Politik

„Die EU hat sich in ein Energie-Dilemma manövriert“

Die EU boykottiert russisches Gas und riskiert aufgrund steigender Energiepreise ihre eigene Desindustrialisierung. Sollte sich der Krieg in Nahost ausweiten, stünde sie vor einer Katastrophe, erläutert der Energie-Analyst Demostenes Floros den Deutschen Wirtschaftsnachrichten.
25.11.2023 10:14
Aktualisiert: 25.11.2023 10:14
Lesezeit: 5 min
„Die EU hat sich in ein Energie-Dilemma manövriert“
Die EU boykottiert russisches Gas und riskiert aufgrund steigender Energiepreise ihre eigene Desindustrialisierung. (Bild: istockphoto.com/AvigatorPhotographer)

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie wirkt sich der Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern auf die Öl- und Gasversorgung der angrenzenden Länder, aber auch auf die EU aus?

Demostenes Floros: Von zentraler Bedeutung ist hier, dass Israel mit Beginn des Konflikts die Gasförderung seines Offshore-Gasfeldes TAMAR, das von Chevron betrieben wird, aus Sicherheitsgründen ausgesetzt hat. Tamar deckt etwa 35 % des israelischen Gasverbrauchs. Darüber hinaus lieferte Israel bis zum Beginn des Konflikts Gas nach Ägypten, was nun nicht mehr passiert, weil Israel sämtliches Gas, das produziert wird, für den Eigenbedarf braucht.

Was bedeutet das wiederum? Es bedeutet, dass eine bestimmte Menge an Erdgas, das in Flüssiggas umgewandelt werden und den Weg von Ägypten in die Europäische Union nehmen sollte, nicht nach Europa gelangen kann. Denn da Israel offensichtlich nicht in der Lage ist, Ägypten das zu geben, was es früher gegeben hat, und Ägypten ohnehin einen Anstieg des eigenen Erdgasverbrauchs verzeichnet, so dass es seinen eigenen Verbrauch im Grunde schon nicht decken kann, wird die Ausfuhr von verflüssigtem Erdgas in die Europäische Union blockiert.

Um die Wahrheit zu sagen, wir sprechen nicht von riesigen Mengen, wir sprechen von 1,5 bis 2 Milliarden Kubikmetern pro Jahr, aber es ist ein wichtiges Signal für die Europäische Union und besorgniserregend. Aus welchem Grund?

Da die Europäische Union, wie wir wissen, beschlossen hat, auf Gas aus der Russischen Föderation zu verzichten, hat sich die Lieferantenstruktur von Pipeline- und vor allem von Flüssigerdgas für die Europäische Union geändert.

Aber fast alle diese Lieferanten können eine Reihe von Problemen mit sich bringen, nicht so sehr aus produktionstechnischer Sicht im engeren Sinne, sondern aus geopolitischer Sicht, im Hinblick auf politische Instabilität oder sogar eine Kriegssituation.

Und dies ist natürlich ein sehr ernstes Problem für die Europäische Union, das sie berücksichtigen muss. Ich wiederhole, Ägypten exportiert heute nur sehr wenig verflüssigtes Erdgas nach Europa, wir sprechen hier von 1 bis 2 Milliarden Kubikmetern, aber es ist ein Beispiel, es ist bezeichnend dafür, dass die neue Gasversorgungssituation in der Europäischen Union auf jeden Fall instabil ist, und das kann die Volatilität der Erdgaspreise in Europa weiter anheizen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Und wie ist die Situation in Syrien?

Demostenes Floros: Die Amerikaner haben sich nie vollständig aus Syrien zurückgezogen und halten große Teile des Landes, in denen sich die syrischen Erdölfelder befinden, besetzt. Sie nutzen ihre militärische Präsenz, um - lassen Sie uns die richtigen Worte verwenden - syrisches Öl zu stehlen.

Das ist natürlich illegal und verstößt gegen das Völkerrecht. Ich möchte klarstellen, dass wir hier nicht von einer besonders bedeutenden Ölmenge auf globaler Ebene sprechen. Das nicht. Aber es ist klar, dass ein Land, das nach zehn Jahre Krieg völlig ausgelaugt ist, auf jeden Tropfen Öl, den es in seinen eigenen Gebieten fördern könnte und deshalb nicht aus anderen Ländern importieren muss, dringend angewiesen ist.

Ich denke, dass die Amerikaner mit dem Diebstahl des syrischen Öls vor allem darauf abzielen, Leid und damit Unruhe in der Bevölkerung zu provozieren und die Assad-Regierung dadurch zu schwächen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Konsequenzen hätte ein amerikanischer Angriff auf den Iran?

Demostenes Floros: Sollte sich der Konflikt auf den gesamten Nahen und Mittleren Osten ausweiten, und sei es auch nur unter indirekter Beteiligung der Vereinigten Staaten und des Irans, würde sich die Lage auf dem Energiemarkt dramatisch zuspitzen, und das Risiko, dass der Ölpreis auf über 150 Dollar pro Barrel steigt, wäre nicht völlig abwegig, zumal täglich 18-20 Millionen Barrel Öl die Straße von Hormuz passieren, was fast 20 % des Weltverbrauchs entspricht.

