Unternehmen

Ungarn: Ein Paradies für den deutschen Mittelstand?

Angesichts horrender Energiekosten zieht es deutsche Unternehmen vermehrt ins europäische Ausland. Ein beliebtes Ziel: Ungarn. Was sind die Vorteile des kleinen Landes für Mittelständler aus Deutschland, und können sich Unternehmer auf diese verlassen?
18.05.2023 17:09
Aktualisiert: 18.05.2023 17:09
Lesezeit: 4 min
Ungarn: Ein Paradies für den deutschen Mittelstand?
Ungarn, hier die berühmte Fischerbastion in Budapest, liefert viele Argumente für Unternehmer. Die starke Ansiedlung durch Unternehmen im Osten des Landes wird bereits als „Party in der Puszta“ bezeichnet. (Foto: iStock.com) Foto: ZoltanGabor

Ungarn gilt zuweilen als schwarzes Schaf der EU. Konnte sich das Land noch bis zum Ausbruch des Ukrainekriegs auf die Loyalität der anderen Višegrad-Staaten verlassen, so führte die Beziehung des Landes zum Kreml auch bei Polen und Tschechen zu Irritationen. Aber auch in Budapest gibt sich die Regierung enttäuscht über den westlichen Kurs, bezeichnet die USA als Feinde Ungarns und kritisiert insbesondere Brüssel und Berlin in politischer und ideologischer Hinsicht. Ungetrübt jedoch ist die enge wirtschaftliche Kooperation westlicher Staaten mit dem mitteleuropäischen Land. Der Mittelstand findet hier ein unternehmerfreundliches Umfeld, das Vorteile bietet, die im Westen Europas fehlen.

Deutsche Wertarbeit made in Hungary

Vornehmlich die Autoindustrie wittert in Ungarn einen optimalen Standort. Schlagzeilen machen in erster Linie große Firmen, so wird BMW eine iFactory in Ostungarn bauen und der Batteriehersteller CATL möchte gar eine Gigafabrik in dem mitteleuropäischen Land errichten. Sie folgen damit einem Trend großer Unternehmen wie Audi, dem größten ausländischen Investor in Ungarn, aber auch Suzuki, SK, Samsung und VW, die im ganzen Land agieren und jährlich hunderttausende Autos, Batterien und Motoren bauen lassen. So konnte in dem mitteleuropäischen Land die Zahl der produzierten Neuwagen zwischen 2010 und 2021 auf jährlich über 400.000 Modelle verdoppelt werden.

Nährboden für deutsche Geschäftsmodelle

Ungarn aber nur als beliebten Standort für Großunternehmen aus der Automobilbranche zu bezeichnen, greift zu kurz. Längst hat sich auch eine Reihe von mittelständischen Unternehmen angesiedelt, die von den gleichen Vorteilen profitieren wie große Firmen. Ungarn symbolisiert nämlich das, was sich viele deutsche Unternehmer von ihrem Heimatland erhoffen dürften: einen unternehmerfreundlichen Nährboden für Wettbewerb und unterschiedlichste Geschäftsmodelle.

Ungarns sozialpolitische, wirtschaftliche und geopolitische Kehrtwende geht auf das Jahr 2010 zurück. Die zweite Regierung Viktor Orbáns brach radikal mit den sozialistischen Versuchungen der ehemaligen Regierungspartei MSZP und begann fortan damit, ausländische Unternehmen in das Land zu locken. Zwar sind die Sparmaßnahmen im öffentlichen Sektor teilweise erdrückend und die Mehrwertsteuer von 27 Prozent für viele Ungarn eine Zumutung. Doch von der Ansiedlung ausländischer Firmen erhofft sich die konservative FIDESZ-Partei erst wirtschaftlichen und schließlich einen sozialen Aufschwung, ein Konzept, das sich in den letzten Jahren durch kontinuierliches Wachstum bewähren konnte.

