Politik

Steuererhöhung bei Silber: „Der Staat nimmt jetzt weniger ein“

Der Staat hat die Steuern auf viele Silbermünzen drastisch erhöht. Anleger bezahlen seit knapp einem Jahr über 10 Prozent mehr. Dennoch nehme der Staat mit der Steuer weniger ein als früher, kritisieren Edelmetallhändler.
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22.09.2023 09:32
Aktualisiert: 22.09.2023 09:32
Lesezeit: 4 min
Steuererhöhung bei Silber: „Der Staat nimmt jetzt weniger ein“
Ein kanadischer Silber Maple Leaf kostet aufgrund einer umstrittenen Steuererhöhung über 10 Prozent mehr. (Foto: iStock.com/Sunshine Seeds) Foto: Sunshine Seeds

Das Bundesfinanzministerium hat im vergangenen Herbst die Differenzbesteuerung bei Silber gekippt. Bis dato fiel auf Silbermünzen und -münzbarren, die Händler aus dem Nicht-EU-Ausland importierten, ein ermäßigter Steuersatz von circa 7 Prozent an.

Doch ein Schreiben vom 27. September 2022 beendete die Praxis, die Edelmetallhändler bereits seit dem Jahr 2014 anwendeten. Anleger zahlen darum beim Kauf die volle Mehrwertsteuer von 19 Prozent statt wie zuvor einen ermäßigten Satz von rund 7 Prozent. Viele Silberprodukte wurden also mit einem Schlag um über 10 Prozent teurer.

Aus der Branche kommt nun ein knappes Jahr später erneute Kritik. Etwa berichtet der Edelmetallhändler Tim Schieferstein in einem Youtube-Video, dass das Unternehmen weniger Steuern aus Silbermünzverkäufen an den Staat überweise, obwohl der Steuersatz von 7 auf 19 Prozent gestiegen sei. Gleichzeitig würden Anleger schlechter gestellt, die Silbermünzen zu höheren Preisen kaufen müssten.

Bis zu 70 Prozent weniger Silberumsatz

Demnach hat goldsilbershop.de 70 Prozent weniger Umsätze aus Silbermünzverkäufen im ersten Halbjahr erzielt, als im gleichen Zeitraum im Vorjahr. Dadurch habe man ein Viertel weniger Steuern aus den entsprechenden Verkäufen an den Staat entrichtet.

„Ich weiß aber von anderen Händlerkollegen beziehungsweise auch Großhändlern, die zu den Marktführenden in Europa gehören, dass bei ihnen die Steuereinnahmenverluste noch dramatischer ausgefallen sind“, erklärt Schieferstein weiter. „Da liegen die Steuereinnahmenverluste bei weit über 50 Prozent.“ Rechne man das auf den deutschen Edelmetallmarkt hoch, seien die Steuereinnahmen um einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag gesunken, schätzt Schieferstein.

Auch Michael Eubel von der BayernLB hält gegenüber DWN die Steuererhöhung für kontraproduktiv. „Der Staat nimmt jetzt weniger Steuern ein und die Anleger müssen mehr bezahlen“, antwortet der Leiter Sorten & Edelmetalle schriftlich auf Anfrage.

Demzufolge ist der Umsatz der BayernLB mit Silbermünzen um 70 Prozent im Zeitraum von Januar bis August eingebrochen (verglichen zum Vorjahreszeitraum). Das Steueraufkommen sei um den gleichen Prozentsatz geschrumpft. Laut Eubel ist die BayernLB einer der führenden Großhändler von Anlagesilber in Deutschland. Der Marktanteil liege zwischen 30 bis 40 Prozent. Allein im Jahr 2022 habe man 702 Tonnen verkauft.

Der Münchner Edelmetallhändler Pro Aurum will auf Anfrage keine konkreten Umsatzzahlen nennen. „Die Silbernachfrage ist bei pro aurum im ersten Halbjahr 2023 deutlich zurückgegangen, aber derzeit nehmen die Silberverkäufe wieder stark zu“, erklärt ein Sprecher.

Schieferstein und Eubel berichten hingegen, dass die Nachfrage in allen Monaten des Jahres 2023 geringer sei. „Sicherlich haben Silber-Investoren aufgrund der bevorstehenden Steueränderung letztes Jahr ihre Käufe eventuell vorgezogen, aber wir glauben nicht, dass dies der Hauptgrund für die sinkende Nachfrage nach Silbermünzen ist“, erklärt Eubel von der BayernLB.

Laut Schieferstein und Eubel ist die Nachfrage nach Silberbarren nicht nennenswert gestiegen. Diese wurden bereits zuvor mit 19 Prozent besteuert und sind nun aufgrund geringerer Aufschläge attraktiver geworden. Die etwas höhere Silberbarren-Nachfrage stehe in keiner Relation zu den Rückgängen bei Silbermünzen, erklärt Schieferstein im Video.

Das Finanzministerium konnte auf DWN-Anfrage keine Angaben darüber machen, wie sich die Steuereinnahmen im bisherigen Jahr entwickelt haben. „Dem Bundesministerium der Finanzen liegen keine Daten zu den Steuereinnahmen aus Anlagesilber-Verkäufen und Silbermünzen-Verkäufen vor“, erklärte ein Sprecher schriftlich.

