Politik

Putin braucht keinen Weltkrieg: Darum ist eine globale Eskalation nicht Russlands Ziel

Russlands Kriegspolitik wird häufig als Vorstufe einer globalen Eskalation interpretiert, doch historische Vergleiche zeichnen ein differenzierteres Bild. Bereitet Wladimir Putin tatsächlich einen Weltkrieg vor oder spricht gerade die Logik autoritärer Macht dagegen?
24.12.2025 07:35
Lesezeit: 5 min
Putin braucht keinen Weltkrieg: Darum ist eine globale Eskalation nicht Russlands Ziel
Putins Machtpolitik weist Parallelen zur Stalinzeit auf, doch ein globaler Krieg liegt nicht im Interesse der russischen Führung (Foto: dpa) Foto: Sergei Ilnitsky

Warum Eskalation für die russische Elite kein Ziel ist

Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass die heutige russische Führung einen Weg der nuklearen Eskalation einschlagen will. Es handelt sich um ehemalige Geheimdienstmitarbeiter und Funktionäre, die in erheblichem Wohlstand leben und ihr persönliches Leben nicht gegen einen möglichen Weltuntergang eintauschen würden, sagte der Historiker Alexander Gogun bei der Vorstellung seines Buches.

Nach Einschätzung Goguns ist diese Haltung strukturell bedingt und eng an die Interessen der herrschenden Gruppe gekoppelt. Die heutige Machtelite profitiere vom bestehenden System und habe kein Interesse an einer Eskalation, die die eigenen Lebensumstände fundamental gefährden und den Zugriff auf Privilegien zerstören würde.

Gogun betont zugleich, dass Diktaturen nach anderen ökonomischen und politischen Gesetzmäßigkeiten funktionieren als demokratische Staaten. Ihre Widerstandsfähigkeit zu unterschätzen, sei ein strategischer Fehler, der sich nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich rächen könne, weil Anpassungsmechanismen und Umgehungspraktiken oft systematisch eingeübt sind.

Stalin und die Vorbereitung eines globalen Krieges

Im Zentrum von Goguns Buch steht die Frage, ob Josef Stalin tatsächlich plante, Mitte der 1950er Jahre Westeuropa und die USA militärisch anzugreifen. Diese These bildet den Kern der Untersuchung „Durchdachter Weltuntergang. Wie Stalin den Dritten Weltkrieg vorbereitete“, in der der Autor die strategische Logik, die militärischen Voraussetzungen und die politischen Signale der sowjetischen Führung rekonstruiert.

Das Buch wurde Mitte Dezember im estnischen Parlament vorgestellt und ist inzwischen im Buchhandel erhältlich. Es analysiert detailliert die militärischen und politischen Planungen der Sowjetunion in den frühen 1950er Jahren und ordnet sie in die internationale Lage nach dem Zweiten Weltkrieg ein, als Machtblöcke, Rüstungsdynamik und Ideologie die Weltpolitik bestimmten.

Der Leser hat ein Bild zu erwarten, das zugleich rational und ungeheuerlich ist. Eine Verbindung von Monstrosität und außergewöhnlicher Kaltblütigkeit, einer eigentümlichen blutrünstigen Besonnenheit in ein und derselben Person und in ein und demselben Plan, der das Schicksal des gesamten Planeten Erde umfasste, so Gogun in dem Interview des estnischen Wirtschaftsportals Äriepäev.

Langfristige Planung statt spontaner Aggression

Die Vereinigten Staaten konnten die Sowjetunion natürlich nicht sofort angreifen, dazu verfügte sie über zu geringe Kräfte. Dafür hätte sie zunächst beträchtliche Ressourcen und Territorien in Eurasien erobern müssen, was ihr in den 1940er-Jahren auch erfolgreich gelang, mein Gogun weiter.

Stattdessen habe der Fokus auf der Sicherung von Ressourcen und Einflusszonen in Eurasien gelegen, was Stalin in den 1940er Jahren systematisch vorangetrieben habe. In dieser Phase seien Territorien, politische Abhängigkeiten und militärische Positionen so ausgebaut worden, dass die Sowjetunion im eigenen Verständnis die Ausgangslage für eine spätere Eskalation verbessern konnte.

In seinen letzten Lebensjahren bereitete Stalin direkt einen Angriff auf die USA vor. Gogun stützt diese Einschätzung auf Dokumente, Aussagen und Treffen im Machtzentrum, in denen über Zeitfenster, Kräfteverhältnisse und die Mobilisierung von Verbündeten gesprochen worden sei.

