Finanzen

Rothschild-Familie nimmt Privatbank nach 185 Jahren von der Börse

Die Rothschild-Familie plant einen Börsenrückzug der traditionsreichen Bank „Rothschild & Co“, einst Arbeitgeber von Frankreichs Präsident Macron. Es ist der nächste Einschnitt in der über 200-jährigen Historie der berühmten Bankendynastie.
18.02.2023 09:07
Aktualisiert: 18.02.2023 09:07
Lesezeit: 4 min
Rothschild-Familie nimmt Privatbank nach 185 Jahren von der Börse
David de Rothschild war bis 2018 Vorsitzender der Bank "Rothschild und Co". (Foto: dpa) Foto: Gian Ehrenzeller

Die Bankiersfamilie Rothschild will die Investmentbank „Rothschild & Co“ mit einem milliardenschweren Angebot von der Börse nehmen. In der Fachsprache nennt man diesen Prozess „Delisting“. Die Familienholding Concordia bietet dafür 48 Euro pro Aktie, womit die Bank insgesamt einen Wert von 3,7 Milliarden Euro aufweisen würde. Zum Zeitpunkt der Bekanntgabe entsprach das einem Aufschlag von 20 Prozent auf den Börsenkurs.

Concordia hält laut Financial Times 38,9 Prozent der Anteile an Rothschild & Co. Über sonstige Beteiligungsgesellschaften hält die erweiterte Rothschild-Familie ohnehin schon insgesamt 54,5 Prozent des Aktienkapitals und zwei Drittel der Stimmrechte. Das Delisting ändert also kaum etwas an der Firmenstruktur.

Die Familienholding befindet sich eigenen Angaben zufolge derzeit noch in Gesprächen mit Investoren und Kreditgebern, um den Börsenabgang zu finanzieren. Außerdem müssen mindestens 90 Prozent der Aktionäre dem Deal zustimmen. Nach Abschluss der Transaktion würde die traditionsreiche Privatbank nach 185 Jahren von der Pariser Börse verschwinden.

Die Aktie notiert aktuell mit 47 Euro nur minimal unter dem kolportierten Übernahmepreis. Der Markt sieht es demnach als sehr wahrscheinlich an, dass der Börsenrückzug erfolgreich durchgeführt wird.

Rothschild & Co ist in vier große Geschäftsbereiche unterteilt: Das Beratungsgeschäft, das Geschäft mit Firmenkunden, die Vermögensverwaltung und neuerdings Private Equity (riskante Unternehmensbeteiligungen). Rund 3.800 Menschen arbeiten in 40 Ländern für das in Frankreichs Hauptstadt residierende Finanzhaus.

Unsere DNA ist viel besser dafür geeignet, ein privates Unternehmen zu sein.“, erklärt Vorstand Alexandre de Rothschild zu den Beweggründen des Deals.

Concordia schreibt in einer Mitteilung, dass keine der Geschäftsabteilungen Zugang zu Kapital von den öffentlichen Aktienmärkten benötige und es im Sinne der langfristigen Ausrichtung sinnvoller sei, die Gruppierung in privater Hand zu halten. „Jeder der Geschäftsbereiche ist besser auf der Grundlage seiner langfristigen Leistung als auf der Grundlage kurzfristiger Erträge zu bewerten.“, heißt es in der Erklärung. An der Börse herrscht tatsächlich häufig ein übertriebener Fokus auf die neuesten Quartalszahlen.

Die Bank verzeichnete im dritten Quartal 2022 einen Umsatz von 864 Millionen Euro, 30 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Umsatz in der Beratungs-Sparte „Global Advisory“, dem mit Abstand größten Geschäftsbereich des Unternehmens, stieg im gleichen Zeitraum um 18 Prozent auf 547 Millionen Euro. Analysten schätzen, dass der Umsatz für das Gesamtjahr 2022 bei 2,9 Milliarden Euro liegen wird, mit einem Gewinn von 474 Millionen.

Im Vermögens-Segment verwaltet Rothschild & Co knapp 100 Milliarden Euro an Kundengeldern. Die Gruppe warnte jüngst, dass 2023 angesichts des makroökonomischen und geopolitischen Umfelds wahrscheinlich ein schwieriges Jahr werden würde.

Antizyklischer Börsenrückzug

„Das Geheimnis der Spekulation: Kaufe, wenn das Blut auf den Straßen fließt.“ Dieses berühmte Zitat wird Nathan Mayer Rothschild (1840-1915), erster Rothschild-Bankier im britischen Erbadel, zugeschrieben. Es wird nicht selten von Finanz-Gurus und Privatanlegern zitiert, um antizyklische Aktienkäufe in Zeiten ausgebombter Märkte zu rechtfertigen.

