Finanzen

Japan: Inflation soll Staat auf Kosten der Bürger sanieren

Die Inflation in Japan ist auf den höchsten Stand seit über 40 Jahren angestiegen, und die Notenbank gießt weiter Öl ins Feuer. Dahinter steckt offenbar Kalkül.
Autor
24.02.2023 15:00
Lesezeit: 3 min
Japan: Inflation soll Staat auf Kosten der Bürger sanieren
Japans Premierminister Fumio Kishida will die Ukraine mit weiteren 5,5 Milliarden Dollar unterstützen. Die Bürger finanzieren dies mittels Inflation. (Foto: dpa) Foto: Eugene Hoshiko

Die Aussicht auf eine anhaltend lockere Geldpolitik hat den japanischen Börsen am Freitag den größten Kurssprung seit einem Monat beschert. Der Tokioter Leitindex Nikkei stieg um 1,3 Prozent auf 27.453 Punkte. Der breiter gefasste Topix-Index gewann 0,7 Prozent. Am Donnerstag waren die japanischen Märkte wegen eines Nationalfeiertags geschlossen gewesen.

Eine Parlaments-Rede des designierten Chefs der Bank of Japan, Kazuo Ueda, hat die Anleger offenbar beruhigt. Ueda bezeichnete die anhaltende lockere Geldpolitik als "angemessen" und "notwendig". Zuvor hatten sich Investoren über einen möglichen Kurswechsel der Zentralbank unter der im April startenden Ägide Uedas Gedanken gemacht.

"Er hat taubenhaft geklungen, wie erwartet - oder zumindest hatte er nichts Spezifisches über einen geldpolitischen Kurswechsel zu sagen," sagte Nomura-Stratege Naka Matsuzawa. Japans Verbraucherpreise waren im Januar auf den höchsten Stand seit 41 Jahren geklettert. Die Kernverbraucherpreise, die Ölprodukte einschließen, aber Preise für frische Lebensmittel ausschließen, sind im Januar im Vergleich zum Vorjahr um 4,2 Prozent gestiegen.

Laut ihrem Noch-Gouverneur Haruhiko Kuroda will Japans Notenbank an ihrer lockeren Geldpolitik festhalten, sagte er am Donnerstag auf einer Pressekonferenz beim Treffen der Finanzminister und Notenbankchefs aus der G20-Staaten im südindischen Bangalore. Kuroda geht davon aus, dass die Kerninflation in Japan im Fiskaljahr 2023 und auch im Fiskaljahr 2024 unterhalb der Notenbank-Zielmarke von 2 Prozent liegen wird.

Der scheidende Notenbankchef Kuroda und sein designierter Nachfolger Ueda stießen ins gleiche Horn, als sie am Freitag die schlimmsten Inflationszahlen für Japan seit 1981 gemeldet wurden. Von der extrem lockeren Geldpolitik wollen sie deshalb nicht abrücken. Vielmehr sagen sie, die hohe (und schnell steigende) Inflation sei nur temporär und werde bald von selbst wieder verschwinden.

Japans Inflation gerät außer Kontrolle

Damit hält Kuroda, der bereits seit März 2013 japanischer Zentralbankchef ist, auch in den letzten Wochen seiner Amtszeit an seiner langjährigen Politik fest. Und sein designierter Nachfolger Ueda "kann ihm nicht widersprechen", schreibt der Analyst Wolf Richter auf seinem Blog WOLF STREET. Zumindest könne Ueda solange nicht widersprechen, bis er im April die Nachfolge von Kuroda antreten wird.

Doch dann erwartet Richter, dass es "irgendwann eine Überprüfung der Geldpolitik geben wird, bei der man feststellen wird, dass diese Politik gut funktioniert hat, dass es aber vielleicht an der Zeit ist, sie ein wenig anzupassen". Diese Wende erwartet der Analyst für ab der zweiten Jahreshälfte, und bis dahin werde die Bank of Japan die Inflation mit aller Macht weiter anheizen.

Der Verbraucherpreisindex für alle Waren und Dienstleistungen stieg im Vergleich zum Vorjahr um 4,3 Prozent, was (wie die Kerninflationsrate) ebenfalls den höchsten Wert seit 1981 darstellt. Im Vergleich zum Vormonat stieg der Index um 0,5 Prozent. In den gesamten Aufzeichnungen gab es bisher nur drei Anstiege von Monat zu Monat um 0,5 Prozent oder mehr. Dies war im Januar 2023, im Oktober 2022 und im Juli 2022.