Korea, China und kalkulierte Eskalation

„Bezeichnend ist auch das Manöver des Jahres 1950, als die sowjetische Delegation den Sicherheitsrat der UNO verließ […]. Gerade während ihrer Abwesenheit griff Nordkorea Südkorea an, und die Vereinigten Staaten

traten unter dem Banner der UNO in den Krieg ein“, so Gogun. Später veröffentlichte Dokumente zeigen nach Goguns Darstellung jedoch, dass dieser Schritt bewusst erfolgte. Stalin habe kalkuliert, dass die USA in einen Konflikt gezogen werden und dabei neue Fehler begehen würden, wodurch sich das internationale Kräfteverhältnis zugunsten der Sowjetunion verschieben könnte. Er sagt weiter: "Auch Stalins Brief an Mao aus dem Oktober 1950 ist von Bedeutung: Mao zögerte, in den Koreakrieg einzutreten, obwohl Stalin dies verlangte. Stalin schrieb: ‚Wenn es zum Krieg kommt, dann soll er jetzt stattdinden‘, wobei er die Möglichkeit meinte, dass der Kondlikt in einen Dritten Weltkrieg übergehen könnte. Er war sich dieses Risikos bewusst, hielt eine Eskalation jedoch für unwahrscheinlich – und behielt recht: Die Vereinigten Staaten entschieden sich für eine Deeskalation.“

Warum der Krieg nicht stattfand

Nach Goguns Einschätzung war Stalins Tod der entscheidende Wendepunkt. Seine engsten Mitstreiter entschieden sich anschließend für eine Entspannung der internationalen Lage und damit gegen ein Szenario, das in einen unkontrollierbaren globalen Krieg hätte münden können.

Andere überzeugte Stalinisten, die später aus der Macht verdrängt wurden, bedauerten rückblickend, dass der große Krieg nicht stattgefunden habe. Politisch spielten sie jedoch keine entscheidende Rolle mehr, während die verbliebene Führung eine pragmatischere Linie einschlug.

Die Führung, die an der Macht blieb, habe vor allem Stabilität gesucht. Statt ein unkalkulierbares globales Risiko einzugehen, sei der Schwerpunkt auf die Sicherung des Systems, die Kontrolle des Blocks und die Reduzierung unmittelbarer Eskalationsgefahren gelegt worden.

Krieg ohne gesellschaftliche Zustimmung

Stalin habe große militärische Projekte auch ohne Rückhalt in der Gesellschaft umsetzen können. Bereits in den 1930er Jahren habe er potenzielle Gegner systematisch ausgeschaltet, sodass Loyalität erzwungen und abweichende Stimmen frühzeitig neutralisiert werden konnten.

Der Zweite Weltkrieg habe gezeigt, dass selbst massive Verluste nicht zu Aufständen führten. Weder an der Front noch im Hinterland kam es zu revolutionären Bewegungen, obwohl die Belastungen enorm waren und die Menschen in vielen Regionen unter extremen Bedingungen lebten.

Auch nach Kriegsende blieb ein politischer Umbruch aus. Die Machtstruktur erwies sich trotz der menschlichen Opfer als stabil, was Gogun als Beleg dafür anführt, wie stark autoritäre Systeme Kriegsführung auch gegen gesellschaftliche Stimmungen durchsetzen können.

Erinnerungspolitik zwischen Staat und Familie

In vielen postsowjetischen Gesellschaften ist die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg stark heroisiert. Gogun hält es dennoch für möglich, dieses Narrativ schrittweise aufzubrechen, weil Generationenwechsel, neue Konfliktlinien und andere Bedrohungen die Deutungshoheit des Staates schwächen.

Umfragen zeigten bereits vor Jahren, dass jüngere Generationen staatliche Gedenkrituale zunehmend kritisch sehen. Der Generationenwechsel spiele dabei eine zentrale Rolle, ebenso die heutige Konfrontation zwischen Ukrainern und Russen sowie moderne ökologische Risiken, die einen anderen Blick auf globale Verwundbarkeit erzwingen.

Familiäre Erinnerungen seien dagegen meist von Leid und Verlust geprägt und stünden im Gegensatz zur staatlichen Heldeninszenierung. Würde Politik stärker auf das private Gedächtnis zurückgreifen, so die Argumentation, ließe sich Krieg weniger leicht legitimieren, weil die Tragik dann sichtbar würde.

