Wirtschaft

Der DWN-Marktreport: Brennpunkt Nahost bleibt marktbeherrschendes Thema

Die aus der Eskalationsgefahr des israelisch-/palästinensischen Konflikts erwachsenden Unsicherheiten spiegeln sich an den internationalen Finanz- und Rohstoffmärkten wider. Erdöl, Gold und Staatsanleihen stehen im Fokus der Anleger.
24.10.2023 12:16
Aktualisiert: 24.10.2023 12:16
Lesezeit: 4 min
Der DWN-Marktreport: Brennpunkt Nahost bleibt marktbeherrschendes Thema
Erste Hilfslieferungen in den Gazastreifen sind vor einigen Tagen angelaufen. Unsicherheit über die erwartete Bodenoffensive bleibt weiterhin bestehen. (Foto: istockphoto/alexsl) Foto: alexsl

Auch wenn die allseits erwartete Bodenoffensive der israelischen Streitkräfte bislang ausblieb – diese dürfte wohl nur aufgeschoben sein und spätestens, wenn für die in den Gazastreifen verschleppten Geiseln keine Gefahr mehr besteht, schließlich auch durchgeführt werden. Dies ist zumindest ein Szenario, welches nicht wenige Politik-, Nahost- und Kriegsexperten für wahrscheinlich halten. Den an den Finanz- und Rohstoffmärkten agierenden Nicht-Experten erhält dies die Unsicherheit über das damit einhergehende Eskalationsniveau, welches von einem lokal eng begrenzten Konflikt bis zu einem weitreichenden Krieg unter Einbeziehung lokaler und internationaler Atommächte reicht. Diese Fantasie bietet entsprechenden Stoff für eklatante Marktbewegungen.

Run auf Edelmetalle

Gold und Silber stellen seit dem Terrorangriff in Israel sehr eindrucksvoll ihren Ruf als Krisen-Asset unter Beweis. Von ihren kurz zuvor einsetzenden Stabilisierungen nach den jeweils vorangegangenen tiefen Abwärtsbewegungen schoss Gold seitdem in der Spitze um mehr als 10 Prozent, Silber um über 14,5 Prozent in die Höhe – beide Rallys nur durch kurze Atempausen unterbrochen.

Diese Dynamik ist angesichts der historischen Rolle als Wertaufbewahrungsmittel in dunklen Zeiten keine Überraschung. Am Freitag, nachdem die vom Iran unterstützte Hisbollah nach eigenen Angaben mehrere Einrichtungen in Israel mit Lenkraketen beschossen hatte, näherte sich der Goldpreis der Marke von 2.000 Dollar pro Unze und handelte damit bereits wieder in Schlagdistanz seines gut 75 Dollar darüber befindlichen Allzeithochs. Gemessen in Australischem Dollar und chinesischem Yuan fiel das Allzeithoch am Freitag bereits, in britischen Pfund und Euro wurde es nur um Haaresbreite verfehlt.

Unterstützend wirkte die Schieflage vieler großer Spekulanten, die kurz vor dem Angriff der Hamas an der Terminbörse Comex so pessimistisch positioniert waren, wie seit mehr als einem Jahr nicht mehr. Diese sahen sich im Zuge des anlaufenden Preisanstiegs gezwungen, ihre Engagements entsprechend anzupassen und befeuerten damit die Bewegung noch.

Diese Korrektur der Positionierungen dürfte nun weitgehend abgeschlossen sein, neue Investoren bei einer zunehmend chaotischen Entwicklung im Nahen Osten jedoch nicht lange an der Seitenlinie verharren. Ein nachhaltiger Preisanstieg ist jedoch erst dann erwartbar, wenn sich die Anzeichen für eine Wende in der US-Zinspolitik mehren. Derzeit sind nach wie vor Abflüsse aus den börsengehandelten Goldfonds zu beobachten, angelockt durch hohe US-Anleiherenditen.

Anleiherenditen verblüffen

An den US-Anleihemärkten überschritt die Rendite 10-jähriger Staatsanleihen zum ersten Mal seit 16 Jahren die 5 Prozent-Marke, was auf die Erwartung zurückzuführen ist, dass die Fed die hohen Zinssätze beibehält und die Regierung die Anleiheverkäufe weiter ankurbelt. Angesichts der überraschend starken US-Wirtschaft und der gemischten Signale der Federal Reserve bezüglich ihres Zinspfads erlebten Staatsanleihen einige der wildesten Schwankungen der jüngeren Geschichte.

Ob beabsichtigt oder nicht, der Vorsitzende der US-Notenbank Jerome Powell gab den Anlegern am vergangenen Donnerstag grünes Licht für den weiteren Verkauf von Anleihen, obwohl er die Chancen für weitere Zinserhöhungen in diesem Jahr herunterschraubte. Powell sagte in einer Rede vor dem Economic Club of New York, dass anhaltende Anzeichen von Stärke in der Wirtschaft „eine weitere Straffung der Geldpolitik rechtfertigen könnten“, obwohl er später in einer Frage-und-Antwort-Runde auch hinzufügte, dass der jüngste Anstieg der Anleiherenditen die Notwendigkeit dafür „am Rande“ verringern könnte.

