Politik

G20-Gipfel im Strudel der globalen Machtverschiebung

Bereits im Vorfeld des G20-Gipfeltreffens zeigt sich: die Welt ist vielfältiger geworden, die Machtachsen verschieben sich. Es besteht Redebedarf.
07.09.2023 16:12
Aktualisiert: 07.09.2023 16:12
Lesezeit: 2 min
G20-Gipfel im Strudel der globalen Machtverschiebung
Vor dem G20-Treffen in Indien gibt es Diskussionen. (Grafik: istockphoto.com/sameer chogale) Foto: sameer chogale

Die G20-Staaten stehen nach Angaben mehrerer Diplomaten bei ihrem Gipfel am Wochenende vor schwierigen Verhandlungen über die Themen Russland und Klima. Man hoffe trotz des Widerstands aus Moskau auf eine gemeinsame Abschlusserklärung des G20-Gipfels am Wochenende in Neu-Delhi, hieß es am Donnerstag in deutschen Regierungskreisen, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtet.

Russland will vermeiden, bei dem Treffen der wichtigsten Industrie- und Schwellenstaaten weltweit wegen seines Angriffs auf die Ukraine an den Pranger gestellt zu werden. Russland, China und Saudi-Arabien wollen aber nach Angaben mehrer Diplomaten auch die Vereinbarungen zu Klimaschutzanstrengungen abschwächen.

Der Gipfel findet am Samstag und Sonntag in Neu-Delhi statt, weil Indien dieses Jahr die G20-Präsidentschaft innehat. Russlands Präsident Wladimir Putin reist nicht nach Indien. Gegen ihn liegt ein internationaler Haftbefehl vor. Russland wird durch Außenminister Sergej Lawrow vertreten.

Chinas Präsident Xi Jinping wird ebenfalls nicht vor Ort sein, stattdessen Ministerpräsident Li Qiang. Es sei kein Treffen von Bundeskanzler Olaf Scholz mit Lawrow geplant, hieß es. Offen ist, ob es ein gemeinsames Foto der Staats- und Regierungschefs mit dem russischen Außenminister gebe.

Streitpunkte Klima und Russland

Die G20-Staaten wollen unter anderem über die Weltwirtschaft, Handel und Kryptowährungen diskutieren. Man werde bis zuletzt versuchen müssen, eine gemeinsame Erklärung zu erreichen, sagte ein deutscher Regierungsvertreter am Donnerstag in Berlin. Dies sei für die indische Präsidentschaft nicht einfach. "Wir gehen davon aus, dass wir uns einigen", fügte er aber hinzu.

Auf dem letzten Gipfeltreffen in Indonesien hatte es 2022 eine kritische Erwähnung des russischen Angriffs gegeben - nachdem sich zahlreiche Staaten des Globalen Südens weigerten, den Einmarsch diplomatisch zu verurteilen. Russland hat aber bereits angekündigt, dass es diesmal nur unter Bedingungen einer gemeinsamen Erklärung zustimmen werde. Wichtig sei zumindest, dass sich die G20 zu dem Prinzip der territorialen Souveränität bekennen würden, hieß es in Berlin.

Zweiter Knackpunkt wird das angestrebte Bekenntnis zu ehrgeizigen Klimaschutzzielen sein. Fünf indische Regierungsquellen sagten am Mittwoch, dass die Differenzen über die Klimaziele während der vergangenen beiden Tage bei den G20-Unterhändlern, der sogenannten Sherpas, wieder aufgetaucht seien.

Die Regierungen streiten dabei über die Verpflichtungen zum schrittweisen Ausstieg aus der Nutzung fossiler Brennstoffe, höhere Ausbauziele für erneuerbare Energien und die Reduzierung der Treibhausgas-Emissionen. Saudi-Arabien dringe darauf, dass die fossilen Brennstoffe Teil der Energiewende werden, sagte ein französischer Diplomat. "Wir denken genau das Gegenteil", fügte er hinzu. Auch in Berlin warnt man vor einem Rückfall bei den Klimaschutz-Bemühungen.

AU auf dem Weg zur Mitgliedschaft?

In deutschen Regierungskreisen wurden Meldungen relativiert, dass sich die G20-Regierungen bereits einig über die Aufnahme der Afrikanischen Union (AU) als zweiter Regionalorganisation nach der EU seien. Dafür sei es zu früh, hieß es. Die Bundesregierung selbst hatte die Erweiterung der G20 um die AU unterstützt. An die Aufnahme würde sich allerdings die Frage anschließen, ob auch weitere Regionalorganisationen aufgenommen werden sollten. Zudem hatte Nigeria als bevölkerungsreichster afrikanischer Staat mitgeteilt, selbst der G20 beitreten zu wollen.

Zwei indische Quellen sagten Reuters, dass der Beitritt wohl erst kommendes Jahr formalisiert werde, wenn Brasilien die G20-Präsidentschaft übernimmt. Es sei noch nicht klar, ob die Entscheidung auf diesem Gipfel bekanntgegeben werde. Ein AU-Vertreter sagte, die Gruppierung aus 55 afrikanischen Ländern werde Mitglied werden.

Insgesamt zeigen die erheblichen Meinungsverschiedenheiten, dass sich die Machtachsen auf der Welt zuungunsten des von den USA angeführten Westens verschieben und ein pluralistischeres Meinungsspektrum zu Tage tritt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ausweg aus russischen Rohstoffen? „Eine Alternative gibt es, aber sie könnte uns nicht gefallen“
17.10.2026

Wie Deutschland und viele weitere EU-Staaten will auch Estland seine Abhängigkeit von russischen Rohstoffen reduzieren oder sogar beenden....

DWN
Technologie
Technologie Datenleck nach Cyberangriff bei Autohaus-Software: Betrugsversuche befürchtet
17.10.2026

Autokäufer könnten sich nun Betrugsversuchen gegenübersehen, die besonders schwierig zu erkennen sind. Vor allem Häuser mit Marken...

DWN
Finanzen
Finanzen Bundesbank-Vorstand warnt: Risiko einer Schuldenkrise in Europa deutlich gestiegen
17.10.2026

Michael Theurer, Mitglied des Vorstands der Deutschen Bundesbank, sieht in der jüngsten Verkaufswelle an den europäischen Anleihemärkten...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Konflikte im Büro: So gehen Sie mit schwierigen Kollegen um
17.10.2026

Den schwierigen Kollegen wird man selten vollständig los. Doch man kann lernen, besser mit ihm umzugehen und sich selbst viel Ärger zu...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BYD Dolphin G DM-i im Test: Ist das der Kleinwagen der Zukunft?
17.10.2026

100 Kilometer elektrisch, mehr als 1.000 Kilometer Gesamtreichweite und 212 PS: Der BYD Dolphin G DM-i bringt Werte in die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ölmarktbericht : IEA warnt vor anhaltender Diesel-Knappheit
17.10.2026

Die Dieselversorgung bleibt laut der Energieagentur bis weit ins Jahr 2027 angespannt. In Europa könnten die Preise schon in den kommenden...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Vinted greift den Einzelhandel an: Wird Neuware zum Auslaufmodell?
17.10.2026

Gebraucht statt neu: Vinted wächst rasant und könnte dem klassischen Einzelhandel zunehmend gefährlich werden. Schon heute ersetzen drei...

DWN
Politik
Politik BND-Skandale: Spionagefälle, Abhöraktionen und geheime Pannen
17.10.2026

Verrat aus den eigenen Reihen, umstrittene Überwachungsaktionen und verschwundene Geheimdokumente: Der Bundesnachrichtendienst (BND)...