Unternehmen

Experten: Zu- und Verkäufe von Unternehmen kommen zum Erliegen

Das Merger & Acquisitions-Jahr 2023 sieht düster aus. Zu- und Verkäufe von Unternehmen kommen Experten zufolge ins Stocken.
09.01.2023 15:00
Aktualisiert: 09.01.2023 15:08
Lesezeit: 3 min
Experten: Zu- und Verkäufe von Unternehmen kommen zum Erliegen
Nahaufnahme einer Euro-Münze. (Foto: dpa) Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Die Energiekrise und der Krieg in der Ukraine haben für Unternehmen drastische Folgen. Die Energiepreise steigen an und die Unsicherheit, in welche Richtung sich die Wirtschaft bewegt, lähmt Investitionen. Wie stark Zu- und Verkäufe von Unternehmen auch im Jahr 2023 durch die unsichere Wirtschaftssituation betroffen sein werden verdeutlichen die Meinungen von Experten zum bevorstehenden Merger & Acquisitions-Jahr 2023.

Klima hellt erst ab Jahresmitte auf

Steigende Energiekosten, hohe Zinsen und eine immer unsichere Weltlage. Die vielen Unsicherheiten zu Jahresbeginn sind Gift für große Zu- und Verkäufe von Unternehmen. Jens Krane, Head of Mergers & Acquisitions bei der Commerzbank erwartet gegenüber der Lebensmittelzeitung keine Veränderungen im Jahr 2023: „Ich gehe davon aus, dass Investoren im ersten Halbjahr sehr zurückhaltend bleiben. Strukturell gut aufgestellte Unternehmen lassen sich auch in diesem Jahr „gut“ verkaufen. Tendenziell glaube ich aber, dass sich erst ab der Jahresmitte das Klima aufhellt und wieder größere Transaktionen über den Tisch gehen. Vorausgesetzt, die geopolitische Entwicklung stabilisiert sich.“

Bei den geopolitischen Entwicklungen nennt Krane nicht nur den seit über zehn Monaten andauernden Krieg in der Ukraine, sondern auch die schwer analysierbare Lage und Entwicklung in China. Die schlechte Stimmung habe aber auch in seinen Augen etwas Positives. Investoren könnten jetzt auf einem deutlich niedrigeren Niveau einkaufen. Manche würden es auch ein realistisches Niveau nennen. Inzwischen sei auch der Weltuntergang wieder ausgepreist.

Mehr Carve-Out-Transaktionen erwartbar

Großtransaktionen sieht der Experte in diesem Jahr nicht. Er sei jedoch überzeugt, dass es sichtbar mehr zu sogenannten Carve-Out-Transaktionen kommen werde. Beispiele hierfür aus dem Jahr 2022 waren die Abspaltung des Konsumgütergeschäfts von der Pharmasparte bei Glaxosmithkline oder Johnson & Johnson, aber auch größere Portfoliobereinigungen wie beim Konsumgüter- und Klebstoffproduzenten Henkel.

Der Persil-Hersteller hatte im Rahmen der Spartenfusion erklärt, margenschwache Marken verkaufen zu wollen oder eventuell einzustellen. Ende des Jahres verkaufte Henkel etwa das Zahnputzgeschäft an Katjes International. Die Tendenz gehe zur Verkleinerung des Portfolios. Große börsengelistete Unternehmen würden ihre Margen verbessern wollen und einen größeren Fokus darauf legen in puncto ESG zu glänzen.

Konsolidierungen sind aktuell am wichtigsten

Andreas Resch ist bei der Commerzbank für Konsumgüterunternehmen und den Einzelhandel zuständig. Der Experte stimmt Kranke zu und vermutet gegenüber der Lebensmittelzeitung, dass die Unsicherheit das Jahr zunächst dominieren werde. Unternehmen seien seit Mitte 2022 verstärkt mit eigenen Problemen beschäftigt. Bei diesem Zustand würde es zunächst bleiben: „Verbraucher werden im Jahresverlauf hoffentlich weniger verunsichert sein. Wir sind gerade am Tiefpunkt. Je schneller die Erholung kommt, desto schneller steigt auch die Stimmung bei Investoren.“

Bis es zu diesem Zeitpunkt käme seien Reformierungen wichtig. In angespannten Zeiten werde es für nicht so gut aufgestellte Firmen brenzlig. Er rechne zwar nicht mit einer Insolvenzwelle. Dennoch hätten Marken, die strukturell wichtige Trends wie mehr Nachhaltigkeit, Omnichannel-Vertrieb und Erschließung neuer, jüngerer Kundengruppen versäumt hätten, wenig Perspektive.

