Finanzen

Firmen fliehen von Londoner Börse nach New York

Lesezeit: 2 min
08.03.2023 09:00
Höherer Bewertungen und große Erwartungen von Joe Bidens massiven Infrastrukturplänen stecken hinter der Flucht. Doch London schlägt zurück.

Mehr zum Thema:  
Benachrichtigung über neue Artikel:  

Bankern zufolge planen immer mehr britische Unternehmen, ihre Börsennotierungen in die USA zu verlagern, angezogen von einem größeren Markt, höheren Bewertungen und Erwartungen, dass sie von US-Präsident Joe Bidens Pläne für massive Infrastrukturinvestitionen über die nächsten Jahre profitieren werden.

Die Abwanderungen drohen die Bemühungen Londons zu untergraben, sich wieder als pulsierendes Zentrum für globale Aktien zu etablieren.

Laut der Financial Times ist CRH, das größte Baustoffunternehmen der Welt, das jüngste Konzern, das einen Rückzug aus London anstrebt, während Aktionäre des FTSE 100 Glücksspielunternehmens Flutter im April über eine Zweitnotierung in den USA abstimmen werden.

Auch japanischer Telekommunikations- und Medienkonzern Konzern SoftBank lehnte vor Kurzem eine Londoner Börsennotierung für den in Cambridge ansässigen Chipdesigner Arm ab. Die Financial Times berichtete weiter, dass die Führungsspitze von Shell den Umzug des anglo-niederländischen Energiekonzerns in die USA in Erwägung gezogen hat.

Sanitärkonzern Ferguson und das Biotech-Unternehmen Abcam gehören zu den Unternehmen, die ihre Notierung in Großbritannien im vergangenen Jahr zugunsten der USA aufgegeben haben. Vorstände anderer britischen Unternehmen diskutieren über ähnliche Schritte.

Schwierige Zeiten für britische Kapitalmärkte

Die Rückzüge kommen zu einem schweren Zeitpunkt für die Londoner Kapitalmärkte, denen es in den letzten zwei Jahrzehnten nicht gelungen ist, größten Technologieunternehmen anzuziehen.

Die geplanten Umzüge unterstreichen die Schwierigkeiten Großbritanniens, Unternehmen anzuziehen und zu halten, trotz der Versuche der britischen Regierung, Unternehmen von konkurrierenden Börsenplätzen wegzulocken, so die Financial Times.

Britische Führungskräfte sehen in den USA ein Umfeld, das ein höheres Wachstum ermöglicht, während sie das mangelnde Interesse britischer Anleger an ihrem Heimatmarkt beklagen - insbesondere von Renten-Fonds, die britische Aktien in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend gemieden haben.

Reaktion der Londoner Börse und Regierung

Der Vorstandsvorsitzende der London Stock Exchange Group, David Schwimmer, nahm die jüngsten Abgänge gelassen hin: „Wir sind mit Abstand das globalste Finanzzentrum der Welt und ziehen weiterhin sowohl Kapital als auch Unternehmen an“.

Schwimmer wies aber auch auf die nachlassenden Investitionen britischer Renten-Fonds in inländische Aktien hin - ein Problem, das die Londoner Kapitalmärkte seit Jahren schon plagt. „Der Anteil an britischen Aktien ist in den letzten 20 Jahren zugunsten von festverzinslichen Wertpapieren drastisch gesunken, was einige wirklich interessante Fragen aufwirft“, fügte er hinzu.

Nach Angaben von britischer Finanzberatunsfirma Ondra sind die Bestände britischer Renten- und Versicherungs-Fonds an börsennotierten Unternehmen in den letzten zwei Jahrzehnten von etwa der Hälfte ihrer Portfolios auf vier Prozent gesunken.

Richard Marwood, Leiter des Bereichs britische Aktien bei Royal London Asset Management, sagte eine Rentenreform und Anreize für Investitionen in inländische Aktien sollten für Grossbritannien eine Priorität sein.

