Politik

CIA-Chef in Kiew: Ukraine strebt Verhandlungen mit Russland zum Jahresende an

Bei einem Geheimtreffen in Kiew mit dem Direktor des US-Auslandsnachrichtendienst CIA hat der ukrainische Präsident Selensky seinen Fahrplan für Friedensgespräche mit Russland offengelegt: Diese sollen Ende des Jahres beginnen. Bis dahin müssen jedoch noch zahlreiche Hindernisse aus dem Weg geräumt werden.
Autor
13.07.2023 15:13
Aktualisiert: 13.07.2023 15:13
Lesezeit: 3 min

Es war ein Treffen der besonderen Art, das Anfang Juni in Kiew stattgefunden hat. Der Direktor der IA, William Burns, war unter größter Geheimhaltung in die Ukraine gereist. Seine Agenda: Treffen mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky und seinen engsten Militärberatern sowie den Leitern der ukrainischen Nachrichtendienste.

Die Strategie Kiews

Bei diesem Treffen, über das nun erstmals die Washington Post berichtet, soll Selensky seine weiteren Schritte gegenüber Burns dargelegt haben. Demnach sehe die ukrainische Strategie vor, zuerst die russischen Truppen von ihrem Nachschub von der Krim abzuschneiden und gleichzeitig möglichst viel von den Russen besetztes Territorium zurückzugewinnen, um dann mit Moskau in Friedensgespräche einzutreten. Russland sei nur dann zu Verhandlungen bereit, wenn es sich selbst bedroht fühle, habe ein Militärberater dem CIA-Direktor versichert.

Im Zentrum der ukrainischen Strategie stehe, so die Washington Post, die detailliert über die Geheimmission des CIA-Direktors berichtet, der Versuch, weitreichende Artillerie und Raketensystem so nahe wie möglich an die Grenze zur russisch besetzten Halbinsel Krim zu bringen, um so die durch die Krim führenden russischen Versorgungslinien zu bedrohen. Ein Abschneiden der russischen Truppen vom Nachschub aus der Krim wäre eine ernsthafte Bedrohung und würde die Verteidigung weiter Teile des besetzten Territoriums nachhaltig erschweren, wenn nicht sogar unmöglich machen. Gleichzeitig sei es zudem das Ziel des ukrainischen Generalstabes, auch weite Teile der östlichen Ukraine zurückzugewinnen. Sollte dies erreicht sein, sehe Kiew den Zeitpunkt für gekommen, um mit Moskau in Gespräche zu treten. Militäranalysten nennen die Pläne Kiews zwar „ambitioniert“, ihre Umsetzung sei aber „nicht unmöglich“.

Unterdessen hat der oberste ukrainische Militärkommandant, General Waleri Saluschni, erklärt, dass ihn die angeblich langsamen Fortschritte der Gegenoffensive nicht beunruhigen würden – man gehe systematisch und sorgsam vor. Tatsächlich wäre eine solche Vorgehensweise des Generalstabs in Kiew konsistent mit den vorangegangenen ukrainischen Offensiven. Auch zuvor hatten die Ukrainer stets besonderen Wert auf die Unterbrechung der russischen Nachschublinien gelegt, ehe sie zu größeren Operationen antraten. Dazu passt auch ins Bild, dass die Ukraine russische Kommunikations- und Kommandostrukturen ins Visier nehmen. So soll es jetzt der Ukraine gelungen sein, mit einem gezielten Raketenangriff den stellvertretenden Chef der südlichen Streitkräfte in der Ukraine, den russischen Generalleutnat Oleg Tskov, auf seinem Kommandoposten getötet zu haben. Inzwischen scheinen die ukrainischen Streitkräfte zumindest im Raum Bachmut beständig an Boden zu gewinnen.

Der Militär-Analyst Rob Lee vom Foreign Policy Research Institute, einem in Philadelphia beheimateten sicherheits- und geopolitischen Think Tank, hält es für durchaus möglich, dass es der Ukraine mittels der weitreichenden Raketensysteme vom Typ HIMARS gelingen könne, die russischen Verbände vom Nachschub aus der Krim abzuschneiden. Dies wäre der Moment, so der Analyst, in dem dann der Ukraine Durchbrüche gelingen könnten.

