Technologie

Großbritannien: Erstes Baby mit DNA von drei Menschen geboren

In Großbritannien wurde erstmals ein Baby geboren, deren Zellen die DNA von drei Menschen enthalten. Ermöglicht wurde dies durch eine sogenannte Mitochondrienspende.
Autor
13.05.2023 11:50
Aktualisiert: 13.05.2023 11:50
Lesezeit: 3 min

Erstmals wurde in Großbritannien ein Baby geboren, das die DNA von drei Menschen enthält. Ärzte hatten ein neuartiges Verfahren bei der In-vitro-Fertilisation durchgeführt. Sie rechtfertigen ihr Vorgehen damit, dass sie Vererbung von unheilbaren Krankheiten verhindern wollen, die über die Mitochondrien der mütterlichen Eizellen weitervererbt werden können, wie der Guardian berichtet.

Bei dem als Mitochondrienspende (Mitochondrial donation treatment) bekannten Verfahren wird aus der Eizelle einer Spenderin der Zellkern entfernt und durch den Zellkern der Mutter ersetzt. Die neue geschaffene Zelle enthält nun zwar den Zellkern der Mutter, nicht aber ihre Mitochondien, sondern die Mitochondrien der Spenderin. Die neu geschaffene Eizelle wird im Anschluss in die Gebärmutter der Mutter eingepflanzt.

Das entstehende Baby verfügt daher wie üblich über die DNA von Mutter und Vater, aber zusätzlich auch über eine kleine Menge genetischen Materials von der Spenderin, nämlich etwa 37 Gene. Das Verfahren hat zu der Bezeichnung "Drei-Eltern-Babys" geführt, auch wenn mehr als 99,8 Prozent der DNA in den Babys von der Mutter und dem Vater stammen und nur 0,2 Prozent von der Spenderin.

Die Forschung zur Mitochondrienspende wurde in Großbritannien von Ärzten des Newcastle Fertility Centre vorangetrieben. Ziel war es, Frauen mit mutierten Mitochondrien zu helfen, Kinder zu bekommen, ohne das Risiko, genetische Störungen weiterzugeben. Menschen erben alle ihre Mitochondrien von ihrer Mutter, so dass sich schädliche Mutationen auf alle Kinder einer Frau auswirken können.

Einige Babys von Müttern mit mutierten Mitochondrien können durchaus gesund geboren werden, weil sie nur einen winzigen Teil der mutierten Mitochondrien erben. Andere können jedoch weit mehr erben und schwere, oftmals sogar tödliche Krankheiten entwickeln. Etwa eines von 6.000 Babys ist von mitochondrialen Störungen betroffen.

Lebenswichtige DNA und Mitochondrien

Die meisten der 20.000 Gene eines Menschen sind im Zellkern fast jeder Zelle des Körpers zu finden. Um jeden Zellkern herum befinden sich jedoch Tausende von Mitochondrien mit ihren eigenen Genen. Diese liefern Energie für die Zellen, aus denen unsere Organe bestehen. Schädliche Mutationen betreffen vor allem die energiehungrigen Gewebe: Gehirn, Herz, Muskeln und Leber.

Das britische Parlament hatte im Jahr 2015 ein Gesetz änderte, um die Mitochondrienspende zu erlauben. Zwei Jahre später wurde die Klinik in Newcastle als einziges Zentrum für die Durchführung des Verfahrens zugelassen, wo seit 2018 mindestens 30 Fälle genehmigt wurden. Die Genehmigung wird von der britischen Behörde für menschliche Befruchtung und Embryologie (HFEA) von Fall zu Fall erteilt.

Die Ärzte der Klinik in Newcastle haben bisher keine Einzelheiten über die Geburten im Rahmen ihres Programms veröffentlicht, da sie befürchten, dass bestimmte Informationen den Datenschutz der Patienten gefährden könnten. Gegenüber dem Guardian bestätigte aber die Behörde HFEA, dass im Vereinigten Königreich inzwischen eine kleine Anzahl von Babys mithilfe von Mitochondrienspende geboren wurde.

Die Regulierungsbehörde gab an, dass die Zahl der Geburten "weniger als fünf" betrage, ohne die genaue Zahl zu nennen, da dies "zur Identifizierung einer Person führen könnte, der gegenüber die HFEA zur Vertraulichkeit verpflichtet ist". Die Zahl entspreche dem Stand von Ende April 2023, hieß es. Weitere Einzelheiten zu den Geburten wurden nicht genannt.

