1978 waren hohen Preise und die mangelnde Anpassung der Einkommen. Damals war die Inflation mit 13 Prozent ähnlich hoch wie heute in Großbritannien, Energiepreise waren durch Ölpreisschocks in die Höhe getrieben worden, und die Regierung hatte Lohnbeschränkungen eingeführt. Im Jahr 1979 wurden in Großbritannien 30 Millionen Arbeitstage durch Arbeitskonflikte verloren, während es heute rund 250,000 pro Jahr sind.

Der große Unterschied zum damaligen Streik ist laut The Telegraph, dass heute weniger Briten einer Gewerkschaft angehören als damals. 1979 waren rund 53 Prozent der Arbeitnehmer in einer Gewerkschaft, heute sind es etwa 23 Prozent (und davon etwa zwei Drittel im öffentlichen Dienst).

Dem Guardian zufolge ist Großbritannien nun in einer Situation, in der die Gewerkschaften plötzlich im Mittelpunkt der nationalen Diskussion stehen. Guardian-Kolumnist John Harris kommentiert: „Die Tory-Regierung wird sich verdutzt fragen: Das hätte doch nicht passieren dürfen, oder? Mehr als vier Jahrzehnte sind vergangen seit Margaret Thatcher ihren Krieg gegen die organisierte Arbeiterschaft begann. Vor sechs Jahren verabschiedete die neu gewählte Tory-Regierung unter David Cameron ein Gewerkschaftsgesetz, dessen strenge neue Streikbeschränkungen wie der verspätete Abschluss dessen aussahen, was sie begonnen hatte. Und doch sind wir jetzt hier angelangt.“

Die Minister weigerten sich, zielorientiert zu verhandeln, sagt Harris, und versteckten sich lieber hinter offiziellen Lohnprüfungsgremien. Gleichzeitig mischen sie sich immer wieder in Gespräche zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern ein. Solche Manöver ignorieren jedoch die Tiefe der Krise, auf die die Streiks reagieren.

Lesen Sie dazu: Historischer Wohlstandsverlust ergreift Großbritannien

Jahrelange Probleme im öffentlichen Dienst

Die Proteste sind zum Teil eine verspätete Antwort auf die jahrelange Stagnation und das wiederholte Einfrieren der Löhne im öffentlichen Dienst. Zwischen 2010 und 2022 sind die Gehälter für erfahrene Krankenschwestern und -pfleger real um 20 Prozent gesunken - ein Grund, warum derzeit im englischen NHS fast 50.000 Stellen im Pflegebereich unbesetzt sind.

„Was alles in der Vergangenheit (für die Briten) zusammenhielt, war die Kombination aus noch nie dagewesenen niedrigen Zinsen und geringer Inflation - das bedeutete vergleichsweise billige Waren, leicht zu bedienende Kredite und die Eindämmung von Streiks und Konflikten. Jetzt, da diese Annehmlichkeiten weg sind, hat uns eine verwirrende neue Realität getroffen, die durch die Auswirkungen des Brexits noch schlimmer geworden ist,“ so Harris.

Die Kauflaune der Briten ist dieses Jahr angesichts der stärksten Inflation seit 40 Jahren auf ein Rekordtief gefallen - der niedrigste Stand seit mindestens 1974, als die Erhebung über die Finanzen der britischen Haushalte begann.

Dem Telegraph zufolge könnten einige Tories glauben, dass das Streik-Chaos über Weihnachten vorteilhaft für sie sein könnte, aber das sei „Wunschdenken“. Bürger neigen eher dazu, die Regierung zur Rechenschaft zu ziehen, und nicht die Opposition. „Ein weiterer Winter der Unzufriedenheit, wenn auch ein begrenzterer als 1978-1979, wird sich gegen Rishi Sunak richten,“ so die britische Tageszeitung.

Wie auch immer die aktuelle Streik-Welle in Großbritannien endet, man kann mit Sicherheit sagen, dass die Probleme, die hinter den Streiks stehen, tief verwurzelt sind und so schnell nicht verschwinden werden. Eine schwierige Zeit steht den Briten bevor.

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Vera von Lieres

Vera von Lieres gehört seit September 2022 zum DWN-Team und schreibt als Redakteurin über die Themen Immobilien und Wirtschaft. Sie hat langjährige Erfahrung im Finanzjournalismus, unter anderem bei Reuters und führenden Finanzmedien in Südafrika. Außerdem war sie als Kommunikations- und Marketing-Spezialistin bei internationalen Firmen der Investment-Branche tätig.

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