Meines Erachtens wäre ein solches Szenario für die Europäische Union dramatischer als für die Vereinigten Staaten und den von China und der Russischen Föderation angeführten Block. Allerdings habe ich den Eindruck, dass weder die Iraner noch die Amerikaner eine Eskalation des Konflikts wirklich wollen. Mir scheint, dass die einzige Partei, die eine Eskalation des Konflikts anstreben, Israel oder, besser gesagt, ein großer Teil der derzeitigen israelische Regierung ist.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Das heißt, die USA selbst sind gar nicht so erpicht auf einen Krieg gegen den Iran? Immerhin haben sie ja einige Flugzeugträger in der Region zusammengezogen?

Demostenes Floros: Die Tatsache, dass sie Militärschiffe dorthin bringen, bedeutet nicht, dass sie auch die Absicht haben, etwa den Iran anzugreifen.

Das amerikanische Vorgehen hat sicherlich auch innenpolitische Gründe. Im nächsten Jahr finden in den USA Wahlen statt und einige Neocons, vor allem in der Demokratischen Partei, mögen sich deswegen zu einer militärischen, muskulösen Sprache verleitet sehen. Zwar mag es auch in den USA Kreise geben, die einen Krieg mit dem Iran herbeisehnen, doch kann ich mir vorstellen, dass die Amerikaner diesbezüglich vor allem von der Israel-Lobby unter Druck gesetzt werden.

Meiner Ansicht nach sind es eher diese, die auf eine weitere Eskalation des Konflikts drängt. Ich kann nur hoffen, dass es dazu nicht kommen wird. Und der Rückgang des Ölpreises in den letzten zwei Wochen lässt darauf hoffen. Dieser ist zwar sicherlich auf eine Reihe verschiedener Faktoren zurückzuführen, aber zu einem großen Teil auch darauf, dass es die Märkte für wenig wahrscheinlich halten, dass es eine Ausweitung des Konflikts geben wird.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie stark ist der Ölpreis denn gefallen?

Demostenes Floros: Die Ölsorte WTI - West Texas Intermediate - ist, während wir hier sprechen, unter 77 $ pro Barrel gefallen ist, Brent liegt bei knapp über 80 $. Das heißt, dass die Preise in den letzten zwei Wochen über 10, 12, 15 $ pro Barrel gefallen sind.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass, wenn es unmittelbar nach dem 7. Oktober zu einem Anstieg der Ölpreise kam, gerade wegen der geopolitischen Kosten des Konflikts, der Markt eine Ausweitung des Konflikts inzwischen für unwahrscheinlicher hält.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Können wir also, was unsere Versorgung mit Öl und Gas anbelangt, ganz vorsichtig Entwarnung geben?

Demostenes Floros: Nur bedingt. Denn der fundamentale Unterschied zu früher ist, sagen wir zu dem Konflikt vor exakt 50 Jahren, dem Jom-Kippur-Krieg, der ebenfalls an einem 7. Oktober, nämlich im Jahr 1973, ausgebrochen ist und der die Welt zur ersten Ölkrise führte, ist folgender: Damals waren die Optionen der großen europäischen Volkswirtschaften und der Vereinigten Staaten von Amerika, auf Öl aus Ländern des Nahen Ostens zu verzichten, vielfältiger.

Und zwar, weil man Kohle verwenden konnte, weil man Atomkraft nutzen konnte, weil man auf Erdgas setzen konnte, weil es kein Problem der Energiewende gab, vor allem aber, weil es einen anderen Anbieter gab: Die damalige Sowjetunion. Denn die war auch während des Kalten Krieges stets ein verlässlicher Lieferant von Öl und Gas. Industrieländer wie die Bundesrepublik Deutschland und Italien, aber auch ganz allgemein der gesamte Westen, konnten sich auf Energielieferungen aus der Sowjetunion verlassen.

Diese Situation gilt heute nicht mehr für den Westen, der nicht nur die Energiewende zu berücksichtigen hat, sondern auch die Tatsache, dass er die Beziehungen zur Russischen Föderation abgebrochen hat und daher nicht mehr auf die Energielieferungen von dort als Alternative zu denen des Nahen Ostens, wo zyklische Krisen wahrlich nichts Neues sind, zurückgreifen kann.

Wenn also in der Vergangenheit der Westen, auch während des Kalten Krieges, eine Schulter, eine immer präsente und verlässliche Stütze wie die Russische Föderation bei Erdöl, Diesel, Erdgas, Kohle haben konnte, so ist dies heute nicht mehr der Fall.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass sich die Machtbalance im Energiebereich im Vergleich zu vor fünfzig Jahren gegenüber dem Nahen Osten und der Russischen Föderation zuungunsten des Westens verschoben hat. Das ist meiner Meinung nach der wichtigste Aspekt der jüngsten Ereignisse. Auch wenn ich nicht davon ausgehe, dass die OPEC-Plus-Länder und die größten Produzenten im Nahen Osten das tun werden, was sie vor 50 Jahren getan haben, nämlich die Ölexporte in die Europäische Union und die Vereinigten Staaten von Amerika zu stoppen.

*****

Info zur Person: Demostenes Floros ist wirtschafts- und geopolitischer Analyst. Er ist Dozent des Studienganges Internationale Beziehungen, Italien – Russland, an der Universität Alma Mater zu Bologna sowie für Geopolitik an der offenen Universität von Imola. Er schreibt für Abo, herausgegeben von ENI), WE-World Energy (ENI Vierteljahresbericht), und der geopolitischen Zeitschrift Limes. Er kooperierte u. a. mit: Energy International Risk Assessment (EIRA) und Blue Fuel. Zur Zeit ist er Senior Energy Economist am CER (Centro Europa Ricerche) in Rom.

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Moritz Enders ist freier Autor und schreibt regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten.

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