Heute könnte man das Land als den Traum neoliberaler Unternehmer bezeichnen. Hier in Ungarn profitieren Firmen von niedrigen Energiepreisen, einer geringen Körperschaftssteuer von lediglich neun Prozent, niedrigeren Personalkosten als etwa im benachbarten Tschechien, gut ausgebildeten Fachkräften und einer starken Infrastruktur. Auch wenn die Produktivität der ungarischen Mitarbeiter nicht so hoch ist wie in Deutschland oder Tschechien, führen eine unkomplizierte und schlanke Bürokratie, kurze Entscheidungswege der Politik und günstige Standortkosten dazu, dass sich eine Gründung hier auszahlt.

Firmengründung in Ostungarn: eine gute Idee?

In und um Debrecen im Osten des Landes lassen sich infolgedessen etliche internationale Firmen nieder. Zu ihnen gehören Schaeffler, Teva, Krones, Bürkle, ThyssenKrupp, Neopac, demnächst auch Sensirion und Semcorp. Diese starke Ansiedlung wird unter anderem als „Party in der Puszta“ bezeichnet. Dabei war Debrecen einst Symbol des Niedergangs der ungarischen Textilindustrie, eine Region, die für Abschwung, Verkleinerung und traditionelle Landwirtschaft stand, während die Gebiete um Budapest und Györ seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion ausländische Unternehmen wie Suzuki für sich gewinnen und wachsen konnten.

Indessen stärken Investoren aber auch den Osten des Landes, der die Unternehmer großzügig aufnimmt. Bürgermeister László Papp sicherte den Unternehmen in seiner Region bereits zu, das Schulwesen an die neuen Berufsmöglichkeiten anzupassen. So sollen alle Schüler, deren Zahl übrigens in den letzten sieben Jahren um mehr als 50 Prozent zugenommen hat, schon in unteren Klassen für die jeweiligen Unternehmen begeistert und auf die neuen Arbeitsmöglichkeiten vorbereitet werden. Und wo trotzdem ein Fachkräftemangel auftritt, versucht die Regierung, gezielt Fachkräfte etwa aus Zentralasien anzuwerben, die die neu geschaffenen Stellen besetzen können.

Im Einflussbereich fremder Mächte

Doch die außerordentliche Unternehmerfreundlichkeit Ungarns weckt auch Argwohn bei den deutschen Partnern. Die Abwanderung des deutschen Mittelstands mag nachvollziehbar sein, doch könnte sie Deutschlands inländische Wirtschaft empfindlich treffen. So konstatierte der CDU-Politiker Klaus Willisch, die hohen Energiekosten und der Bürokratieaufwand nähmen den deutschen Unternehmen die Luft zum Atmen. Beides müsse sich ändern, wenn Deutschland seinen Mittelstand nicht verlieren wolle.

Ohnehin bleibt es fraglich, ob Ungarn seine enormen Standortvorteile für ausländische Firmen aufrechterhalten kann, denn diese hängen in erster Linie von größeren Gravitationszentren ab als Budapest. Der Ausbau der Infrastruktur wird auch mit Fördermitteln der EU bezahlt, die ob des belasteten Verhältnisses zwischen Brüssel und Budapest eingefroren werden könnten. Der Vorteil der niedrigen Körperschaftssteuer könnte für multinationale Großunternehmen konterkariert werden, sobald der weltweite Körperschaftsteuer-Mindestsatz umgesetzt wird. Die günstige Energie des Landes wird zu einem Viertel mit russischem Erdgas gedeckt, ein Umstand, der die kontroverse Beziehung Budapests von Moskau darlegt. Auch der Fachkräftemangel des Landes dürfte sich zu einem Problem entwickelt, sofern die Anwerbeoffensive in Ländern wie Kasachstan und der Mongolei nicht schnell Früchte trägt.