Die Inflation hat sich also nicht verlangsamt und basiert auf hohen Preissteigerungen bei einer breiten Palette von Waren und Dienstleistungen. Auch die staatlichen Energiehilfen, welche die Inflation in Schranken halten, haben die Inflation nicht wieder abgesenkt. Auffällig sind die Preissteigerungen bei Lebensmitteln um 7,3 Prozent, bei Strom, Gas, Wasser, Abwasser für private Haushalte um 14,9 Prozent und bei Gebrauchsgütern für Haushalte um 11,1 Prozent.

Und auch die Tatsache, dass der Staat die Inflation überall dort niedrig, wo er die Preise kontrolliert, konnte die Inflation nicht wieder aufhalten. Hierzu zählt etwa die medizinische Versorgung, die sich binnen Jahresfrist lediglich um 0,5 Prozent verteuerte, Medikamente (+1,6%), medizinisches Material und Geräte (+1,2%), medizinische Dienstleistungen (-0,3%), öffentliche Verkehrsmittel (+0,6%) und Bildung, die sich um 0,7 Prozent verteuerte.

Das Kalkül der Bank of Japan

Zwischen etwa 1993 und 2021 bewegte sich der japanische Verbraucherpreisindex mit einigen wenigen Schwankungen in einer engen Spanne. Wolf Richter bezeichnet diese Jahre als "eine Ära, in der eine milde Inflation und eine milde Deflation aufeinander folgten, die Ära einer mehr oder weniger echten Preisstabilität, wie sie in der modernen Welt selten vorkommt". Doch diese Ära ist nun vorbei.

Denn auch unter der neuen Führung wird die Notenbank Monate brauchen, um zunächst wenigstens eine Überprüfung der lockeren Geldpolitik einzuleiten. Derweil wird die Inflation weiter angeheizt. Offensichtlich ist es eine politische Entscheidung, die Inflation anzuheizen. Denn die japanische Notenbank könnte den anderen Zentralbanken der Welt darin folgen, die Zinsen zu erhöhen und die Wertpapierkäufe zurückzufahren.

Wolf Richter sieht in dem Beharren der Bank of Japan an ihrer extrem lockeren Geldpolitik das Bemühen, die fiskalischen Probleme des Landes zu lösen. "Während die Inflation die japanischen Haushalte plündert, ist sie auch ein Mittel, um Japans gigantische und unhaltbare Staatsverschuldung abzubauen", schreibt er. Die Staatsschuldenquote liegt in Japan bei 260 Prozent der Wirtschaftskraft. Das ist etwa fünfmal so hoch wie in Deutschlands

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: AMD-Aktien steigen kräftig, während Tech-Sektor Wall Street beflügelt
06.07.2026

Ein spektakulärer Wochenauftakt an den US-Märkten sorgt für Aufsehen – erfahren Sie, welche Entwicklungen die Kurse jetzt antreiben.

DWN
Finanzen
Finanzen Fiskalischer Spitzenreiter: Wie Deutschland seinen Bürgern am meisten abknöpft
06.07.2026

Eine Analyse zur Steuerbelastung in Europa zeigt für das Jahr 2026 eine bittere Wahrheit für deutsche Steuerzahler: Die Bundesrepublik...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuererhöhungen 2027: Steuer auf Spirituosen steigt um 20 Prozent - Zuckersteuer kommt auch
06.07.2026

Hochprozentige alkoholische Getränke sollen zum 1. Januar 2027 höher besteuert werden. "Was krank macht, wird teurer" - Finanzminister...

DWN
Politik
Politik Haushalt 2027: Klingbeil plant 200 Milliarden Euro neue Schulden für Deutschland
06.07.2026

Mehr Milliarden vor allem für Verteidigung, höhere Schulden - das prägt den Haushaltsentwurf von Finanzminister Klingbeil für...

DWN
Finanzen
Finanzen KI-Inflation: Warum der KI-Boom Ihr Erspartes entwerten könnte
06.07.2026

Künstliche Intelligenz soll die Wirtschaft produktiver machen, Prozesse beschleunigen und Wohlstand schaffen. Doch bevor dieser Effekt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische ChatGPT-Alternative: Warum ein 79-jähriger Unternehmer Big Tech herausfordert
06.07.2026

Ein dänischer Unternehmer und ein selbst ernannter KI-Guru wollen zeigen, dass Europa nicht länger auf amerikanische Tech-Giganten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Billiganbieter: Temu, Shein und Co. steigern Marktanteil auf Rekordwert
06.07.2026

Die Verbraucher in Deutschland geben online immer mehr Geld bei Shoppingplattformen wie Temu oder Shein aus. Während die asiatischen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau bei Porsche: Konzern streicht weitere 4.000 Jobs
06.07.2026

Wegen der Absatzkrise fallen beim Sportwagenhersteller Porsche bereits mehr als 4.000 Stellen weg. Diese Zahl könnte einem Bericht zufolge...