Wirtschaft

Keine Entwarnung: Energie-Krise ist noch lange nicht vorbei

Europa scheint die Energie-Krise derzeit gut zu bewältigen. Doch tatsächlich sind die wirtschaftlichen Schäden enorm. Und zahlreiche Risiken bleiben bestehen.
Autor
14.01.2023 20:35
Aktualisiert: 14.01.2023 20:35
Lesezeit: 4 min

Überall in Europa haben Unternehmen und Bürger ihren Energieverbrauch reduziert. Dies war in den letzten Wochen teils auch deshalb möglich, weil das Wetter ungewöhnlich mild war. In der Folge erscheint die Energiekrise derzeit deutlich weniger dramatisch, als viele zunächst befürchtet hatten, nachdem die russischen Erdgaslieferungen im vergangenen Jahr praktisch zum Erliegen kamen.

Die europäischen Unternehmen hatten auch kaum eine andere Wahl, als ihren Energieverbrauch deutlich zu reduzieren. Denn trotz der jüngsten Entspannung auf den Energiemärkten sind Gas und Strom heute viel teurer als noch vor zwei Jahren. Und einige Unternehmen haben wegen der hohen Preise Europa verlassen, wie eine Studie des Statistischen Bundesamtes zeigt. Dies verringert den Energieverbrauch.

Zudem scheinen auch die staatlichen Kampagnen, welche die Bürger zum Energiesparen aufrufen, nun Wirkung zu zeigen. "Das Bewusstsein dafür, wie wir Energie verbrauchen und wie viel sie kostet, ist größer als je zuvor", zitiert das Wall Street Journal Brian Motherway, den Leiter der Effizienzabteilung bei der Internationalen Energieagentur (IEA).

Seit dem Konflikt mit Russland haben sich die Gasimporte auf andere Produzenten verlagert, vor allem die USA und Norwegen. Die wichtigste neue Versorgungsquelle ist importiertes Flüssigerdgas, vor allem aus den USA. Europa baut LNG-Terminals, von denen das jüngste am Freitag in Lubmin an der deutschen Nordküste eröffnet wurde.

Die europäischen Gasspeicher sind derzeit zu etwa 82 Prozent gefüllt und liegen damit weit über dem normalen Stand von etwa 65 Prozent zu diesem Zeitpunkt im Winter. Auch wegen dieser unerwartet günstigen Situation haben Ökonomen ihre Wirtschaftsprognosen für Europa zuletzt nach oben korrigiert. Für Deutschland erwarten sie im laufenden Jahr nur noch eine leichte Rezession.

Um dem Rückgang der russischen Gaslieferungen zu begegnen, hatten sich die Länder der Europäischen Union das Ziel gesetzt, ihren Erdgasverbrauch zwischen August 2022 und März 2023 um 15 Prozent gegenüber dem Durchschnitt der letzten fünf Jahre zu senken. Im Dezember meldete Eurostat, dass der Gasverbrauch in der EU sogar um 20,1 Prozent gesunken war.

In 18 EU-Staaten ist der Gasverbrauch über das 15-Prozent-Ziel hinaus gesunken, darunter auch Deutschland (-20 Prozent). Den größten Rückgang beim Gasverbrauch verzeichnen Finnland (-53 Prozent), Lettland (-43 Prozent) und Litauen (-42 Prozent). Nur acht Mitgliedstaaten haben das 15-Prozent-Ziel verfehlt, darunter Malta (+7 %) und die Slowakei (+3 %), die sogar mehr Gas verbrauchten als zuvor.

Energie-Krise ist noch lange nicht vorbei

Man darf jedoch nicht vergessen, wie viel Not und wirtschaftlicher Schaden durch das Energiesparen entstanden ist. Groß angelegte Schließungen energieintensiver Industrien drohen die industrielle Basis Europas zu erodieren. Und die Bürger müssen, auch wenn sie ihren Verbrauch deutlich reduziert haben, teils erheblich höhere Strom- und Gasrechnungen bezahlen.

