Politik

Feuerpause in Bergkarabach vereinbart

Die Armenier in Bergkarabach und Aserbaidschan bestätigen, dass ein Waffenstillstand vereinbart wurde, nachdem mehrere Zivilisten getötet und verletzt wurden.
20.09.2023 10:58
Aktualisiert: 20.09.2023 10:58
Lesezeit: 3 min
Feuerpause in Bergkarabach vereinbart
Auf diesem vom aserbaidschanischen Verteidigungsministerium zur Verfügung gestellten Videostandbild ist eine Explosion über einem Gebiet zu sehen, in dem sich nach aserbaidschanischen Angaben Stellungen der armenischen Streitkräfte in Berg-Karabach befinden. (Foto: dpa/Defense Ministry of Azerbaijan) Foto: Uncredited

Einen Tag nach dem Großangriff Aserbaidschans auf seine abtrünnige Region Bergkarabach haben die dort ansässigen Armenier das Ende ihres bewaffneten Widerstands erklärt. Die Führung der international nicht anerkannten "Republik Arzach" teilte am Mittwoch mit, sie beuge sich einem von Russland vermittelte Waffenstillstand zu Konditionen der aserbaidschanischen Regierung. Demnach sollen die Truppen der ethnischen Armenier in Bergkarabach entwaffnet und aufgelöst werden. Aserbaidschan bestätigte die Waffenruhe. Der russische Präsident Wladimir Putin sagte einem Medienbericht zufolge, Russland strebe eine friedliche Beilegung des Konflikts an.

In dem langjährigen Konflikt hatte Aserbaidschan am Dienstag einen Großangriff gegen den mehrheitlich von ethnischen Armeniern bewohnten Landesteil begonnen. Aserbaidschan könne separatistische Truppen auf seinem Territorium nicht dulden, hatte die Regierung in Baku erklärt. Nach ersten Angaben Armeniens wurden dabei mindestens 32 Menschen getötet. Der frühere Regierungschef der Armenier in Bergkarabach, Ruben Wardanjan, bezifferte im Gespräch mit Reuters am Mittwoch die Zahl der Toten sogar auf annähernd 100. Außerdem seien Hunderte verletzt worden. Armenien, das die Armenier in Bergkarabach traditionell unterstützt, war nach eigenen Angaben werde an den Kämpfen noch an dem Abkommen beteiligt.

Die Armenier in Bergkarabach erklärten, sie seien international im Stich gelassen worden und beugten sich der Übermacht der aserbaidschanischen Streitkräfte. Das Waffenstillstandsabkommens trat nach Angaben beider Seiten am Mittwoch um 13.00 Uhr Ortszeit (11.00 Uhr MESZ) in Kraft. Am Donnerstag sollen Gespräche über die Zukunft der rund 120.000 ethnischen Armenier in Bergkarabach beginnen. Unklar blieb zunächst, ob sie sich mit der ungeliebten Zentralregierung in Baku arrangieren oder ob große Bevölkerungsteile nach Armenien auswandern. Armenien hatte Aserbaidschan den Versuch "ethnischer Säuberungen" vorgeworfen, was die Regierung in Baku zurückgewiesen hat.

Putin sagte der russischen Zeitung "Wedomosti" zufolge, seine Regierung stehe mit sämtlichen Beteiligten des Bergkarabach-Konflikts in Kontakt. Russische Friedenstruppen in der Region täten alles, um Zivilisten zu schützen. Russland hat 2020 nach einem kurzen Krieg zwischen den beiden früheren Sowjetrepubliken Friedenstruppen in der Region stationiert. Putin sagte während eines Treffens mit dem chinesischen Außenminister Wang Yi, er rechne damit, dass Russland eine friedliche Lösung erreichen könne.

Der Konflikt zwischen Aserbaidschan einerseits und den Armeniern in Bergkarabach sowie Armenien andererseits schwelte bereits, als die gesamte Region noch zur Sowjetunion gehörte. In einem mehrjährigen Krieg, der 1994 endete, wurden rund 30.000 Menschen getötet und mehr als eine Million vertrieben. In einem zweiten Krieg im Jahr 2020, der 44 Tage währte, starben mindestens 6500 Menschen.

Auch nach dem Ende der Sowjetunion 1991 war Russland als Ordnungsmacht in der Region unangefochten. Aserbaidschan verließ jedoch das von Russland dominierte Verteidigungsbündnis OVKS, während Armenien weiterhin Mitglied ist. Doch Armenien sah sich zunehmend von Russland im Stich gelassen, dessen Kräfte zum Teil im Krieg in der Ukraine gebunden sind. Zuletzt hielt Armenien zur Verärgerung Russlands eine Militärübung mit den USA ab. Die USA hatten das jüngste Vorgehen Aserbaidschans in Bergkarabach scharf kritisiert. In der Region macht auch die angrenzende Türkei ihren Einfluss geltend. Sie pflegt enge Beziehungen mit Aserbaidschan. Das Land spielt auch eine wichtige Rolle wegen seiner Öl- und Gasvorkommen.

