Immobilien

Nächste Pleite bei Immobilienentwicklern: Gerch insolvent

Die Pleitewelle am deutschen Immobilienmarkt reißt nicht ab. Nun hat es den Projektentwickler Gerch getroffen. Denn der Immobilienboom hat sich in sein Gegenteil gedreht.
24.08.2023 17:05
Aktualisiert: 24.08.2023 17:05
Lesezeit: 2 min
Nächste Pleite bei Immobilienentwicklern: Gerch insolvent
Gerch-Chef Mathias Düsterdick, Wirtschaftssenator Frank Horch, Hamburgs erster Bürgermeister Olaf Scholz und Carlsberg-Chef Sebastian Holtz am 29.06.2016 in Hamburg bei einer Pressekonferenz zum Umzug der Holsten-Brauerei. (Foto: dpa) Foto: Bodo Marks

In der Krise am Immobilienmarkt reißt die Pleitewelle unter Projektentwicklern nicht ab. Der auf Büroimmobilien und Wohnquartiere spezialisierte Projektentwickler Gerch mit Vorhaben in Milliardenhöhe hat für vier Gesellschaften Insolvenz angemeldet. Damit erfordern die Turbulenzen in der Branche das nächste Opfer: Binnen weniger Wochen haben bereits mehrere Projektentwickler Insolvenz angemeldet, betroffen sind unter anderem der Luxus-Immobilienentwickler Euroboden sowie die Nürnberger Project-Immobilien-Gruppe mit geplanten Vorhaben von 3,2 Milliarden Euro. Die Fälle haben weitreichende Folgen: Mehr Wohnungskäufer bangen um ihre Eigenheime, Sparer um Fondsinvestments und Handwerker wegen offener Rechnungen.

Wegen drohender Zahlungsunfähigkeit habe man beim Amtsgericht Düsseldorf Antrag auf ein gerichtliches Sanierungsverfahren in Eigenverwaltung gestellt, teilte Gerch mit. Das Gericht habe dem Antrag entsprochen und vorläufige Eigenverwaltung angeordnet.

Gerch aus Düsseldorf entwickelt nach eigenen Angaben neun Projekte mit einer Fläche von 790 000 Quadratmetern und einem Gesamtvolumen von rund vier Milliarden Euro. Darunter ist demnach das Laurenz Carré aus Wohn- und Gewerbeobjekten am Kölner Dom und ein Gebäudeensemble auf dem Gelände des alten Polizeipräsidiums in Frankfurt.

"Der Geschäftsbetrieb bei Gerch läuft uneingeschränkt weiter", teilte das Unternehmen am Donnerstag mit. "Unser primäres Ziel ist es, trotz der derzeitigen Krise in der Baubranche alle Immobilienprojekte umzusetzen und am Markt zu platzieren", erklärte Vorstandschef Mathias Düsterdick. Dazu sei ein umfassendes Sanierungs- und Restrukturierungsprogramm geplant. Von dem Antrag auf Eigenverwaltung seien zunächst die Dachgesellschaften Gerchgroup, Gerch Development, Marathon Beteiligungsgesellschaft und Gerch Beteiligungen, nicht aber die einzelnen Immobilien-Projektgesellschaften von Gerch betroffen.

Projektentwickler vermarkten ganze Quartiere aus Wohnungen oder Gewerbeimmobilien - vom Kauf eines Grundstücks bis zum Verkauf oder zur Vermietung der fertigen Objekte. Das Geschäft ist komplex, doch im langen Immobilienboom lockten hohe Gewinne. In der Branche sind nicht nur Firmen mit milliardenschweren Projekten, sondern auch viele kleine und mittelständische Unternehmen aktiv. "Der Markt ist zersplittert", sagt Michael Voigtländer, Immobilienexperte am Institut der deutschen Wirtschaft (IW).

Halfen im Immobilienboom niedrige Zinsen und rasant steigende Preise, hat sich das Umfeld komplett gedreht. Mit höheren Materialkosten und dem Zinsanstieg für Kredite hat sich der Neubau stark verteuert, während Projektentwickler im Verkauf auf wenig Nachfrage treffen. "Teilweise verkaufen sie nur noch ein Zehntel der Objekte wie vor einigen Jahren" sagt Voigtländer. Dazu komme, dass die Krise am Immobilienmarkt länger andauere als von vielen in der Branche erhofft, die Kosten aber weiter anfielen - im Extremfall, bis die Liquidität ausgeht. "Die Zeit läuft gegen die Unternehmen."