Trotz des massiven Preisrückgangs seit dem letzten Sommer sind die europäischen Gaspreise im historischen Vergleich nach wie vor hoch und stellen eine langfristige Bedrohung für die Industrie dar. Wegen der fehlenden russischen Importe ist Europa nun auf Flüssiggas angewiesen, das hauptsächlich per Schiff transportiert wird und wesentlich teurer ist als Gas, das über Pipelines aus Russland angeliefert wird.

"Die Region erleidet einen anhaltenden Schock, der die Wirtschaftstätigkeit für einige Zeit einschränken wird", schrieben die Ökonomen der Bank of America am Freitag in einer Mitteilung. Viele haben dies nicht auf dem Schirm, da Europa seinen Energieverbrauch bisher gesenkt hat, ohne dass dies das Wirtschaftswachstum stark beeinträchtigt hätte.

Nach Angaben der IEA ist die Gasnachfrage in der EU im vierten Quartal um schätzungsweise 20 Prozent zum Vorjahreszeitraum gesunken. In Frankreich ist der Stromverbrauch im vergangenen Monat temperaturbereinigt um fast 10 Prozent gesunken. Der deutsche Gasverbrauch lag nach Angaben der Bundesnetzagentur seit Anfang Dezember witterungsbereinigt um 15 Prozent unter den Erwartungen.

Überall in Europa drehen die Bürger die Thermostate herunter, installieren Wärmepumpen oder renovieren ihre Häuser, um die Energieeffizienz zu verbessern. Die Industrie ist auf Heizöl umgestiegen, nutzt Abfälle aus ihren Prozessen, schränkt ihre gasabhängige Produktion ein oder importiert Ersatzstoffe aus den USA, dem Nahen Osten und anderen Regionen, wo die Gasversorgung wesentlich günstiger ist als in Europa.

"Die Fähigkeit, sich anzupassen und die Effizienz zu verbessern, übersteigt alles, was ich bis zum letzten Sommer für möglich gehalten hätte", zitiert das Wall Street Journal Svein Tore Holsether, den Vorstandsvorsitzenden von Yara International, einem Düngemittelhersteller, der zu den größten Gasverbrauchern in Europa gehört.

Seit dem sprunghaften Anstieg der Gaspreise im Jahr 2021 hat Yara seine europäische Produktion von Ammoniak, einem Vorprodukt von Düngemitteln, das auf Gas als Rohstoff angewiesen ist, je nach dem aktuellen Preis des Brennstoffs erhöht oder gesenkt. Auf diese Weise konnte das Unternehmen die Düngemittelproduktion in Europa aufrechterhalten.

Als Russland im Februar letzten Jahres in die Ukraine einmarschierte, war die Energieversorgung Europas äußerst gefährdet. Die Gasspeicher der Region gingen zur Neige. Denn die Erholung der Weltwirtschaft von der Pandemie brachte eine starke Nachfrage, während die geringeren Lieferungen des russischen Energieriesen Gazprom, der Europas größter Gaslieferant war, das Angebot schwächten.

Die Befürchtungen hinsichtlich der Energieversorgung im Winter wuchsen weiter, als Russland im Juni begann, die Lieferungen über die Nord-Stream-Pipeline, Europas Hauptader für den Import von Erdgas, zu drosseln. Dieser Schritt war offenbar eine Reaktion des Kremls auf die europäischen Sanktionen gegen Russland und auf die europäische Unterstützung der Ukraine mit militärischer Ausrüstung.

Russische Beamte hielten sich damals nicht mit Spott über Europa zurück und sagten voraus, dass der Kontinent im kommenden Winter frieren würde. "Niemand hat den Winter abgesagt, und alternative Lieferungen von Gas, Öl und Kohle sind teuer oder einfach unrealistisch", sagte Dmitri Medwedew, der stellvertretende Vorsitzende des russischen Sicherheitsrats.

