Finanzen

Schweizer Nationalbank fährt Rekordverlust ein

Die Schweizer Nationalbank hat 2022 mit einem Rekordverlust geschlossen. Das trifft den Bund und die Kantone, denn die üblichen Ausschüttungen bleiben nun aus. Experten glauben, die SNB wird ihre Geldpolitik dennoch unbeirrt fortsetzen.
10.01.2023 13:56
Aktualisiert: 10.01.2023 13:56
Lesezeit: 3 min

Fallende Aktien- und Anleihekurse und die Aufwertung des Franken haben der Schweizerischen Nationalbank (SNB) im Jahr 2022 den größten Fehlbetrag in ihrer 115-jährigen Geschichte eingebrockt. Treffen wird der immense Verlust von rund 132 Milliarden Franken vor allem Bund und Kantone, die von der Zentralbank keinen Beitrag zu ihren Haushalten erhalten werden.

Keine Ausschüttungen an Bund und Kantone

„Dieser Bilanzverlust verunmöglicht gemäß den Bestimmungen des Nationalbankgesetzes sowie der Gewinnausschüttungsvereinbarung zwischen dem Eidgenössischen Finanzdepartement und der SNB eine Ausschüttung für das Geschäftsjahr 2022“, erklärte die Notenbank am Montag. Nach der Verrechnung mit Rückstellungen und Ausschüttungsreserven resultiert ein SNB-Bilanzverlust von etwa 39 Milliarden Franken.

Letztmals hatte die SNB im Jahr 2014 kein Geld an die öffentliche Hand ausgezahlt. Im Vorjahr waren sechs Milliarden Franken an Bund und Kantone überwiesen worden und die Aktionäre hatten 15 Franken Dividende je Aktie erhalten. Die SNB hatte 2021 einen Gewinn von 26,3 Milliarden Franken erzielt. Der bislang größte Verlust von 23 Milliarden Franken stammte aus dem Jahr 2015.

Devisenbestände der SNB ziehen Bilanz ins Minus

Verantwortlich für die tiefroten Zahlen waren die riesigen Fremdwährungsbestände der Notenbank: 131 Milliarden Franken betrug der Verlust auf Fremdwährungspositionen. Das Ergebnis der SNB wird dominiert von den Wertschwankungen ihrer rund 800 Milliarden Franken schweren Devisenreserven, zu denen Aktien und Anleihen aus dem Ausland gehören.

Die Notenbank hatte jahrelang Fremdwährungen gekauft, um eine wirtschaftsschädliche Aufwertung des in Krisenzeiten als sicherer Hafen gefragten Franken zu unterbinden. Der Wert des von der SNB gehaltenen Golds erhöhte sich im vergangenen Jahr um 0,4 Milliarden Franken. Den definitiven Jahresabschluss will die Notenbank am 6. März veröffentlichen.

Auch andere Zentralbanken mit hohen Verlusten

Rote Zahlen drohen auch anderen wichtigen Zentralbanken. So hatte die Europäische Zentralbank (EZB) Ende November vor Verlusten im Zuge der raschen Zinswende gewarnt. Die EZB hat den Einlagensatz seit dem Sommer im Kampf gegen die hohe Inflation in vier Schritten auf inzwischen 2,0 Prozent angehoben.

Notenbankchefin Christine Lagarde stellte zudem weitere Zinserhöhungen in Aussicht. Noch im Juni hatte der Satz bei minus 0,5 Prozent gelegen. Wegen des in kurzer Zeit stark nach oben gesetzten Einlagensatzes zahlen die Währungshüter inzwischen wieder viele Milliarden Euro an Zinsen an die Geschäftsbanken, die bei den nationalen Notenbanken der Eurozone überschüssige Gelder parken. Das führt zu stark steigenden Zinsausgaben.

Auch nationale Notenbanken in der Euro-Zone hatten bereits entsprechende Ankündigungen gemacht. So hatte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel im Herbst darauf hingewiesen, dass die deutsche Notenbank Rückstellungen von rund 20 Milliarden Euro für den Fall gebildet hat, dass die Zinsen wieder steigen.

