Wirtschaft

Russisches Öl wird gemischt und teuer weiterverkauft

Händler in Singapur erzielen massive Gewinne, indem sie billige russische Kraftstoffe mit anderen Importen mischen, neu etikettieren und dann weiterverkaufen.
Autor
21.01.2023 08:02
Aktualisiert: 21.01.2023 08:02
Lesezeit: 3 min
Russisches Öl wird gemischt und teuer weiterverkauft
In Singapur werden im großen Stil russische Treibstoffe mit anderen Importen gemischt. (Foto: dpa) Foto: Wallace Woon

Die Nachfrage nach Öllagertanks in Singapur ist sprunghaft angestiegen. Dies ist ein klarer Hinweis darauf, dass dort russischer Kraftstoff in riesigen Mengen gemischt und weltweit reexportiert wird. Denn das Mischen von Kraftstoffen aus verschiedenen Quellen kann dazu beitragen, die Herkunft der Ladungen zu verschleiern.

Die Nachfrage nach Lagertanks in dem Stadtstaat steigt, weil das Interesse und die Gewinne aus der Vermischung von billigen Treibstofflieferungen aus Russland mit Lieferungen aus anderen Quellen zunehmen, berichtet Bloomberg mit Verweis auf einen leitenden Angestellten eines Tankbetreibers und einen Berater, der Händler in dieser Angelegenheit berät.

Denn Singapur hat die Einfuhr von Öl oder Erdölprodukten aus Russland nicht verboten. Den dort ansässigen Finanzinstituten ist lediglich untersagt, russische Waren und Unternehmen zu finanzieren oder mit ihnen zu handeln. Allerdings sind Umgang und Handel mit russischem Treibstoff in der Region nach wie vor ein heikles Thema, da einige Käufer nicht damit in Verbindung gebracht werden wollen.

Die russischen Rohöl- und Treibstofflieferungen nach Asien und in den Nahen Osten haben stark zugenommen, weil westliche Käufer sich abgewandt haben. Diese Lieferungen sind zunehmend zu Misch- und Umverteilungszentren wie Singapur und Fujairah in den Vereinigten Arabischen Emiraten gelangt, wo sie zusammengemischt, neu etikettiert und dann weltweit wieder exportiert werden können.

Dieser Trend zu mehr Lieferungen von Russland nach Asien und die wachsende Rolle der Umschlagplätze bei der Weiterverteilung könnte sich in den kommenden Wochen noch verstärken, da sich Europa darauf vorbereitet, am 5. Februar neue Sanktionen gegen russische Erdölprodukte zu verhängen.

Dann tritt in der EU das Importverbot für russischen Diesel auf dem Seeweg in Kraft. Damit fällt plötzlich die Hälfte aller Diesel-Importe weg. Die Ölmarktteilnehmer beobachten mit Spannung, wo russische Kraftstoffe wie Gasöl, Naphtha und Heizöl unterkommen werden, da viele asiatische Länder keine harte Haltung zu den Sanktionen einnehmen.

"Wir haben in der Zeit vor Dezember einen Anstieg der Anfragen für Kurzzeit-/Spotspeicher beobachtet", sagte ein Sprecher des Öllagerunternehmens Advario Asia Pacific zu Bloomberg. Das Unternehmen überprüft die Herkunft der Produkte, um sicherzustellen, dass sie mit den russischen Sanktionen vereinbar sind, bevor es sie annimmt, fügte die Person hinzu.

Ein Sprecher der in Singapur ansässigen Jurong Port Universal Terminal lehnte es ab, sich zu bestimmten Produktbewegungen zu äußern, sagte aber, das Unternehmen halte alle geltenden Sanktionen ein. Von den anderen Lagerfirmen hat Horizon Singapore Terminals nicht auf Anfragen von Bloomberg geantwortet, während ein Sprecher von Royal Vopak NV eine Stellungnahme ablehnte.

Advario, Jurong Port, Horizon und Royal Vopak betreiben kommerzielle Tanks in Singapur. Die Kosten für eine sechsmonatige Miete für die Lagerung von Heizöl oder Rohöl in Singapur stiegen im Laufe des letzten Jahres um 17 bis 20 Prozent, sagten Führungskräfte von Tankbetreiberfirmen.

Shiptracking-Daten von Vortexa zeigten, dass die Terminals in Singapur im Dezember 2022 mehr als doppelt so viel russisches Naphtha und Heizöl aufnahmen wie vor einem Jahr. Der Stadtstaat erhielt 2,6 Millionen Barrel Naphtha, fast 40 Mal so viel wie im Vorjahr.