Suche nach einer Friedenslösung

Bei den Gesprächen, die CIA-Direktor Burns in Kiew geführt hatte, wurde der amerikanischen Seite deutlich, dass Selensky und seine führenden Berater bereits damit begonnen haben, sich konkret mit der Frage auseinanderzusetzen, wie eine Friedenslösung aussehen könne, die auch für Russland akzeptabel sei. Im Zentrum dieser Überlegung stehe, so der Bericht der Washington Post, die Krim-Frage. Im Idealfall, so die Überlegungen Kiews, würde die glaubhafte Drohung einer ukrainischen Rückeroberung der Halbinsel Moskau dazu bewegen, alle Sicherheitsgarantien zu akzeptieren, die der Westen der Ukraine gibt. Denn eine Preisgabe der Krim mit dem Hafen der russischen Schwarzmeerflotte in Sewastopol wäre für Moskau ein militärisches wie auch ein politisches Desaster. Wie diese Garantien im Einzelnen des Westens jedoch aussehen sollen, sei aber noch nicht klar.

Der Gesprächskanal der Nachrichtendienste

Die Reise des CIA-Direktors nach Kiew hat noch vor der Rebellion der Wagner-Söldnergruppe unter ihrem Gründer und Kommandeur Jewgeni Prigoschin stattgefunden. US-Präsident Joe Biden hat mehrfach versichert, dass weder Washington noch Kiew irgendetwas mit der Rebellion der Wagner-Söldner zu tun gehabt hätten. Um diesem Dementi Nachdruck zu verleihen, wurde auch CIA-Direktor Burns eingeschaltet. Burns, der, bevor er Direktor der CIA wurde, US-Botschafter in Russland war, hat einen ganz besonderen Kanal nach Moskau: nämlich zu seinem direkten Counterpart, dem Chef des russischen Auslands-Nachrichtendienst SWR, Sergei Naryschkin. Dieser ist ein langjähriger Weggefährte von Wladimir Putin und stammt wie dieser aus Sankt Petersburg. Berichten zufolge soll Naryschkin in den 80er-Jahren zusammen mit Putin in einer Hochschule des KGB studiert haben. Später war Naryschkin Leiter der Präsidialverwaltung im Kreml, ehe er dann 2016 Chef des russischen Auslandsdienstes wurde.

Das Telefonat zwischen Naryschkin und Burns dürfte auch recht unkompliziert gewesen sein, Dolmetscher brauchen sie jedenfalls nicht. Naryschkin spricht fließend Englisch und Burns Russisch.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Politik
Politik Heil statt Klingbeil? Ex-Arbeitsminister schließt Kandidatur für SPD-Vorsitz nicht aus
19.10.2026

Bekommt Lars Klingbeil jetzt Konkurrenz? Ex-Arbeitsminister Hubertus Heil bekommt nach eigenen Worten aus der SPD viele Ermutigungen, für...

DWN
Finanzen
Finanzen Wölfe der Wall Street: Generationenkaufgelegenheit? Weniger Technologie, mehr Gesundheit
19.10.2026

Der S&P 500 verzeichnet zwar ein Plus von zwölf Prozent, doch unter der Oberfläche zeichnet sich ein weitaus schwächeres Bild ab. Der...

DWN
Politik
Politik Steuerzinsen 2027: Nachzahlungen sollen doppelt verzinst werden
19.10.2026

100.000 Euro Steuernachzahlung, zwei volle Zinsjahre: Heute können daraus 3.600 Euro Zinsen werden. Unter dem geplanten neuen Satz wären...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Zeekr greift BMW und Mercedes an: Ex-BMW-Manager rechnet mit Europas Autobauern ab
19.10.2026

In chinesischen Autofabriken verschwinden die Menschen, Roboter übernehmen ihre Arbeit. Während BMW, Mercedes und Audi unter Kostendruck...

DWN
Technologie
Technologie Farizon V7E im Test: Chinas Angriff auf Europas Transporter
19.10.2026

Europas Transporterhersteller bekommen Konkurrenz aus China. Der Farizon V7E will mit viel Ladefläche, moderner Technik und einem...

DWN
Finanzen
Finanzen Einkommens-Vergleich: Wann man in Deutschland reich oder arm ist
19.10.2026

Ab wann gehört jemand zur Mittelschicht und wo beginnt Reichtum? Mit einem Rechner des IW Köln können Verbraucher ermitteln, wo sie...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hohe Kerosinkosten: Eurowings streicht Flüge und prüft Kurzarbeit
19.10.2026

Brandbrief an Mitarbeiter: Die Dubai-Flüge ab Köln und Stuttgart sind bereits gestrichen, weitere Einschnitte im Winterflugplan folgen....

DWN
Politik
Politik Neue Kandidaten für die Atombombe: Welches Land könnte die zehnte Atommacht werden?
19.10.2026

Iran steht einer eigenen Atomwaffe am nächsten, Saudi-Arabien baut ein Atomprogramm auf, technologisch überraschen dagegen Japan und...