Mehrere Gründe für den Umsatzrückgang

Hintergrund ist offenbar, dass Anleger zunehmend auf mehrwertsteuerfreies Gold ausweichen oder Silber in Zollfreilagern aufbewahren lassen, wo gar keine Mehrwertsteuer beim Kauf anfällt.

Gleichwohl dürfte nicht bloß die Steuererhöhung eine Rolle spielen. Etwa war das Jahr 2022 ein ausgesprochenes Krisenjahr. Corona, der Ukraine-Krieg, die Inflation und die Korrektur an den Finanzmärkten haben die Nachfrage nach Edelmetallen nach oben getrieben.

Das Jahr 2023 war hingegen mit Ausnahme der Bankenkrise relativ ruhig. Michael Eubel sieht denn auch im ruhigen Jahr 2023 neben dem Steuereffekt den „Hauptgrund“ für die geringere Silbernachfrage. Nicht zu vergessen sei das höhere Zinsniveau, denn im Sommer 2022 hätten die Zinsen noch bei null Prozent gelegen.

Laut Tim Schieferstein ist es auffällig, dass der Silberumsatz mit dem Stichtag 31. Dezember 2022 stark eingebrochen sei. „Das sind starke Indizien, die dafür sprechen, dass die Steuer eine merkliche Rolle spielt“, schreibt er auf DWN-Nachfrage.

Eubel und Schieferstein erklären zudem für ihre Unternehmen, dass die Silbernachfrage in anderen Ländern nicht so stark eingebrochen sei wie in Deutschland. „Darüber hinaus sprechen wir natürlich regelmäßig mit unseren Kunden und kriegen auch mitgeteilt, dass die Mehrwertsteuer ein Kaufhemmnis ist“, schreibt Schieferstein.

Bei Gold beobachte man zwar auch Umsatzrückgänge, aber nicht in diesem Ausmaß. Dies sei auch der Inflation geschuldet, die es vielen erschwere, Geld zur Seite zu legen. „Einen Teil des Umsatzrückgangs bei Gold sehe ich aber auch durch die geringe Silbernachfrage: Nicht jeder, der Gold kauft, kauft auch Silber. Aber es gibt kaum jemanden, der Silber kauft, aber kein Gold besitzt oder kauft“, erklärt Schieferstein weiter.

Bisher hätten manche Anleger auf die Kurse von beiden Metallen geschaut, um nachzukaufen, und das jeweils andere Metall gleich mitbestellt. „Wenn man Silber gekauft hat, hat man teilweise auch Gold ,mitbestellt’. Das passiert nun deutlich seltener.“

Kritik an der Steuererhöhung

Bereits im vergangenen Herbst wurde die Anpassung der Differenzbesteuerung von mehreren Seiten kritisiert. Etwa sagte der Bundestagsabgeordnete Frank Schäffler (FDP) gegenüber der Welt: „Das ist eine schlechte Nachricht für Bürger, die sich vor der galoppierenden Inflation schützen wollen.“ Die Sache müsse beim Finanzministerium nochmals auf die Tagesordnung.

Auch der Edemetallhändler Pro Aurum äußerte Kritik. „Anleger investieren in Edelmetalle, um Teile ihres Kapitals angesichts einer zweistelligen Inflationsrate bestmöglich zu schützen“, sagte der Mitgründer Mirko Schmidt. „Nun werden beliebte Anlage-Silbermünzen durch die Untersagung der Anwendung der Differenzbesteuerung wesentlich verteuert.“

Das Bundesfinanzministerium betont gegenüber DWN, dass das Schreiben vom vergangenen Herbst bloß geltendes Recht präzisiere. „Das BMF-Schreiben vom 27. September 2022 regelt unmittelbar nur, dass die Einfuhr von Silbermünzen nur dann ermäßigt zu besteuern ist, wenn es sich bei der Silbermünze um ein Sammlungsstück von münzkundlichem Wert handelt“, erklärt ein Sprecher auf DWN-Anfrage. „Es gibt damit lediglich die gesetzlichen Voraussetzungen wieder.“

Zuvor habe eine Vereinfachungsregelung in einem Schreiben aus dem Jahr 2004 dazu geführt, dass der ermäßigte Steuersatz angewendet worden sei, obwohl kein Sammlungsstück vorgelegen habe und somit die gesetzlichen Voraussetzungen des ermäßigten Umsatzsteuersatzes nicht erfüllt gewesen seien (BMF-Schreiben vom 5. August 2004, IV B 7 – S 7220 - 46/04, BStBl I S. 638).

„Bei richtiger Anwendung hätte jedoch auch nach den Regelungen des BMF-Schreibens vom 5. August 2004 geprüft werden müssen, ob es sich um ein Sammlungsstück handelt.“ Das Finanzministerium habe im Schreiben vom vergangenen September die Vereinfachungsregelungen gestrichen, um sicherzustellen, dass das geltende Recht korrekt angewandt werde.

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