Unternehmen

Neuer Geschäftsindex zeigt: Zuversicht unter Selbstständigen schwindet

Selbstständige sowie Inhaber von kleinen Unternehmen schlagen Alarm. Zum dritten Mal hintereinander ist der vom Ifo-Institut und dem Online-Dienstleister Jimdo ermittelte Geschäftsindex für Selbstständige und Kleinunternehmer gefallen. Fachleute fordern dringend ein Umsteuern der Politik.
Autor
14.08.2023 17:12
Aktualisiert: 14.08.2023 17:12
Lesezeit: 3 min

Demnach sank der Index im Juli um 16,4 Punkte, nachdem er schon im Monat zuvor um 12,6 Punkte gefallen war. Katrin Demmelhuber, Fachreferentin beim Ifo-Institut interpretierte die jüngsten Zahlen dahingehend, dass es offenkundig sei, dass sich die deutsche Wirtschaft gegenwärtig in einer Phase der Wachstumsschwäche befinde. Dem könnten sich auch die Selbstständigen und Kleinunternehmer nicht entziehen.

Besonders betroffen von der aktuellen Schwächephase sei der Dienstleistungssektor. Dabei belaste vor allem die Nachfrageschwäche der Industrie wie auch das zögerliche Konsumverhalten der Privathaushalte die Unternehmen. So seien unternehmensnahe Dienstleister wie IT-Unternehmen, Unternehmensberatungen aber auch Unternehmen in der Werbung und der Marktforschung besonders betroffen. Ähnlich verhalte es sich bei Unternehmen und Selbstständigen in konsumnahen Bereichen wie dem Gastgewerbe, wo die Zurückhaltung der privaten Haushalte bei Ausgaben immer spürbarer werde. Genauso verhalte es sich auch beim Einzelhandel – auch dort habe sich das Geschäftsklima deutlich eingetrübt.

Geringe Nachfrage, hohe Kosten

Dabei werden die Unternehmen nicht nur durch eine schwache Nachfrage, sondern auch durch anhaltend hohe Kosten belastet. Der in Düsseldorf ansässige Verband Deutscher Mittelstands-Bund (DMB) sieht die Gründe für diese negative Entwicklung in einem Bündel von Problemen. Ihr Referent für Finanzen, Benjamin Schöfer, erklärt gegenüber den Deutschen Wirtschaftsnachrichten (DWN), dass die Versuche der Bundesregierung, mit milliardenschweren Subventionen Groß-Unternehmen zu fördern, wenig hilfreich seien. Blinder Aktionismus helfe nicht weiter, die Ampel-Regierung müsste stattdessen alles dafür tun, „die Standortbedingungen dauerhaft für kleine und mittlere Unternehmen zu verbessern. Dafür braucht es Entlastung und Vereinfachung, vor allem muss Bürokratie abgebaut werden und bei der Digitalisierung der Verwaltung endlich Geschwindigkeit reinkommen.“

Die neuerliche Umfrage bestätigt indes nur die düstere Stimmung in der deutschen Wirtschaft. Schon zuvor hatte eine Umfrage des Bundesverbands Mittelständische Wirtschaft (BVMW) in Berlin ähnlich Alarmierendes zutage gefördert. Demnach würde jeder vierte Mittelständler die Aufgabe seines Geschäftes zumindest in Erwägung ziehen. Grund dafür seien zu hohe Steuern, der Mangel an Fachkräften, überhohe bürokratische Hürden.

Die Krise der Selbstständigen

Ganz ähnlich sehen es auch die Selbstständigen. So richtet Andreas Lutz, der Vorstandsvorsitzende des Verbands der Gründer und Selbstständigen Deutschland (VGSD), der ebenfalls an der Veröffentlichung des Indexes beteiligt war, einen Appell an die Wirtschaftspolitik in Deutschland, die kleinen Unternehmen mit ihren spezifischen Anliegen deutlich mehr in den Blick zu nehmen. Die aktuelle Entwicklung, so Lutz, sei „alarmierend. Wir brauchen jetzt dringend positive Impulse. Ein erster, wichtiger Schritt könnte die Ernennung eines Regierungsbeauftragten für Solo-Selbstständige sein, der mit den Verbänden an einem Runden Tisch Sofortmaßnahmen erarbeitet und die verschiedenen Ministerien zur Umsetzung der entlastenden Maßnahmen aus dem Koalitionsvertrag bewegt."