Die Bereitschaft des Fed-Vorsitzenden, die Tür für weitere Zinserhöhungen offen zu lassen, selbst in diesem Stadium eines bereits historischen Straffungszyklus, bedeutet, dass die Kreditkosten weiter steigen können, solange die Inflationsbedrohung durch die Stärke der Wirtschaft anhält. Insbesondere die Betonung der überraschenden Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft gegenüber den besseren Inflationsdaten der letzten Monate hält die Tür für weitere Erhöhungen in naher Zukunft offen. Dies erhöht auch die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed die Zinssätze auf unbestimmte Zeit auf einem hohen Niveau hält, selbst wenn sie ihre Zinserhöhungen einstellen sollte.

Wie Powell in der Fragerunde am Donnerstag sagte, deutet der Anstieg der Renditen darauf hin, dass die Anleger „ihre Einschätzung der Gesamtstärke der Wirtschaft revidieren und denken, dass sogar längerfristig höhere Zinssätze erforderlich sein könnten“. Nichtsdestotrotz sinken die Inflationserwartungen derzeit deutlich. So gehen die Ökonomen von Bloomberg davon aus, dass sich die weltweite Inflation im vierten Quartal dieses Jahres auf 6,4 Prozent und zum Ende des kommenden Jahres auf 4,6 Prozent abschwächen wird. Ende 2022 lag der Wert noch bei 9,3 Prozent.

Für die sogenannte Erste Welt sieht die Analyse den Zielwert mit 2,1 Prozent Ende 2024 annähernd erreicht. Gleichzeitig wurden die Wachstumsprognosen für die USA bis Anfang 2024 angehoben und die Wahrscheinlichkeit einer Rezession gesenkt. Die Wirtschaft wuchs im dritten Quartal wahrscheinlich mit einer annualisierten Rate von 3,5 Prozent und damit so schnell wie seit fast zwei Jahren nicht mehr.

Ölversorgung bereitet sorgen

Die Furcht vor ausgedehnten Kriegshandlungen im Nahen Osten treiben auch den Ölpreis. Durch das zunehmende Risiko von Angriffen auf die in der Region befindliche Energieinfrastruktur und die Schiffsrouten sehen viele Analysten den Ölpreis schon in Kürze wieder im dreistelligen Bereich.

Nach einer zunächst verhaltenen Reaktion auf den Ausbruch des Krieges zwischen der Hamas und Israel zogen die Rohölpreise schließlich rasch an und notierten in der Spitze mehr als 12 Prozent über dem Vorkriegsniveau (Sorte Brent). Sollten die geopolitischen Spannungen weiter zunehmen, könnten sich die USA sogar gezwungen sehen, ihre strategische Reserve zu nun höheren Preisen wieder aufzufüllen.

Ob die überraschende Aufhebung der Sanktionen der USA gegen Venezuela die Ölpreise merklich schwächen kann ist mehr als fraglich. In der Theorie selbstverständlich ja, jedoch liegt auch die dortige Ölindustrie am Boden. Bis Produktion, Verarbeitungs- und Transportinfrastruktur wieder hergestellt und sich nennenswert bemerkbar machen, dürfte noch einige Zeit ins Land gehen.

Gold und Anleihen – hier schließt sich der Kreis

Es ging im allgemeinen Säbelrasseln ein wenig unter, aber eine Meldung von Reuters vom vergangenen Freitagnachmittag könnte sich durchaus als weitreichend erweisen: diese deutet an, dass China planen könnte, goldgedeckte Anleihen auszugeben und das Edelmetall damit offiziell als Reservewährung einzuführen. Dies wäre ein formeller Angriff auf das US-Treasury. In der Meldung heißt es, dass China in einem Krieg mit den USA um Taiwan ein globales Netzwerk von unter US-Sanktionen stehenden Unternehmen schaffen, innerhalb seiner Grenzen amerikanische Vermögenswerte beschlagnahmen und auf Gold lautende Anleihen ausgeben müsste.

Das klingt auf den ersten Blick schon ein wenig weit hergeholt. Andererseits stimmt vermutlich jeder zu, dass die jüngere Vergangenheit nicht arm an ehemals weit hergeholt geltendem war. Und ein solcher Plan könnte eine Erklärung dafür sein, warum Gold kräftig steigt, und gleichzeitig US-Staatsanleihen abverkauft werden - und auch, warum gerade China diese in immer schnellerem Tempo abstößt. China verkaufte im August so viele US-Anleihen (und Aktien) wie seit vier Jahren nicht mehr.

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Markus Grüne

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Markus Grüne (49) ist langjähriger professioneller Börsenhändler in den Bereichen Aktien, Derivate und Rohstoffe. Seit 2019 arbeitet er als freier Finanzmarkt-Journalist, wobei er unter anderem eigene Börsenbriefe und Marktanalysen mit Fokus auf Rohstoffe publiziert. 

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