Politik

Zickenalarm: Richtungsstreit im Rat der Wirtschaftsweisen

Die Wirtschaftsweise Veronika Grimm soll aus dem Rat der Wirtschaftsweisen geschasst werden. Hintergrund ist ein vermeintlicher Compliance-Verstoß. Insider freilich vermuten, dass es in Wirklichkeit um einen ganz grundsätzlichen Richtungsstreit mit der Vorsitzenden des Experten-Gremiums, Monika Schnitzer, sowie Ulrike Malmendier geht. Und um gekränkte Eitelkeiten!
21.02.2024 11:51
Aktualisiert: 21.02.2024 11:51
Lesezeit: 2 min
Zickenalarm: Richtungsstreit im Rat der Wirtschaftsweisen
Die Mitglieder des Sachverständigenrats er Bundesregierung (von links): Ulrike Malmendier, Martin Werding, Monika Schnitzer (Vorsitzende), Achim Truger und Veronika Grimm. (Foto: dpa) Foto: Bernd von Jutrczenka

Es ist der wichtigste Sachverständigenrat in Wirtschafts- und Finanzfragen Deutschlands - und nun scheint er heillos zerstritten zu sein. Vorgeblich geht es um einen Verhaltensverstoß der Wirtschaftsprofessorin Veronika Grimm von der Universität Erlangen-Nürnberg. Grimm soll in den Aufsichtsrat von Siemens-Energy berufen werden, was aus Sicht der anderen Wirtschaftsweisen jedoch „mögliche Interessenskonflikte" auslösen könnte.

Das Problem an dieser Argumentation: Es gibt eine derartige Compliance-Regel bisher überhaupt nicht, weshalb Grimm es auch rundweg ablehnt, auf das ihr angetragene Mandat zu verzichten. Ihre Mitgliedschaft in einem Aufsichtsrat sei „nicht zu beanstanden", ließ sie die anderen Ratsmitglieder wissen. Die anderen Mitglieder kündigten an, die Regeln dahingehend jetzt endlich schriftlich zu fassen - das sei längst überfällig, heißt es.

Die Sache hat sich jetzt allerdings hochgeschaukelt - und liegt nun bereits auf dem Tisch der Bundesregierung. Es kursiert eine Mail an Veronika Grimm, die Kanzleramtschef Wolfgang Schmidt geschickt wurde und auch den beiden Ministern Christian Lindner (FDP) und Robert Habeck (Grüne) vorliegt. Darin legen die anderen fünf Ratsmitglieder Grimm den Rücktritt nahe, sollte sie die Wahl bei Siemens Energy annehmen.

Auch gegenüber Joe Kaeser, dem Chef des Siemens Energy-Aufsichtsrats, habe man die Probleme bereits offen angesprochen. Siemens Energy soll Wasserstoff und alternative Stromquellen vorantreiben und hat unlängst eine Milliardenbürgschaft vom Bund erhalten. Angesichts der Bedeutung des Unternehmens beim Umbau der deutschen Energieversorgung und Wirtschaft könne es nicht sein, dass ein dermaßen exaltiertes Gremium wie der Rat der Wirtschaftsweisen in die Kritik geraten könnte, nicht unabhängig und neutral zu urteilen. Eine Sicht, die durchaus nachvollziehbar erscheint, jedoch offenbar den wahren Kern verschleiert.

Ein ehemaliges namentlich nicht genanntes Mitglied hat in einem Interview wörtlich erklärt: „Es geht offenbar darum, Veronika Grimm als kritische Stimme aus dem Rat herauszudrängen." Angeblich stehen sich insbesondere Schnitzer (von der Uni in München) und Grimm, die beide zeitglich 2020 von der Bundesregierung berufen worden, in ihren Ansichten mittlerweile diametral gegenüber. Eine Rivalität, die bisweilen ins Persönliche geht.

Drei Damen vom Grill: Mitglieder im Berater-Gremium heillos zerstritten?

Da mit Ulrike Malmendier von der School of Business im kalifornischen Berkeley eine weitere Wirtschaftswissenschaftlern in den Streit involviert scheint, könnte man auch flapsig von einem Zickenstreit sprechen, der nun auf offener Bühne ausgetragen wird. Doch auch die Mitglieder Martin Werding und Achim Truger haben sich offenkundig gegen Grimm in Stellung gebracht. Ein veritabler Richtungsstreit unter Ökonomen also, der Züge eines Rosenkrieges trägt.