US-Militärübung mit Armenien endet am Mittwoch wie geplant

Das US-Militär wird nach eigenen Angaben seine gemeinsame Übung mit armenischen Einheiten an diesem Mittwoch wie geplant beenden. Die für zehn Tage angesetzten Übung "Eagle Partner 2023", an der 85 Soldaten aus den USA und 175 aus Armenien teilnahmen, sei durch den Militäreinsatz von Aserbaidschan in Bergkarabach nicht beeinträchtigt worden, sagte ein Sprecher des US-Militärs am Mittwoch. "Wir wussten, dass sie Einsätze vornehmen, sahen jedoch zu diesem Zeitpunkt keine Gefahr für unsere Soldaten, und so blieben sie für die Dauer der Übung." Aserbaidschan hatte am Dienstag seinen Militäreinsatz in der Konfliktregion Bergkarabach begonnen und spricht von einem Anti-Terror-Einsatz.

In Bergkarabach leben überwiegend Armenier. Das Gebiet liegt aber inmitten von Armeniens Nachbarland Aserbaidschan, zu dem es völkerrechtlich auch gehört. 1991 sagte sich Bergkarabach von Aserbaidschan los, was international nicht anerkannt ist. Seither gab es mehrere kurze Kriege zwischen den Nachbarländern, die beide früher zur bis Ende 1991 bestehenden Sowjetunion gehörten. In den vergangenen Monaten verschlechterte sich die Lage der Bevölkerung in Bergkarabach, weil die einzige Straßenverbindung nach Armenien mit Billigung der aserbaidschanischen Regierung in Baku blockiert wurde. Appelle Armeniens an Russland blieben ungehört, die Regierung in Moskau kam ihrer Rolle als Schutzmacht nicht nach. Russland hat 2020 nach einem kurzen Krieg zwischen den beiden früheren Sowjetrepubliken Friedenstruppen in der Region stationiert. Im aktuellen Konflikt griffen sie nicht ein. Dass sich Armenien in der seit längerem angespannten Lage neu orientierte und mit den USA die Militärübung begann, verärgerte die Regierung in Moskau.

Aserbaidschan wiederum näherte sich in den vergangenen Jahren an die Türkei an. Diese hat wegen des Völkermordes an den Armeniern 1915 und 1916 - den die Türkei bestreitet - ein sehr belastetes Verhältnis zu Armenien. Die kleine Kaukasusrepublik liegt zwischen ihren großen Nachbarn Türkei und Aserbaidschan. Die Türkei, ein Nato-Mitglied, nimmt seit Jahren eine immer wichtigere Rolle in der gesamten Region ein und bemüht sich auch um Vermittlung mit Russland in dessen Krieg gegen die Ukraine. Aserbaidschan ist wegen seiner geostrategischen Lage wichtig - auch für Russland. Zudem verfügt es über erhebliche Energiereserven und verdient mit Gaslieferungen auch an die EU infolge des EU-Embargos gegen russisches Gas viel Geld.

In dieser Gemengelage waren Anfang September der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin im russischen Sotschi zu Beratungen zusammengekommen. (Reuters)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Das anstehende Wirtschaftsereignis Fußball-WM 2026 & warum Daten, Prognose sowie Online-Portale einen eigenen Digitalmarkt bilden

Die WM ist in diesem Jahr nicht bloß ein bedeutendes Ereignis auf sportlicher Basis, denn sie wird zum Härtetest für Datenökonomie,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Sondersteuer für Energiegewinne: Wie die EU-Pläne Europas Energiesektor belasten
13.05.2026

Eine neue Sondersteuer für den Energiesektor könnte die Debatte über hohe Energiepreise in der EU erneut verschärfen. Welche Folgen...

DWN
Politik
Politik Schienenverkehr ohne Grenzen: EU plant Stärkung der Fahrgastrechte bei Fernreisen
13.05.2026

Die Europäische Kommission möchte das Bahnfahren über Ländergrenzen hinweg attraktiver gestalten und den Schutz für Reisende massiv...

DWN
Politik
Politik Wechsel in Stuttgart besiegelt: Cem Özdemir übernimmt das Amt des Ministerpräsidenten
13.05.2026

In Baden-Württemberg bricht eine neue politische Ära an: Cem Özdemir wurde vom Landtag zum Nachfolger von Winfried Kretschmann gewählt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entlastungsprämie endgültig vom Tisch: DMB begrüßt Aus der 1000-Euro-Prämie
13.05.2026

Nach heftiger Kritik aus Wirtschaft und Ländern ist die geplante Entlastungsprämie endgültig gescheitert. Vor allem mittelständische...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rabattaktionen im Einzelhandel: Warum eBooks trotz Krise boomen – und wie Sie persönlich davon profitieren
13.05.2026

Steigende Preise, verunsicherte Verbraucher und schwache Konsumdaten setzen den Handel unter Druck. Gleichzeitig werben Anbieter mit...

DWN
Finanzen
Finanzen Inflationsgefahr: Bundesbank-Präsident Nagel stellt Zinserhöhung in Aussicht
13.05.2026

Bundesbankchef Joachim Nagel warnt eindringlich vor einer anhaltenden Teuerungswelle und bereitet die Verbraucher auf weiter steigende...

DWN
Politik
Politik Vertrauenskrise trotz Einigkeitswunsch: EU-Skepsis in Deutschland erreicht Höchststand
13.05.2026

Das Vertrauen in die Schutzfunktion der Europäischen Union ist innerhalb der deutschen Bevölkerung massiv eingebrochen. Während eine...

DWN
Politik
Politik Kurswechsel beim Heizgesetz: Bundesregierung lockert Verbot von Gas- und Ölheizungen
13.05.2026

Die neue Regelung sieht vor, dass, obwohl fossile Brennstoffe in modernen Anlagen vorerst zulässig bleiben, ab 2029 eine verpflichtende...