Laut Simon Olsen, Equity Capital Markets Partner bei Deloitte, bieten die US-Märkte bieten „einen stärkeren Investorenpool, eine stärkere Vergleichsgruppe und eine bessere Bewertung“. Olsen wies jedoch auch darauf hin, dass mehrere Unternehmen Börsengänge in Großbritannien vorbereiteten, nachdem sie in den vergangenen zwei Jahren in den USA durch zweckgebundene Übernahmen oder normale Börsennotierungen gescheitert waren. „Diese Unternehmen, die erkannt haben, dass sie in den USA nicht das bekommen, was sie erwartet haben, kehren nun nach London zurück“.

Der Financial Times zufolge hat die stetige Aushöhlung des Status von London die britische Regierung dazu veranlasst, Reformen zur Sicherung der Zukunft der Londoner City auf den Weg zu bringen. Diese erstrecken sich auf Banken, Versicherer, Makler, Börsen und Investoren mit dem Ziel, die Regeln für Anlageklassen von Kryptowährungen bis zu Infrastruktur und Aktien neu zu gestalten.

Vera von Lieres gehört seit September 2022 zum DWN-Team und schreibt als Redakteurin über die Themen Immobilien und Wirtschaft. Sie hat langjährige Erfahrung im Finanzjournalismus, unter anderem bei Reuters und führenden Finanzmedien in Südafrika. Außerdem war sie als Kommunikations- und Marketing-Spezialistin bei internationalen Firmen der Investment-Branche tätig.


Mehr zum Thema:  

DWN
Politik
Politik Stunde der Wahrheit für Ursula von der Leyen: Wiederwahl auf Messers Schneide
17.07.2024

Ursula von der Leyen hofft auf Wiederwahl als Präsidentin der EU-Kommission. Am Donnerstag schlägt in Brüssel ihre Stunde der Wahrheit....

DWN
Weltwirtschaft
Weltwirtschaft Seltene Erden aus Monazit: Hoffnungsträger für die Versorgung mit Schlüsselmetallen
17.07.2024

Die deutsche Rohstoffbehörde BGR weist in einer neuen Studie auf das Potenzial von Monazit für die Versorgung mit den chronisch knappen...

DWN
Politik
Politik Covid-Impfstoff: EU-Kommission hielt wichtige Informationen zurück
17.07.2024

Die EU-Kommission unter Ursula von der Leyen hat laut einem Urteil des EU-Gerichts gegen das EU-Recht verstoßen, indem sie Informationen...

DWN
Finanzen
Finanzen Bundeshaushalt 2025: Wofür die Ampel im nächsten Jahr Geld ausgeben will
17.07.2024

Lange wurde verhandelt, jetzt ist der Bundestag am Zug. Die meisten Ministerien bekommen mehr Geld, als der Finanzminister geben wollte....

DWN
Immobilien
Immobilien Immobilien: Warum Investoren abwarten
17.07.2024

Niedrige Zinsen haben die Investoren in den vergangenen Jahren vermehrt dazu bewegt, in Wohnimmobilien zu investieren statt in...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Deutscher Mittelstand sieht erhebliche Kostensteigerungen
17.07.2024

KfW-Befragung: Deutschlands Mittelstand erwartet höhere Kosten: 80 Prozent der mittelständischen Unternehmen rechnen mit Mehrbelastungen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hackerangriffe nehmen zu: Deutsche unterschätzen Cyberkriminalität!
17.07.2024

Trotz alarmierender Bedrohungslage im Cyberraum und einer Zunahme von Hackerangriffen steigt die Unbesorgtheit der Deutschen – laut...

DWN
Politik
Politik Landwirtschaftssubventionen unter der Lupe: Wohin fließen die Milliarden?
17.07.2024

Ende 2023 und Anfang 2024 waren die Bauerproteste ein Topthema in Deutschland. Der Grund, wie so oft, war Geld, genauer gesagt...