Der Geschäftsindex des Ifo-Instituts und des Online-Dienstleisters Jimdo fußt auf einer Befragung von Solo-Selbstständigen und Unternehmen kleiner Betriebe mit weniger als neun Beschäftigten. Befragt werden dabei zum einen die aktuelle Situation und dabei vor allem der Bestand an Aufträgen sowie die Einschätzung über den zu erwartenden Geschäftsverlauf. Im Juli erreichte die Geschäftslage der Selbstständigen mit minus 4,6 Punkten den niedrigsten Wert seit der Erhebung der Daten im August 2021. Matthias Henze, CEO und Mitgründer von Jimdo, kommentiert die Entwicklung mit dem Hinweis, dass die sich abschwächende Nachfrage bei gleichzeitig hohen Kosten das Hauptproblem sei. „Diese Situation belastet Selbstständige und Kleinstunternehmen besonders stark, da sie oft nicht über die finanziellen Rücklagen wie Großunternehmen verfügen", teilt er mit. Kurzum: „Die Lage der Selbstständigen ist jetzt schon schlecht – und es ist zu erwarten, dass sie noch schlechter wird“, so Henze. Es sei leider zu erwarten, dass wie bei der Coronakrise auch, die Selbstständigen die großen Verlierer dieser Krise sein werden.

Was jetzt zu tun wäre

Der Ökonom Hanno Beck, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule Pforzheim, nimmt die jüngsten Zahlen zum Anlass und mahnt, dass die Politik die Alarmsignale ernst nehmen müsse, um den Wohlstand und die Stärke des deutschen Mittelstands zu erhalten. Maßnahmen wie die Abschaffung bürokratischer Hürden, mehr Planungssicherheit und Investitionen in Bildung sind jetzt dringend gefordert. „Wir sind dabei, unseren Wohlstand zu verspielen. Im World Economic Outlook (WEO) des Internationalen Währungsfonds liegen wir unter den reichsten Ländern der Welt mit dem höchsten Lebensstandard 2023 nur noch auf Platz 19 – das wäre noch nicht mal mehr ein Startplatz in der Bundesliga“, mahnt Beck.

Anzeige
DWN
Unternehmen
Unternehmen Escort zwischen Plattform und Premiumservice: Wie sich ein diskreter Markt professionalisiert

Wenn über Escort-Services gesprochen wird, kommen dabei oft veraltete Assoziationen auf. Der Markt hat sich aber in den vergangenen Jahren...

 

DWN
Immobilien
Immobilien Bund als Wohnungsbauer? Regierung plant Bundesbaugesellschaft
22.04.2026

Wenn Wohnraum knapp wird, steigen die Preise: In Deutschland fehlen 1,4 Millionen Wohnungen zugleich verteuern sich die Mieten vor allen in...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mini-Wachstum: Bundesregierung halbiert Konjunkturprognose
22.04.2026

Nicht nur die Folgen des Iran-Kriegs bremsen die Konjunktur in Deutschland weiter aus. Die Bundesregierung rechnet nur noch mit einem...

DWN
Politik
Politik Zwischen Datenschutz und Kontrolle: EU-App zur Altersprüfung im Internet kommt
22.04.2026

Um den Jugendschutz im Internet zu verbessern, hat die EU eine App zur Altersverifizierung entwickelt. Die Lösung, die Ursula von der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Flugstreichungen: Lufthansa streicht 20.000 Flüge bis Oktober
22.04.2026

Die Schließung der Cityline reißt Lücken ins Lufthansa-Netz. Was heißt das konkret für die nächsten Monate und ihre Urlaubspläne?

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Übernahme durch UniCredit: Welche Rolle spielt die Commerzbank-Aktie?
22.04.2026

Im Ringen um die Commerzbank-Übernahme verschärfen sich die Fronten, während UniCredit auf Kontrolle drängt und die mBank für den...

DWN
Finanzen
Finanzen Entlastung Steuerzahler: Unionspolitiker legen Konzept für Steuerreform vor
22.04.2026

Die schwarz-rote Koalition hat eine Reform angekündigt, um kleine und mittlere Einkommen zu entlasten. Jetzt haben Unionspolitiker ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EZB im geopolitischen Spannungsfeld: Warum Zinsen vorerst unverändert bleiben
22.04.2026

Die EZB hält an ihrem aktuellen Zinskurs fest, obwohl Energiepreise, geopolitische Risiken und neue Marktunsicherheiten den Druck auf die...

DWN
Politik
Politik Raketenabwehr für die Ukraine: Wie realistisch ist eine EU-Alternative zu Patriot?
22.04.2026

Die Ukraine treibt gemeinsam mit europäischen Partnern den Aufbau einer eigenen Raketenabwehr voran und rückt damit die Abhängigkeit vom...