Finanzen

Finanzminister Lindner: Kredite sollen gedeckelt werden - Banken laufen Sturm

Das neue Jahr hat für die Regierung bereits mit einer mächtig steifen Brise begonnen. Jetzt weht auch noch Finanzminister Christian Lindner (FDP) der Wind ins Gesicht - von ganz unerwarteter Seite. Ausgerechnet die Banken haben eine Sturmwarnung abgesetzt und Lindners Finanzministerium eindringlich vor Restriktionen bei der Vergabe von Immobilienkrediten gewarnt.
16.01.2024 13:06
Aktualisiert: 16.01.2024 13:06
Lesezeit: 4 min
 Finanzminister Lindner: Kredite sollen gedeckelt werden - Banken laufen Sturm
Christian Lindner (FDP) neben Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbandes, während der Großdemonstration der Bauern und Spediteure. (Foto: dpa) Foto: Monika Skolimowska

Eigentlich möchte man meinen, dass Christian Lindner sehr gut nachvollziehen kann, wie wichtig der Zugang zu Krediten und Hypotheken für private Bauherren so ist. Der FDP-Politiker hatte ja selbst einen Millionen-Kredit für seinen privaten Hauskauf benötigt und ausgerechnet bei einer Bank erhalten, für die er später per Video-Ansprache ein Grußwort hielt. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Die Staatsanwaltschaft schaltete sich ein, prüfte und legte die Sache ad acta. Gleichwohl scheint Lindner das Verhältnis zu Banken generell wichtig zu sein - für jeden Finanzminister ein natürliches Miteinander, möchte man meinen. Dass die Kreditwirtschaft ihn frontal nimmt, dürfte Lindner wurmen.

Worum geht es? Offenbar plant das Finanzministerium, aufgeschreckt von den derzeitigen Böen am deutschen Immobilienmarkt, bei der Finanzaufsicht zu justieren und präventiv die Instrumente zu schärfen. Es geht um ein Gesetz zu einkommensabhängigen Grenzen bei Krediten zum Kauf von Wohnimmobilien - Brot-und-Butter-Geschäft für Banken. Die Banker befürchten, dass noch weitere Eingriffe der Politik ihr Kunden-Geschäft endgültig zum Erliegen bringt.

Brief in der Streikwoche publik geworden

„Wir halten dies in einer Zeit, in der 700.000 Wohnungen fehlen, der Wohnungsneubau fast zum Erliegen gekommen ist und die seit Jahresbeginn gegebenen Wohnimmobilien-Darlehenszusagen um 40 Prozent unter Vorjahresniveau liegen, für ein falsches politisches Signal“, heißt es in einem nicht öffentlichen Schreiben vom Dezember, dass nun inmitten der vergangenen Streikwoche publik geworden ist.

Absender ist die Deutsche Kreditwirtschaft, der einflussreiche Dachverband der deutschen Banken. Das im Hause Lindner vorbereitete Gesetz „würde ohne Not massiv in die Geschäftstätigkeit und Managementkompetenz von Banken und Sparkassen eingegriffen“, monieren die Banker.

Sorgen vor einem Crash wie bei Lehman Brothers

Ganz klar, dass im Ministerium so manchem Finanz-Experten, noch das Jahr 2008 in den Knochen steckt, als die Welt von faulen Immobilien-Krediten vor allem in den USA geschockt wurden und der Crash der Investmant-Bank Lehman Brothers wegen sogenannter Subprime-Geschäfte eine veritable weltweite Finanzkrise auslöste. In den USA verloren zigtausende Familien durch Zwangsräumung ihre Häuser und standen bei Schulden-Beratern Schlange.

Bilder, die es in Deutschland zwar damals nicht gab, aber Politik und Bürokratie agiert bisweilen nun einmal proaktiv. Im Ministerium an der Berliner Wilhelmstraße möchte man jedenfalls bei der Finanzierung von Immobilien der Verhältnis zwischen Gesamtverschuldung und Einkommen der Kreditnehmer deckeln. Der Schuldendienst soll für jeden einzelnen Bürger beherrschbar bleiben und genug vom Einkommen für den Lebensunterhalt übrig. Die Finanzaufsicht soll einen allzu lockeren Umgang der Banker mit (durch die Zinsen spürbar teurer gewordenen) Krediten und der damit inhärenten Hoffnung auf lukrative Abschlüsse noch in dieser Legislaturperiode im Keim ersticken.

Kein Gespür für Timing und Fingerspitzengefühl

Tatsächlich hatten die Ampel-Parteien SPD, Grüne und FDP das Thema bereits im Koalitionsvertrag erörtert und vereinbart. Im November 2023 haben die Fraktionen die Bundesregierung nun angemahnt, zeitnah einen Gesetzestext vorzulegen, um den was besten bereits im ersten Halbjahr 2024 zu beschließen, so hört man.

Dass der Koalition jeglicher Sinn für Timing und Fingerspitzengefühl abgeht, das kennt man ja mittlerweile. Aber auch die Experten der Banken-Aufsicht BaFin und in der Bundesbank sind als Klageweiber mit von der Partie. Der heiligen Finanzstabilität und dem Traum schwarzer Nullen wird in der Finanzwirtschaft Deutschlands immer gerne alles untergeordnet - selbst, wenn es mal nicht passt.

Der Zeitpunkt für weitere Daumenschrauben sei falsch gewählt, beklagt die Deutsche Kreditwirtschaft. Die Bauherren verharren in Paralyse, und warten auf Godot statt die gefallenen Grundstückspreise zum Einstieg zu nutzen. Lindners Beamte drohen somit die letzte Hoffnung auf einen möglichst schnellen Rebound in der Bau- und Immobilienbranche abzuwürgen. Weniger Bautätigkeit heißt, eine sich noch verschärfende Wohnungsnot zu provozieren. Denn schon jetzt fehlen im Land 700,000 neue Wohnungen.

