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Kroatien im Aufwind: Fluch und Segen des EU-Beitritts

Lesezeit: 6 min
10.09.2023 09:08  Aktualisiert: 10.09.2023 09:08
Das jüngste EU-Mitgliedsland profitiert enorm vom Beitritt in die Staatengemeinschaft 2013. Gute Chancen gibt es vor allem für den Mittelstand. Doch der Aufschwung hat auch Schattenseiten.

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Wirtschaftswachstum, Modernisierung, Ausbau der Infrastruktur, Milliarden aus Brüssel: Der EU-Beitritt 2013 hat für Kroatien enorme Chancen eröffnet. Und doch steht er für Hoffnung und Fluch zugleich. Das auch bei Deutschen beliebte Urlaubsland erlebt seither einen enormen Tourismusboom mit allen damit verbundenen Verwerfungen. Mit überfüllten Hotspots, deren Infrastruktur dem Ansturm nicht gewachsen ist, Wohnraummangel für Einheimische und Personal, überteuerten Preisen. Rund 19,6 Mio. Gäste besuchten im Rekordjahr 2019 laut Statista das Vier-Millionen-Einwohner-Land. Nach einem starken Einbruch während der Corona-Pandemie hatte das Land 2022 diese Zahl fast wieder erreicht.

Auch die Immobilienpreise stiegen nach dem EU-Beitritt, inzwischen sind sie für die lokale Bevölkerung unerschwinglich geworden. Der lange Zeit ungezügelte Bauboom ruft längst Umweltschützer auf den Plan und zwingt die Regierung zum Gegensteuern. Im Tourismus ist seit diesem Jahr offiziell eine nachhaltige Entwicklung angesagt.

Der EU-Beitritt hat dem kleinen Land aber auch aus der Krise geholfen. Besonders kleine und mittlere Unternehmen profitieren, zumindest wenn sie das komplizierte Antragswesen für Fördermittel verstanden haben.

Seit der Euroumstellung explodieren die Preise

Seit der Einführung des Euro im Januar 2023 und einer gleichzeitigen Inflationsrate von zehn Prozent sind die Preise im Einzelhandel, für Lebensmittel, in Cafés und Restaurants und Tourismusangebote noch einmal so drastisch gestiegen, dass die Regierung angekündigt hat, stärker gegen ungerechtfertigte Preissteigerungen vorgehen zu wollen. Reisen sei in Kroatien inzwischen teurer als in Österreich, klagte jüngst die „Kronenzeitung“. Die Kaufkraft der Kroaten liegt hingegen bei 70 Prozent des EU-Durchschnitts.

Zu einer EU-Ernüchterung hat das nicht geführt. Nie war die Zustimmung in der Bevölkerung so hoch, wie die jüngste Befragung der EU-Kommission vom Winter 2022/2023 zeigt. 72 Prozent der Befragten fühlten sich demnach voll und ganz oder teilweise als EU-Bürger. Im Frühjahr 2014, kurz nach dem Beitritt 2013, hatten das nur 49 Prozent von sich gesagt. Heute liegt Kroatien nur knapp unter dem EU-Durchschnitt von 74 Prozent, aber immer noch weit vor Rumänien und Bulgarien, die 2007 in die EU aufgenommen wurden. Dort ist jedoch die EU-Begeisterung mit 58 und 54 Prozent deutlich geringer.

Den Vize-Vorsitzenden der Deutsch-Kroatischen Gesellschaft, Michael Bockheim, wundert das nicht. „Die EU-Mitgliedschaft hat den Kroaten einige für sie besonders wichtige Dinge gebracht: Die Vollendung ihres Freiheitskampfes und die Zugehörigkeit zu dem Teil Europas, mit dem sie sich historisch wie kulturell identifizieren. Sie schätzen die Reisefreiheit im Schengenraum und sehen, dass Geld ins Land kommt“, sagt Bockheim gegenüber den Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Ein Symbol für die Einheit des Landes sei auch der Bau der Pelješac-Brücke gewesen.

Das 526-Mio-Projekt, das die EU zu drei Vierteln unterstützte, ist eines der größten Projekte, das in der EU je im Rahmen ihrer Kohäsionspolitik finanziert wurde. Die Brücke verbindet den südlichsten Teil Kroatiens und Dubrovnik mit dem Rest Kroatiens, ohne dass dafür die bosnische Neum-Enklave im Süden des Landes ­ durchquert werden muss. Fortschritte gebe es auch im Straßenbau, bei der Abfall- und Recyclingwirtschaft, bei erneuerbaren Energien. „Auch wenn die Leute umdenken müssen, sehen sie, dass etwas Sinnvolles passiert“, so Bockheim.