Mitochondrienspende nicht ohne Risiken

Jüngste Forschungen haben ergeben, dass sich in einigen Fällen die winzige Anzahl abnormaler Mitochondrien, die trotz aller Vorsicht zusammen mit dem Zellkern der Mutter auf die Spendereizelle übertragen werden, sich vermehren können, wenn sich das Baby im Mutterleib befindet. Der Grund für diese sogenannte Reversion ist "nicht vollständig geklärt", so Dagan Wells, Professorin für Reproduktionsgenetik an der Universität Oxford, die an der Forschung beteiligt war.

Um genetisch verwandte Kinder ohne mitochondriale Mutationen zu bekommen, können betroffene Frauen ihre eigenen In-vitro-Embryonen auf mitochondriale Mutationen untersuchen lassen. Dies ist zwar in vielen Fällen wirksam, kann aber das Risiko einer Weitergabe nicht vollständig beseitigen. Zudem kann es nicht helfen, wenn alle Embryonen, die eine Frau produziert, stark mutierte Mitochondrien enthalten.

Im Jahr 2016 hatte ein US-Arzt die weltweit erste MDT-Geburt bekannt gegeben, nachdem er eine jordanische Frau behandelt hatte, die mitochondriale Mutationen trug, die eine tödliche Krankheit namens Leigh-Syndrom verursachen. Vor der Behandlung, die in Mexiko durchgeführt wurde, hatte die Frau vier Fehlgeburten und zwei Kinder gehabt. Die Familie wurde nie identifiziert, und das Kind wäre jetzt fünf Jahre alt.

HFEA-Chef Peter Thompson sagte: "Das Vereinigte Königreich war das erste Land der Welt, das die Mitochondrienspende im Rahmen eines gesetzlichen Rahmens zugelassen hat." Inzwischen hat auch Australien die Mitochondrienspende zugelassen. In Deutschland schließt die geltende Rechtslage eine Zulassung der Methode derzeit eindeutig aus.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft VW-Aktie: Tochter Audi überrascht mit Gewinnplus und neuer Margen-Strategie
17.03.2026

Starker Impuls für den Volkswagen-Konzern: Während die Branche mit Gegenwind kämpft, liefert die Tochtergesellschaft Audi glänzende...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Jobcenter-Studie: Kompetente Beratung, aber kaum Hilfe bei der Jobsuche
17.03.2026

Menschlich top, fachlich wirkungslos? Eine aktuelle Umfrage der Bertelsmann Stiftung zeichnet ein paradoxes Bild der deutschen...

DWN
Finanzen
Finanzen Neuer Schufa-Score: Was sich beim Schufa-Bewertungssystem jetzt für Verbraucher ändert
17.03.2026

Die Schufa krempelt ihr Bewertungssystem um: Der neue Schufa-Score soll transparenter und verständlicher werden. Millionen Verbraucher...

DWN
Politik
Politik Orbán und Selenskyj im Konflikt: Ukraine-Darlehen gerät ins Stocken
17.03.2026

Der Konflikt zwischen Viktor Orbán und Wolodymyr Selenskyj setzt die EU unter Druck und gefährdet ein zentrales Ukraine-Darlehen. Wie...

DWN
Politik
Politik Ifo-Studie: Klima-Milliarden werden zur Stopfung von Haushaltslöchern missbraucht
17.03.2026

Etikettenschwindel bei den Staatsfinanzen? Das Münchner Ifo-Institut wirft der Bundesregierung vor, neue Milliardenschulden massiv...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Kündigung wegen Kirchenaustritt? Warum dieses EU-Urteil für alle Arbeitgeber wichtig ist
17.03.2026

Darf die Weltanschauung ein Kündigungsgrund sein? Was bisher als Sonderrecht für kirchliche Arbeitgeber galt, steht nun vor dem...

DWN
Politik
Politik Verfassungsschutzreform: Diese neuen Befugnisse für das BfV sind geplant
17.03.2026

Nach den Debatten um den BND rückt nun das Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) in den Fokus der Ampel-Pläne. Neben BKA und...

DWN
Technologie
Technologie Patentamt: Europa holt in der Quantentechnologie auf
17.03.2026

Bei der Entwicklung der Quantentechnologie waren die USA dem Rest der Welt lange weit voraus. Mittlerweile hat Europa den Rückstand etwas...