Das in Singapurs Tanks ankommende russische Naphtha werde wahrscheinlich in die nordostasiatischen Märkte reexportiert, sagte Armaan Ashraf, globaler Leiter des Bereichs Erdgasflüssigkeiten bei dem in Singapur ansässigen Branchenberater FGE. Wahrscheinlich werden Drehkreuze wie Singapur und Fudschaira weiterhin eine Rolle bei der Umetikettierung dieser Produkte für den Vertrieb in ihren jeweiligen Regionen spielen.

Händler und Kraftstofflieferanten sind derzeit sehr an der Öllagerung und dem Mischen von Öl interessiert, da sie mit solchen Aktivitäten "sehr gute" Gewinnspannen erzielen können, sagt William Tan, Senior Vice President bei der in Singapur ansässigen Beratungsfirma für Schiffskraftstoffe Miyabi Industries.

Das liege daran, dass russisches Heizöl und andere Produkte wie leichtes Kreislauföl sehr billig zu haben seien, so Tan. Dies bietet einen großen Anreiz, diese stark verbilligten Sorten zu Gemischen zu mischen, die zu einem viel höheren Preis weiterverkauft werden können, und ermutigt Händler und Kraftstofflieferanten, dabei Onshore-Tanks oder schwimmende Offshore-Lager zu nutzen.

Nach Schätzungen von Tan können Händler eine Gewinnspanne von fast 20 Prozent erzielen, wenn sie russische Komponenten mit anderen Sorten mischen, um eine Heizölmischung herzustellen. Dieser Trend ist seit Oktober zu beobachten und liegt über dem typischen Gewinn von 10 bis 12 Prozent, fügte er hinzu.

Die Gewinnspannen könnten sich jedoch noch erhöhen, wenn es für die russischen Verkäufer aufgrund weiterer Handelsbeschränkungen noch schwieriger wird, ihre Ladungen loszuwerden. "Ein Teil dieses gemischten Treibstoffs könnte in Singapur als Schweröl verwendet oder an nahe gelegene Länder wie Indonesien und Vietnam weitergegeben werden", so Tan.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Die Krise der deutschen Automobilindustrie: Wo geht die Reise hin?
11.10.2026

Die deutsche Automobilindustrie, das historische Rückgrat des nationalen Wohlstands, steckt in ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Umgang mit Cookies: BGH verhandelt zu Cookie-Speicherung – darum geht's
10.10.2026

Der Bundesgerichtshof prüft, ob Unternehmen für das Speichern von Cookies auf fremden Internetseiten ohne Einwilligung haften müssen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Uber-Robotaxis in Deutschland: Erst Stellen streichen, dann Jobs versprechen
10.10.2026

Uber streicht Tausende Stellen und verspricht gleichzeitig neue Arbeitsplätze in Deutschland. Was widersprüchlich klingt, folgt einer...

DWN
Finanzen
Finanzen Revolut-Bank greift an: Dieser Fintech-Riese will Europas Banken überholen
10.10.2026

Die Revolut-Bank wächst in einem Tempo, von dem klassische Geldhäuser nur träumen können: fast 70 Millionen Kunden, Milliardenbewertung...

DWN
Technologie
Technologie KI-Prompts für Marketing und Vertrieb: 7 KI-Vorlagen für KMU und Selbstständige
10.10.2026

Fast jedes zweite kleine Unternehmen sieht noch keinen echten Nutzen in KI – dabei liegt der Unterschied oft nur im richtigen Prompt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dacia Sandero Stepway: Europas Bestseller hat ein Sicherheitsproblem
10.10.2026

Europas meistverkauftes Auto kommt nicht von Volkswagen, Toyota oder Peugeot, sondern von Dacia. Der Sandero Stepway punktet mit enormer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kingspan Group-Aktie unter Druck: EU greift nach geplatztem Deal durch
10.10.2026

Ein geplatzter Milliardendeal? Nein, ein gescheiterter Firmenkauf mit teuren Folgen. Weil der irische Baustoffkonzern Kingspan die...

DWN
Politik
Politik Marine Le Pen plant finanzpolitischen Kurs mit großen Einsparungen: Auf den Straßen wächst die Wut
10.10.2026

Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Während Zehntausende junge Menschen gegen marode Schulen und fehlende Investitionen...