Wirtschaftliche Parallelen zwischen Stalin und Putin

Gogun sieht klare Parallelen zwischen stalinistischer Wirtschaftspolitik und heutigen russischen Praktiken. Die Fähigkeit, unter Sanktionen zu funktionieren, sei historisch erprobt, und Erfahrungen mit Importsubstitution sowie mit Umgehungswegen könnten in aktuellen Strategien wieder auftauchen.

Nach 2014 erwarteten viele Beobachter einen raschen wirtschaftlichen Zusammenbruch Russlands, besonders im Vorfeld der großflächigen Invasion 2022. Stattdessen blieb das System stabil und verzeichnete zeitweise sogar Wachstum, was Gogun als Hinweis versteht, dass Anpassungsmechanismen in Diktaturen anders greifen als in offenen Volkswirtschaften.

Stalin betrachtete Handelsbeschränkungen bereits als Anreiz zur Eigenproduktion, weil sie Abhängigkeiten reduzieren und eine eigene Industrie erzwingen sollten. Diese Logik der Importsubstitution präge auch heute die russische Wirtschaftspolitik, die unter Sanktionsdruck auf Ersatzproduktion, Parallelimporte und neue Handelsrouten setzt.

Geschäfte mit autoritären Regimen

Gogun warnt Unternehmer ausdrücklich vor wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit Diktaturen. Die Umgehung von Sanktionen sei nicht nur rechtlich problematisch, sondern auch sicherheitspolitisch riskant, weil sie Akteure in Grauzonen zwinge und damit angreifbar mache.

Wer sich auf intransparente Geschäftsmodelle einlasse, mache sich erpressbar und öffne Geheimdiensten Einflussmöglichkeiten. Bereits ein formales Ausweichen vor Regeln könne ausreichen, um Druck aufzubauen, Partner zu kompromittieren und sie in Abhängigkeiten zu treiben.

Autoritäre Systeme nutzten wirtschaftliche Partner nur so lange, wie es ihnen diene. Sobald sich die Interessenlage ändere, könnten Partner wirtschaftlich zerstört oder politisch fallen gelassen werden, weshalb Gogun als praktische Regel empfiehlt, solche Geschäfte grundsätzlich zu vermeiden.

Putin und die Frage eines Weltkriegs

Gogun hält es für ausgeschlossen, dass Putin einen Dritten Weltkrieg vorbereitet. Die strategischen Rahmenbedingungen hätten sich verändert, weil die nukleare Abschreckung im Raketenzeitalter das Prinzip der gegenseitig garantierten Zerstörung etabliert habe.

Auch westliche Stellen sähen keine Hinweise darauf, dass Russland Atomwaffen real in eine operative Einsatzbereitschaft versetzt habe. Zudem sei Russland militärisch gebunden, was die Frage aufwerfe, wie ein globaler Krieg plausibel sein soll, wenn bereits ein regionaler Krieg nicht entschieden wird.

Realistisch seien lediglich hybride Angriffe, die bereits beobachtet würden und an Intensität gewinnen könnten. Eine direkte militärische Konfrontation mit der NATO schließt Gogun aus und rät den Mitgliedstaaten, den Blick eher auf konkrete Verwundbarkeiten zu richten.

Was diese Analyse für Deutschland bedeutet

Für Deutschland ergibt sich daraus vor allem eine nüchterne Lehre für Wirtschaft und Sicherheit. Der Umgang mit autoritären Regimen erfordert historische Kenntnis, strategische Klarheit und eine realistische Einschätzung der Anpassungsfähigkeit solcher Systeme.

Gerade deutsche Unternehmen sollten die Widerstandsfähigkeit von Diktaturen nicht unterschätzen und Abhängigkeiten kritisch prüfen. Wer auf schnelle Geschäfte unter politischem Risiko setzt, erhöht die Gefahr, in Sanktionskonflikte, Reputationsschäden und sicherheitspolitische Spannungen hineingezogen zu werden.

Die historische Perspektive legt nahe, wirtschaftlichen Pragmatismus stets mit politischer Weitsicht zu verbinden. Für Deutschland bedeutet das, Investitionsentscheidungen, Lieferketten und Technologiekooperationen so auszurichten, dass kurzfristige Vorteile nicht zu langfristigen strategischen Kosten werden.

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