Lesen Sie auch: Medwedew macht schockierende Vorhersagen für 2023

Jetzt bieten Europas gut gefüllte Gasvorräte eine gewisse Entlastung - sogar für den nächsten Winter. Denn wenn Europa diesen Winter mit relativ hohen Gasvorräten übersteht, müssen Staaten und Versorgungsunternehmen im Jahr 2023 keine großen Mengen kaufen, um die Speicher vor dem nächsten Winter wieder zu füllen. Das wird dazu beitragen, die Preise in diesem Sommer niedrig zu halten, sagen Analysten.

Verbleibende Risiken in Europas Energie-Versorgung

Russland, das immer noch etwa 8 Prozent der EU-Gaslieferungen liefert, könnte seine Lieferungen ganz einstellen. Chinas Wirtschaft öffnet sich wieder, nachdem die Regierung ihre Null-Covid-Politik beendet hat. Analysten zufolge wird dies wahrscheinlich die chinesische Nachfrage nach Flüssiggasimporten erhöhen und die Preise auf dem Weltmarkt in die Höhe treiben.

Zudem hat die Hitze im letzten Sommer die Wasserkrafterzeugung, eine der wichtigsten Stromquellen, stark beeinträchtigt. "Es gibt immer noch keine Redundanz im System", sagt Ben McWilliams, Analyst bei der Denkfabrik Bruegel in Brüssel. "Wir befinden uns immer noch in einer Situation, in der die Preise massiv ansteigen könnten, sobald es nur ein Problem gibt".

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Räte warnen vor Inflation – steigen die Leitzinsen bald wieder?
22.03.2026

Unsichere Märkte, steigende Inflation und wachsende Risiken: Die EZB-Leitzinsen rücken erneut ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Mehrere...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Goldpreis reagiert kaum auf den Iran-Krieg: Warum der Anstieg ausbleibt
22.03.2026

Der Goldpreis reagiert trotz Iran-Krieg und steigender Spannungen im Nahen Osten bislang überraschend verhalten. Welche Faktoren...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Iran-Krieg verändert Anlagestrategien: Investoren trennen sich von Tech-Aktien
22.03.2026

Der Iran-Krieg und der Ölpreisschock bringen die bisherige Dominanz von KI-Investments ins Wanken und verschieben die Kapitalströme in...

DWN
Finanzen
Finanzen Vermögen aufbauen: Warum Investoren eine Anlagestrategie und Mut brauchen
22.03.2026

Deutschland klammert sich an ein Sicherheitsgefühl, das ökonomisch nicht mehr trägt. Während die nominalen Geldvermögen Rekorde...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Risiko für die Weltwirtschaft: Wie Energie, KI und Schulden zur globalen Bedrohung werden
22.03.2026

Mehrere globale Risiken bauen sich gleichzeitig auf: Geopolitische Krisen verursachen steigende Energiepreise, Finanzmärkte geraten unter...

DWN
Panorama
Panorama Wasserknappheit: Wie ernst ist die Lage in Deutschland?
22.03.2026

Mal fehlt Regen über Monate, dann fällt er in kurzer Zeit im Übermaß: Deutschlands Wasserhaushalt gerät aus dem Gleichgewicht....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Sneaker-Revolution aus dem Drucker: Wie ein Hamburger Start-up die Schuhwelt umkrempelt
22.03.2026

Von der heimischen Werkstatt an die Füße der Weltstars: Cornelius Schmitt hat geschafft, wovon viele Sneaker-Fans nur träumen. Mit...

DWN
Politik
Politik EU-Vermögensregister: Die Infrastruktur für totale Transparenz steht
22.03.2026

Über ein europäisches Vermögensregister wird seit Jahren gestritten. Vertreter der EU-Kommission betonten lange Zeit, ein solches...