Fakt ist: Der Immobiliensektor steht wegen gestiegener Kreditzinsen und Baukosten unter Druck. Die Stimmung in den Wohnungsbauunternehmen ist nach Angaben des Ifo-Instituts im Dezember auf ein Rekordtief gefallen. „Die Perspektiven für 2024 sind düster“, bekennt Umfrage-Experte und Makro-Ökonom Klaus Wohlrabe.

Diskriminierende Eingriffe ins Bankgeschäft

Wer selbst einmal, über den Kauf eines Hauses oder einer Eigentumswohnungen mit Banken in Deutschland verhandelt hat, weiß natürlich, dass alles Mögliche locker sitzt, nur nicht die Kreditbereitschaft. Insbesondere, wenn die freundliche Bankern, kritisch Einkommen, Steuerbescheide und Bonität prüft und dann trotzdem noch eine Bürgschaft der Eltern einfordert. Die von Lindners Ministerium geprüften Instrumente könnten, wie die Kreditwirtschaft befürchtet, „selektiv einzelne Kundengruppen diskriminieren“. Junge Familie, größere Hausstände, Personen mit geringen und mittleren Einkommen, aber selbst Bürger mit Vermögen, aber nur geringem regelmäßigem Einkommen werde es „damit systematisch erschwert, eine Wohnimmobilie zu erwerben oder zu bauen“. Ganz zu schweigen vom Eigenkapital.

Lindners Ministerium gibt sich arglos

Im Finanzministeriums lehnt man Kommentare über sogenannte Non-Paper wie den Brandbrief der Kreditwirtschaft aus Prinzip ab. Grundsätzlich seien Maßnahmen „mit international anerkannten Standard-Instrumenten“ zur Stabilisierung des Finanz- und Bankensektors allerdings sinnvoll, heißt es dort. „Sie sind entwickelt worden als Lehre aus der Finanzkrise, als Banken viele risikoreiche Kredite vergeben hatten, die nicht zurückgezahlt wurden.“ Die Instrumente seien im übrigen auch in Nachbarländern gängige Praxis.

Seit Februar 2023 müssen Geldhäuser für Wohnimmobilien-Darlehen über die herkömmlichen Anforderungen hinaus einen Kapitalpuffer von 2,75 Prozent vorhalten. Die Banken haben auch diese Bremse im Brief an den Finanzminister angesprochen: „Sie entziehen dem Bankensektor 200 Milliarden Euro Kreditvergabe-Potenzial für Wohnungsbau.“

Bundesbank verwundert über die Debatte

Immerhin wäre Lindner nicht FDP-Chef, wenn er erst in Erfahrung bringen müsste, wo sein Haus Hintertürchen freihält. Angeblich stehen neue Regeln derzeit gar nicht zur Debatte. So heißt es im aktuellen Finanzstabilitäts-Bericht der Bundesbank: „Vergeben die Banken keine risikoreichen Kredite, so besteht auch zukünftig keine Notwendigkeit für die Aufsicht, diese Instrumente einzusetzen.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Politik
Politik Haushaltskrise der Länder: Kommunale Schulden steigen um fast zehn Prozent
29.10.2026

4.907 Euro je Einwohner: Die Verschuldung der Kommunen ist im vergangenen Jahr weiter gewachsen. Dabei fällt die Belastung regional sehr...

DWN
Politik
Politik „Gen Z regelt“ mobilisiert: Das ist für Samstag geplant
29.10.2026

In knapp 30 Städten sind Proteste angekündigt, organisiert von einer noch jungen Gruppierung. Nach den Ausschreitungen in Frankreich...

DWN
Politik
Politik Verteidigung des Baltikums: Heereschef Freuding fordert mehr Tempo
29.10.2026

Mehr als 70 Generale und führende Offiziere aus Deutschland und den Niederlanden haben mögliche Brennpunkte im Baltikum erkundet....

DWN
Politik
Politik Umfrage: Deutsche sehen USA ähnlich kritisch wie China
29.10.2026

Kurz vor den US-Zwischenwahlen fällt das Bild der Vereinigten Staaten in Deutschland überwiegend negativ aus. In einer aktuellen...

DWN
Technologie
Technologie Testbericht: Apples erstes faltbares iPhone ist ein kostspieliges, aber überzeugendes Debüt
29.10.2026

Ich erinnere mich noch gut an die Reue, die ich beim Kauf des iPhone 3GS im Jahr 2009 empfand. Bis dahin hatte ich ein BlackBerry Pearl...

DWN
Finanzen
Finanzen EZB-Zinsentscheid: Notenbanker belassen Leitzins der Eurozone bei 2,5 Prozent
29.10.2026

Die Europäische Zentralbank lässt die Leitzinsen am 29. Oktober 2026 unverändert. Der Einlagenzins bleibt bei 2,50 Prozent. Zugleich...

DWN
Politik
Politik Merz warnt vor Nordkoreas Rolle im Ukraine-Krieg
29.10.2026

Zum Abschluss seiner Asienreise besucht Bundeskanzler Friedrich Merz am Freitag die Grenze zwischen Süd- und Nordkorea. Bereits zuvor...

DWN
Politik
Politik Steinmeier in China: Appell für Regeln, Frieden und freien Handel
29.10.2026

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat bei einer Rede an der renommierten Peking Universität für eine stärkere regelbasierte...