Viel Unterstützung für ein kleines Land

Kroatien kann von der EU enorm profitieren. Das kleine Land mit einer Fläche von etwa zwei Mal Brandenburg ist gemessen an seinem Bruttoinlandsprodukt (BIP 2022 67,39 Mrd. Euro) der größte Nettoempfänger der EU und erhält jährlich 437,80 Euro pro Kopf. 2022 flossen von der EU. 2,06 Mrd. Euro in das Land. Laut einer Berechnung des bundeseigenen Informationsdienstes Germany Trade & Invest (gtai) können im Zeitraum bis 2027 insgesamt 30 Milliarden Euro aus der EU erwartet werden. Damit will Kroatien vor allem seine Kohäsions- und Resilienzprojekte sowie Vorhaben zum Schutz von Umwelt und natürlichen Ressourcen finanzieren. Es folgen der gemeinsame Markt, Innovation und Digitalisierung.

Die EU ist Kroatiens wichtigster Handelspartner: 67 Prozent der Ausfuhren gehen in die EU, 77 Prozent der Einfuhren kommen aus EU-Ländern. Deutschland ist hierbei traditionell ein wichtiger Partner Kroatiens. Sowohl in Handels- wie auch in Investitionsprojekten. „Das Investitionsklima ist in Kroatien generell gut, auch im europäischen Vergleich“, sagt Paul Schmitz, Referent für internationalen Handel bei der IHK Frankfurt/Main. „Das Umfeld hat sich seit dem EU-Beitritt noch einmal deutlich verbessert.“

Chancen und Hürden für den Mittelstand

Neben dem Zugpferd Tourismus seien die Baubranche und die Industrie besonders für mittelständische Unternehmen und für die Projektplanung interessant. Es gibt Zulieferbetriebe für die Autobranche, Kunststoff, Metallverarbeitung, Maschinenbau, Elektroinstallation und den vorgelagerten Kfz-Bereich. Einen Markt für IT- und Softwareentwickler, erneuerbare Energien, den Großhandel und wegen der günstigen geografischen Lage auch für den Logistikbereich.

Aber auch große deutsche Unternehmen sind in Kroatien aktiv. Das moderne Klärwerk ZOV in Zagreb etwa ist ein deutsch-kroatisches Joint-Venture mit deutscher Mehrheit, die Deutsche Telekom ist Mehrheitseigner bei Kroatiens größtem Telekommunikationsunternehmen Hravtski Telekom (T‑HT), BASF, Dallmayr, DM, Kaufland, Lidl, Miele, Siemens, Bosch, Würth, SAP und RWE sind in Kroatien vertreten. Es gibt auch Raum für nachhaltige Innovation.

Porsche stieg 2018 als Investor bei Kroatiens Wunderkind Mate Rimac ein, der die schnellsten serienmäßig produzierten E-Sportwagen der Welt entwickelte und außerdem Hightech-Komponenten für die Elektromobilität produziert. Nach Porsches Übernahme von Bugatti firmieren sie gemeinsam als Bugatti-Rimac. Mit Hilfe von 200 Mio. Euro aus EU-Fördermitteln wurde Rimacs Tochterfirma, Project 3 Mobility, gegründet, die an der Entwicklung urbaner Mobilitätsdienste mit vollständig autonomen Elektrofahrzeugen arbeitet und neben den Fahrzeugen auch eine spezialisierte Infrastruktur und eine Serviceplattform anbietet. Schon 2024 sollen Robotaxis durch Zagreb rollen. Mittelfristig will man auch andere Städte in Europa und im Mittleren Osten bedienen.

Die Wirtschaftsprognose ist positiv. In diesem Jahr werden 1,6 Prozent Wachstum erwartet, für 2024 geht die EU-Kommission von 2,3 Prozent aus. Schmitz vermutet hier den Nachholeffekt im Tourismus. Hier werde immer noch mit Abstand am meisten investiert – eine Politik, die sich während der Pandemie bitter gerächt hat. 2022 betrug der Anteil des Dienstleistungssektors am BIP 61 Prozent – dazu gehört der Tourismus mit etwa 25 Prozent, die Anteile von Industrie und Landwirtschaft betrugen jeweils 19,5 und 2,5 Prozent.