Nagel schloss Verluste für die Bundesbank nicht aus. Wenn es dazu käme, wäre dies nicht das erste Mal. Die deutsche Notenbank hatte bereits in den 1970er-Jahren rote Zahlen geschrieben. Der Bundesbank-Präsident rechnete allerdings nicht damit, dass der Staat Kapital für die Zentralbank nachschießen muss.

SNB wird Geldpolitik unbeirrt fortsetzen

In den Corona-Jahren 2020 und 2021 war der Bundesbank-Scheck an den Bund ausgeblieben, da die Bundesbank damals jeweils nur ein ausgeglichenes Ergebnis erwirtschaftet hatte. Noch für 2019 hatte sie einen Gewinn von rund 5,9 Milliarden Euro an den Bundeshaushalt überwiesen. Auch die Notenbanken Belgiens und der Niederlande hatten im vergangenen Jahr auf mögliche Bilanzverluste im Zuge der EZB-Zinswende hingewiesen.

Auf die Geldpolitik der Schweizer Währungshüter dürfte der immense Fehlbetrag keine Auswirkungen haben. „Die kolossalen Verluste der SNB werden ihre Geldpolitik nicht verändern“, sagte Karsten Junius, Ökonom bei J.Safra Sarasin.

Die SNB hatte wegen des Inflationsdrucks im Juni die Zinswende eingeleitet, den Leitzins 2022 in drei Schritten auf 1,0 Prozent angehoben und weitere Erhöhungen in Aussicht gestellt. Anhaltend massive Verluste könnten das Eigenkapital der Notenbank aufzehren. SNB-Direktoriumsmitglied Martin Schlegel hatte im Oktober in einem Zeitungsinterview erklärt, dass die SNB ihre Aufgabe auch mit negativem Eigenkapital erfüllen könne.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street schließt tiefer, da Schwäche im Tech-Sektor das Anlegervertrauen erschüttert
28.04.2026

Wachsende Unsicherheiten und unerwartete Wendungen halten die Finanzwelt in Atem – was Anleger jetzt über die aktuellen Marktbewegungen...

DWN
Technologie
Technologie USB-C wird Pflicht: EU zwingt Laptop-Hersteller zum neuen Standard
28.04.2026

Die EU schreibt USB-C ab heute als Pflichtanschluss für alle neuen Laptops vor und beendet damit eine jahrelange Übergangsphase. Für...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Atomaktien im Aufwind: Energiekrise setzt US-Börsen unter Druck
28.04.2026

Die US-Börsen stehen trotz geopolitischer Spannungen auf hohem Bewertungsniveau, während Atomaktien durch neue Sorgen um die...

DWN
Politik
Politik Richard Moore sieht globale Risiken: Spannungen setzen Europa unter Druck
28.04.2026

Die Aussagen von Ex-MI6-Chef Richard Moore zeichnen ein ungewöhnlich offenes Bild der aktuellen Weltlage zwischen Ukrainekrieg,...

DWN
Politik
Politik Vereinigte Arabische Emirate verlassen Opec
28.04.2026

Die massiven Einnahmen aus dem Ölexport haben den Emiraten über Jahrzehnte Macht und Wohlstand verschafft. Nun kündigen sie den Austritt...

DWN
Panorama
Panorama Weniger Zuckerbrot, mehr Peitsche: Regierung plant Zuckerabgabe und höhere Steuern
28.04.2026

Die Bundesregierung greift zu neuen Einnahmequellen und plant eine Zuckerabgabe – während Ausgaben und Schulden steigen. Gleichzeitig...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Aldi Süd baut mehr als 1.200 Stellen ab
28.04.2026

Aldi Süd treibt den Umbau voran und streicht 1.250 Stellen – vor allem in der IT. Der Einschnitt zeigt, wie hart selbst Discounter...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Thomas Schäfer vor Bewährungsprobe: Volkswagen Pkw kämpft mit Kostendruck
28.04.2026

Volkswagen Pkw steht vor einem tiefgreifenden Umbau, der Kosten, Elektromobilität und wachsenden Wettbewerbsdruck aus China zugleich...