Die Krise der Projektentwickler trifft nun zahlreiche private Wohnungskäufer. Project aus Nürnberg betreut nach Angaben des Insolvenzverwalters Schultze & Braun 118 laufende Projekte mit über 1850 Wohnungen, Käufer seien zumeist Privatpersonen. Wichtig sei jetzt, "ob und wie die nötigen Finanzmittel zum Weiterbau der Projekte aufgebracht werden können", sagte der vorläufige Insolvenzverwalter Volker Böhm. Einige hätten beträchtliche Summen investiert. Von der Insolvenz seien auch viele Handwerker betroffen.

Die Bauprojekte der insolventen Project-Immobilien-Gruppe sind über ganz Deutschland verteilt, mit Schwerpunkten in Großräumen wie Berlin, Hamburg, Düsseldorf, dem Rhein-Main-Gebiet und München. Einige Häuser stünden kurz vor der Fertigstellung, hieß es.

Wohnungskäufer, die mitten im Bau von der Insolvenz des Entwicklers betroffen sind, können hoffen, dass ein anderes Unternehmen das Projekt weiterführe, sagt IW-Experte Voigtländer. In der aktuellen Krise am Immobilienmarkt sei das aber schwierig. Müssen ein neuer Bauleiter oder neue Handwerker gefunden werden, steigen meist auch die Kosten.

Nicht nur Wohnungskäufer, auch Sparer bangen im Fall von Project aus Nürnberg, berichtete das "Handelsblatt": Rund 30 000 Privatanleger hätten den Fonds der Project-Investment-Gruppe rund 1,4 Milliarden Euro anvertraut. Doch die zur Finanzierung der Projekte aufgelegten Fonds hätten bis auf Weiteres Ausschüttungen an Investoren gestoppt.

Voigtländer vom IW glaubt, dass die Krise unter Projektentwicklern weitergeht. Die Insolvenzen seien nur Beispiele für einige große Branchenfirmen. "Zurzeit ist nur die Spitze des Eisberges zu sehen." (dpa-AFX)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

DWN
Panorama
Panorama Immer mehr Deutsche ziehen nach Polen: Das steckt hinter dem Trend
07.11.2026

Deutsche kommen längst nicht mehr nur nach Polen, um ihr Auto zu betanken oder deutlich günstiger im Supermarkt einzukaufen. Sie kommen...

DWN
Finanzen
Finanzen Poker um EZB-Spitze: Wer folgt auf Christine Lagarde?
07.11.2026

Die Eurostaaten suchen nach einem neuen Präsidenten für die Europäische Zentralbank. Schon in wenigen Tagen könnte über die Nachfolge...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KfW-ifo-Mittelstandsbarometer: Mittelstand hofft auf Aufschwung – doch beim Personal bleibt die Bremse angezogen
07.11.2026

Deutschlands Mittelstand gewinnt wieder Zuversicht: Das Geschäftsklima hat sich im Oktober zum sechsten Mal hintereinander verbessert....

DWN
Technologie
Technologie Dacia Duster im Test: Wenn die Reichweite an der Grenze zur Unwahrscheinlichkeit liegt
07.11.2026

1.410 Kilometer Reichweite, Allradantrieb und drei Antriebstechnologien in einem Auto: Der Dacia Duster Hybrid 4x4 verspricht erstaunlich...

DWN
Politik
Politik Schweden bestätigt Taurus-Lieferung: Marschflugkörper erreicht mehr als 500 Kilometer
07.11.2026

Schweden hat erstmals bestätigt, bereits Taurus-Marschflugkörper erhalten zu haben. Die Waffe kann Ziele in mehr als 500 Kilometern...

DWN
Finanzen
Finanzen 26 Prozent an einem Tag: Warum Duolingo plötzlich an meinen Chipaktien vorbeizieht
07.11.2026

Für meine Chipaktien war es ein schlechter Börsentag: Nvidia, Micron und Iren gerieten deutlich unter Druck. Ganz anders Duolingo. Die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Polestar 5 im Test: Angriff auf Porsche und Audi – mehr Luxus für weniger Geld?
07.11.2026

Mit dem Polestar 5 wollen die Schweden Porsche und Audi im Luxussegment angreifen. Bis zu 884 PS, 678 Kilometer Reichweite und elektrisch...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Wertvollste Marken 2026: Apple ist auf Platz eins, Tesla hat am meisten verloren
07.11.2026

Welche Unternehmen führen das Ranking der wertvollsten Marken 2026 an, welche gewinnen besonders stark und welche verlieren an Bedeutung?...