Die Rothschild-Familie agiert nun auch in der Neuzeit klassisch antizyklisch. Denn auch wenn sich die Aktienmärkte von den Tiefs wieder einigermaßen erholt haben, liegt der M&A-Sektor weiter am Boden, was vor allem auf die steigenden Zinsen und das unsichere gesamtwirtschaftliche Umfeld zurückzuführen ist. Nahezu alle Akquisitionen müssen zu einem Großteil mit Schulden finanziert werden und die derzeit hohen Zinskosten machen dies unattraktiv. Zudem sind Investoren in wirtschaftlich unsicheren Zeiten risikoscheu und Konzerne tendieren eher dazu, sich zu verkleinern als in teure Fusionen oder Übernahmen zu investieren.

Analysen von Morgan Stanley und PwC zufolge hat das globale Volumen in diesem Sektor in der zweiten Jahreshälfte 2022 um satte 50 Prozent abgenommen (Vorjahresvergleich). Die Anzahl der Deals sank im selben Zeitraum um 25 Prozent. Wie stark der Rückgang bei M&A-Aktivitäten war, zeigt nicht zuletzt, dass beratende Investmentbanken wie Goldman Sachs erhebliche Gewinneinbrüche vermelden mussten und infolgedessen Boni gekürzt sowie Tausende von Arbeitsplätzen gestrichen wurden.

Ironischerweise leidet auch die Beratungssparte von Rothschild & Co unter Einbußen des lukrativen Übernahme-Geschäfts. Die renommierte Investmentbank war in jüngster Zeit unter anderem an der 75 Milliarden Euro schweren Abspaltung von Porsche durch den VW-Konzern, am Zusammenschluss der Satellitenbetreiber Eutelsat und OneWeb und an der der Verstaatlichung des Energieriesen Uniper beteiligt.

Ursprünge der Bankendynastie im 18. Jahrhundert

Die Ursprünge der jüdischen Finanziersfamilie sind in einem Frankfurter Armenviertel zu finden, wo 1743 Mayer Amschel Rothschild geboren wurde. Der gründete in jungen Jahren ein Handelsunternehmen für Antiquitäten und Münzen. Das Geschäft verlagerte sich schnell in Richtung Heereslieferungen und Finanzprodukte, womit Mayer zum Begründer der berüchtigten Bankendynastie wurde.

Anfang des 19. Jahrhunderts war Mayer Amschel Rothschild einer der mächtigsten Banker Europas. Und Mayer war bestrebt, diese Macht in der Familie zu behalten, indem er seine Söhne in Londen, Wien, Neapel und Paris platzierte, um neue Banken und Zweigstellen zu gründen und den Einflussbereich der Bankiersfamilie zu vergrößern.

Bekannt wurden die Rothschild-Banken vor allem im Wertpapierhandel und als Staats- und Kriegsfinanzierer. So war die Finanzdynastie seinerzeit führend im Handel mit Staatsanleihen im deutschen Raum und wurde zum wichtigsten Geldgeber Österreichs. Die Rothschild-Dynastie finanzierte die britische Armee, damit sie Napoleon besiegen konnte und rettete die Bank of England nach einem Bankrun.

Die Geschichte der Londoner Börse zur Hochzeit der industriellen Revolution ist eng mit den Rothschilds verknüpft. Die Familie investierte zudem große Summen in Versicherungen und Eisenbahnen und war auch am Bau des Suezkanals beteiligt.

Die Ursprünge der Rothschild-Dynastie reichen also mehr als 200 Jahre zurück. Die Geschichte von Rothschild & Co wiederum begann 1838 als börsennotierte Eisenbahngesellschaft.

Die aktuelle Struktur der Privatbank basiert auf der vor zehn Jahren stattgefundenen Fusion zwischen der britischen Handelsbank „NM Rothschild & Sons“ und der damals getrennten französischen Investmentbank „Rothschild & Cie“, für die auch Frankreichs momentaner Präsident Emmanuel Macron tätig war. Die vom damaligen Vorstandsvorsitzenden David de Rothschild eingefädelte Transaktion vereinheitlichte die Unternehmensstruktur unter dem französischen Mutterkonzern und beendete die jahrzehntelange Rivalität zwischen den beiden Blöcken.

Vor einigen Monaten starb Evelyn de Rothschild, der zusammen mit seinem Neffen David viele Jahre lang das Gesicht der Bank war. Evelyn war unter anderem auch Chef des Economist und Finanzberater der ebenfalls kürzlich verstorbenen britischen Königin Elisabeth. Die Privatbank wird heute von Alexandre de Rothschild, dem Sohn von David, geleitet. Er vertritt damit die siebte Generation der Familie an der Spitze der Finanzdynastie.

Unter Alexandres Führung konzentriert sich die Bank darauf, ihr Kerngeschäft in Frankreich und Großbritannien zu diversifizieren, im Private-Equity-Segment Fuß zu fassen und die Expansion in den USA voranzutreiben, wo man in der Vergangenheit Schwierigkeiten hatte.

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Jakob Schmidt

                                                                            ***

Jakob Schmidt ist studierter Volkswirt und schreibt vor allem über Wirtschaft, Finanzen, Geldanlage und Edelmetalle.

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