Ganz unterhaltsam für die Panorama-Seite, doch angesichts der wirtschaftlichen Lage, in der sich Deutschland befindet, ein Streit zur Unzeit und in der Sache auch nicht nachvollziehbar. Seit wann müssen Wirtschafts-Experten alle der gleichen Meinung anhängen? Auch in der Vergangenheit war es längst nicht unüblich, dass Wirtschaftsweise als Aufsichtsräte in der deutschen Wirtschaft fungierten. Auch in der Monopol-Kommission sind derartige Doppel-Mandate nicht unüblich.

Prof. Grimm hat in letzter Zeit immer wieder einmal die Koalition für ihre "schwache Transformationspolitik" kritisiert. Sie steht inhaltlich auf Seiten Lindners in Sachen Schuldenbremse, hat diese jedenfalls explizit verteidigt - öffentlich. Malmendier, die von Kanzleramtsberater Jörg Kukies in den Rat gelotst wurde, ist derweil gegenteiliger Ansicht und bezeichnete die Kritik daran als "billig". Achim Truger als Vertreter der Gewerkschaften im Rat ist ohnehin auf Seiten der Subventions-Befürworter in Reihen der Koalition.

Man könnte sagen, das Veronika Grimm sich zunehmend kritisch mit rot-grünen Wirtschafts-Positionen auseinandersetzt, obwohl sie einst von Robert Habeck mit Unterstützung der SPD ins Amt gehievt wurde. Es geht offensichtlich um den Streit zwischen den sogenannten Marktwirtschaftlern und einem von SPD und Grünen favorisierten Interventionshandeln. Vor allem geht es wohl darum, staatstragend die Regierung Scholz gegen jegliche Kritik in Schutz zu nehmen und politisch zu stabilisieren.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Die Krise der deutschen Automobilindustrie: Wo geht die Reise hin?
11.10.2026

Die deutsche Automobilindustrie, das historische Rückgrat des nationalen Wohlstands, steckt in ihrer schwersten Krise seit Jahrzehnten....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Umgang mit Cookies: BGH verhandelt zu Cookie-Speicherung – darum geht's
10.10.2026

Der Bundesgerichtshof prüft, ob Unternehmen für das Speichern von Cookies auf fremden Internetseiten ohne Einwilligung haften müssen....

DWN
Unternehmen
Unternehmen Uber-Robotaxis in Deutschland: Erst Stellen streichen, dann Jobs versprechen
10.10.2026

Uber streicht Tausende Stellen und verspricht gleichzeitig neue Arbeitsplätze in Deutschland. Was widersprüchlich klingt, folgt einer...

DWN
Finanzen
Finanzen Revolut-Bank greift an: Dieser Fintech-Riese will Europas Banken überholen
10.10.2026

Die Revolut-Bank wächst in einem Tempo, von dem klassische Geldhäuser nur träumen können: fast 70 Millionen Kunden, Milliardenbewertung...

DWN
Technologie
Technologie KI-Prompts für Marketing und Vertrieb: 7 KI-Vorlagen für KMU und Selbstständige
10.10.2026

Fast jedes zweite kleine Unternehmen sieht noch keinen echten Nutzen in KI – dabei liegt der Unterschied oft nur im richtigen Prompt....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dacia Sandero Stepway: Europas Bestseller hat ein Sicherheitsproblem
10.10.2026

Europas meistverkauftes Auto kommt nicht von Volkswagen, Toyota oder Peugeot, sondern von Dacia. Der Sandero Stepway punktet mit enormer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kingspan Group-Aktie unter Druck: EU greift nach geplatztem Deal durch
10.10.2026

Ein geplatzter Milliardendeal? Nein, ein gescheiterter Firmenkauf mit teuren Folgen. Weil der irische Baustoffkonzern Kingspan die...

DWN
Politik
Politik Marine Le Pen plant finanzpolitischen Kurs mit großen Einsparungen: Auf den Straßen wächst die Wut
10.10.2026

Frankreich steht finanziell mit dem Rücken zur Wand. Während Zehntausende junge Menschen gegen marode Schulen und fehlende Investitionen...