Zudem stehen dem Land große Veränderungen bevor, denn eine engere Bindung an China könnte die erhofften Kapitalströme erzeugen und zu mehr Entwicklung und Wohlstand in ganz Ungarn führen, allerdings auch mehr Abhängigkeit zu Peking erzeugen, die den Westen erzürnen dürfte. Die „Öffnung nach Osten“ wird als Projekt zwar angenommen, doch bei der Planung zum Bau einer chinesischen Fudan-Universität in Budapest wurden die Proteste auf einmal ungewohnt laut. Das Unbehagen, China könne über die Universität einen zu großen Einfluss auf die ungarischen Unternehmen und schließlich die Politik nehmen, war plötzlich zu groß. Doch der chinesische Einfluss wird wachsen, betonte kürzlich Handels- und Außenminister Péter Szijjartó, und verwies auf laufende Investitionsprojekte der Chinesen in Ungarn im Wert von bis zu zehn Milliarden Euro.

Ungarn ist derzeit ein wichtiger Standort für die Autoindustrie, der sich aber auch für den deutschen Mittelstand zu einer verlängerten Werkbank mit unterschiedlichsten Vorzügen entwickelt hat. Von niedrigen Steuersätzen über eine schlanke Bürokratie bis hin zu günstiger Energie finden Unternehmen hier alles, was derzeit in der Bundesrepublik negiert, aufgelöst und auf ideologischer Basis verunglimpft wird. Ob diese Standortvorteile aber bestehen bleiben, entscheidet sich nicht unbedingt in Budapest, sondern in Brüssel, Berlin, Moskau und zunehmend auch Peking.

Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Wandel im Vaping-Markt: Nachhaltigkeit und Kostendruck treiben Wechsel zu Mehrwegsystemen

Der Markt für E-Zigaretten durchlebt eine tiefgreifende Transformation. Lange Zeit galten Einweg-Vapes, popularisiert durch Marken wie Elf...

 

X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

avtor1
Virgil Zólyom

                                                                            ***

Virgil Zólyom, Jahrgang 1992, lebt in Meißen und arbeitet dort als freier Autor. Sein besonderes Interesse gilt geopolitischen Entwicklungen in Europa und Russland. Aber auch alltagsnahe Themen wie Existenzgründung, Sport und Weinbau fließen in seine Arbeit ein.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Kurssturz bei Chip-Aktien setzt sich fort, während das Verbrauchervertrauen sinkt
28.07.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Entwicklungen die Märkte bewegen und warum Anleger jetzt genau hinsehen müssen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Bundesbank: Mini-Wachstum im Frühjahr trotz Iran-Krieg
28.07.2026

Trotz des Iran-Kriegs und steigender Energiepreise bleibt die deutsche Wirtschaft stabil. Wie Verbraucher und Industrie dem Gegenwind...

DWN
Finanzen
Finanzen 20.000 Euro für Loyalität: Warum ASML Mitarbeiter halten will
28.07.2026

Das niederländische Unternehmen ASML spielt eine entscheidende Rolle für die weltweite Chip-Produktion, seine Aktie ist jedoch bereits...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Firmen streichen Ausbildungsplätze
28.07.2026

Immer weniger Ausbildungsplätze treffen auf immer weniger Bewerber. Das ist aber sowohl für Betriebe als auch für junge Menschen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutsche Wirtschaft schlägt Alarm: Hohe Energiekosten treiben Unternehmen ins Ausland
28.07.2026

Deutschlands Unternehmen kämpfen weiter mit hohen Energiekosten. Was zunächst wie ein kurzfristiges Problem erschien, entwickelt sich...

DWN
Finanzen
Finanzen Kreditkarten vor dem Aus: Mastercard plant den radikalen Umbau
28.07.2026

Kreditkartennummern könnten beim Onlinekauf schon bald der Vergangenheit angehören. Mastercard will Europas digitale Zahlungen bis 2030...

DWN
Technologie
Technologie RWE baut Mega-Speicher im Tagebau Hambach
28.07.2026

RWE verwandelt den Tagebau Hambach zunehmend in einen Standort für erneuerbare Energien. Ein neuer Großbatteriespeicher soll künftig...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Edelmetall fällt vor Fed-Entscheid Richtung 4.000 Dollar – wie geht es weiter?
28.07.2026

Der Goldpreis steht am Dienstag unter Druck. Vor der Fed-Zinsentscheidung rückt er wieder näher an die Marke von 4.000 Dollar. Anleger...