Krane wählt noch eine schärfere Formulierung: „Es verschwinden Unternehmen vom Markt.“ Gewisse Firmen und Marken seien nicht mehr am Puls der Zeit, sodass sie auch für Investoren nicht interessant genug erschienen.

Lesen Sie dazu: DWN Exklusiv-Interview Teil 1: „Die Insolvenzwelle geht über alle Branchen hinweg“

Umsatzwachstum nicht mehr so wichtig wie im Januar 2022

Rückblickend sei das M&A-Jahr 2022 passabel gewesen, sagt Krane, mehr jedoch auch nicht. Nach zwei ordentlichen Quartalen zum Start, habe sich vom dritten Quartal an die Stimmung aber merklich verschlechtert, wie Resch erklärt: „Im Konsumgüterbereich gab es nur wenige und eher kleinere Transaktionen. Bemerkenswert ist, dass sich ab der Jahreshälfte die Art der Transaktionen verändert hat.“ Krane fügt hinzu: „Das Umsatzwachstum ist nicht mehr so wichtig wie noch vor einem Jahr. Das, was unter dem Strich steht, ist wieder zentral. Cashflows in ferner Zukunft sind heute weit weniger wert.“

Am deutlichsten würde man diese Veränderung Krane und Resch zufolge bei Schnelllieferdiensten sehen. 2021 und 2022 habe es einen Sturm auf Schnelllieferdienste gegeben. Es seien zu viele Unternehmen gegründet worden, die jedoch kein Geld verdient hätten. Resch erklärt: „Das Geld ist in den vergangenen Jahren verbrannt worden, davon haben Investoren aufgrund der hohen Verunsicherung Abstand genommen. Die Konsolidierung, die 2023 weitergeht, ist gesund für den Markt.“

Einem anderen Trend bescheinigen die beiden Experten hingegen eine positive Zukunft. Die vertikale Integration werde wieder an Wichtigkeit gewinnen. Die Tatsache, dass Händler Hersteller kaufen würden, um die eigene Versorgung abzusichern, ist nach Kranes Einschätzung manchmal zwangsläufig. Händler hätten in den vergangenen Jahren gemerkt, wie anfällig Lieferketten seien. Auch wenn Unternehmen keinen oder Nachfolger gefunden hätten, seien Händler gezwungen gewesen einzusteigen, um ihre Versorgung nicht aufs Spiel zu setzen, so Resch.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

 

DWN
Politik
Politik Trump will Wähler mit Geld locken: „Einfach nur peinlich“
08.10.2026

Donald Trump verspricht jedem erwachsenen Amerikaner rund 4.450 Euro, wenn die Republikaner die Kongresswahlen gewinnen. Doch ausgerechnet...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Iran-Krieg bremst Deutschland weniger als erwartet
08.10.2026

Deutschlands Wirtschaft kommt trotz Iran-Krieg und hoher Energiepreise überraschend glimpflich davon. Doch der Aufschwung steht auf...

DWN
Finanzen
Finanzen Schufa schlägt Alarm: Millionen Verbraucher kämpfen mit Zahlungsproblemen
08.10.2026

Die hohen Preise setzen immer mehr Verbraucher finanziell unter Druck: 2025 stieg der Anteil der Menschen mit Zahlungsstörungen auf 8,1...

DWN
Immobilien
Immobilien BEG-Reform: Wärmepumpen-Förderung sinkt ab 2027 weiter
08.10.2026

Die Wärmepumpen-Förderung sinkt ab 2027 weiter: Wer zu spät beantragt oder falsch plant, dem könnten Tausende Euro Zuschuss durch die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Verpackungsverordnung: Neue Bürokratie macht Exporte unrentabel
08.10.2026

Ein paar Kartons, wenige Gramm Plastik und plötzlich Hunderte Meldepflichten: Die neue EU-Verpackungsverordnung stellt kleine Unternehmen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Nissan Qashqai im Test: Elektrogefühl ohne Ladekabel
08.10.2026

Der Nissan Qashqai e-Power ist ein Hybrid, funktioniert aber anders als die meisten Konkurrenten. Die Räder treibt immer ein Elektromotor...

DWN
Finanzen
Finanzen Nvidia-Aktie: Diese Geldmaschine schlägt alle anderen Chipkonzerne
08.10.2026

Nvidia verdient mit dem KI-Boom so viel wie kaum ein anderes Unternehmen der Welt. Auf das eingesetzte Kapital erzielt der Chipkonzern...

DWN
Panorama
Panorama Heereschef warnt: Russland baut Streitkräfte massiv aus
08.10.2026

Russland baut seine Streitkräfte weiter aus und steigert zugleich die Produktion von Drohnen und Raketen. Heeresinspekteur Christian...