Ein Billiglohnland sei Kroatien indes nicht, sagt der IHK-Experte. Es gebe im Vergleich zu den Nachbarländern ein relativ hohes Lohnniveau und hohe Lohnnebenkosten. Dass der Durchschnittslohn mit ca. 1240 Euro/Monat aber unter dem EU-Durchschnitt liege, führe zudem zu einer starken Abwanderung von Fachkräften, von Klinikärzten bis zu Bauarbeitern. Kroatien sucht deshalb verstärkt in Südostasien nach Arbeitskräften. Auf Kroatiens Baustellen sieht man zunehmend Nepalesen, Pakistaner und Philippinos.

Schwierigkeiten bereiten manchem Unternehmer auch die komplizierten EU-Förderanträge. „Es ist nicht einfach, den EU-Mittelaufruf zu verstehen, herauszufinden, ob man für eine Förderung qualifiziert ist und dann die richtigen Anträge zu stellen“, sagt Schmitz.

Beratungsfirmen für Anträge auf EU-Fördermittel

„Dass es Probleme gibt, ist möglich, aber das ist von Fall zu Fall sehr unterschiedlich“, sagt Wirtschaftsexpertin Melita Maganić von der Deutsch Kroatischen Handelskammer (AHK) in Zagreb. Es gibt kroatische Beratungsfirmen wie Absolon, die sich als „Bindeglied zwischen EU, Unternehmern und öffentlicher Verwaltung“ verstehen und Unternehmer verschiedenster Branchen erfolgreich durch die Beantragung navigieren und bei Bedarf ihre Projektentwicklung begleiten.

Die Winzerkooperative TRS Winery in Ilok ­– einem prämierten Weinanbaugebiet im Osten Kroatiens – hat dank EU-Förderung aus drei verschiedenen Fonds insgesamt fünf Projekte co-finanziert. Und sich damit vom kleinen Zwei-Familienbetrieb zu einer Kooperative mit 16 Mitgliedern entwickelt. Die Förderung ermöglichte Ausbau, Ertragssteigerung und Modernisierung der Produktion sowie den Zukauf eines Weinkellers und von Anbaufläche. Wurden 2003 noch 30.000 Liter Wein auf 29 Hektar produziert, sind es inzwischen 350.000 Liter auf 70 Hektar, mit einer Kapazität von bis zu 450.000 Litern. „So eine Entwicklung geht nur schrittweise, man muss ja immer auch eigenes Geld haben“, sagt Mitarbeiter Marijo Jurino. Ohne Berater sei das jedoch auch nicht gegangen.

Die EU will den Mittelständlern so wenig Hürden in den Weg legen, wie möglich, sagt eine Sprecherin der EU-Kommission auf Anfrage der DWN. Deren Förderung sei eines der Hauptanliegen der EU und werde über verschiedene Programme unterstützt. Zum Beispiel über die Kohäsion-Politik, das Programm für Wettbewerbsfähigkeit der KMU (COSME), Horizon 2020, sowie die Aufbau - und Resilienz-Pläne der Mitgliedsländer.

In Kroatien sei der KMU-Bereich einer der am besten funktionierende Sektoren, so die Kommissions-Sprecherin. „Im Zeitraum 2014-2020 wurden die Fördergelder für den Mittelstand in Kroatien sehr gut genutzt. Etwa 80 Prozent der 1 Mrd. Euro, die für Wettbewerbsfähigkeit und Kohäsion bereitstand, sind bis Ende Juli 23 ausgezahlt worden.“ 643 Mio. Euro für zusätzliche Finanzinstrumente zur Unterstützung des Mittelstands wie Kredite, Garantien und Covid-spezifische Kredite zu 98 Prozent.

Die Auswahl der Projekte, die für eine Förderung in Frage kommen, liegt allerdings in der Verantwortung der jeweiligen Regierung. Die EU-Kommission weise die Mitgliedsstaaten immer wieder darauf hin, dieser Auswahl keine zu bürokratischen Regeln und Abläufe für zugrunde zu legen, die oft nach EU-Recht nicht erforderlich seien. Schwierigkeiten könnte es auch geben, wenn das Land die Standards für Förderung erhöht, so die Sprecherin.

Neben solchem Behörden-Ping-Pong gibt es noch ein weiteres Problem, das ausländischen Unternehmen Kopfzerbrechen bescheren könnte. Das ist eine traditionell verbreitete Vetternwirtschaft. Trotz aller Erfolge in diesem Bereich im öffentlichen Sektor. Im Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International liegt Kroatien für die Eurozone auf dem letzten Platz, EU-weit nur noch übertroffen von Bulgarien, Rumänien und Ungarn.

 


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