Politik

Gas-Notfallplan überflüssig? Regierung setzt dennoch auf neues LNG-Terminal in Rügen

Zuletzt war von einer Entspannung der Gasversorgungslage die Rede. Trotzdem hält der Bund an der Gas-Alarmstufe wie auch am Rügener LNG-Terminal fest. Experten und Oppositionspolitiker üben heftige Kritik.
02.03.2024 12:00
Aktualisiert: 02.03.2024 12:31
Lesezeit: 2 min
Gas-Notfallplan überflüssig? Regierung setzt dennoch auf neues LNG-Terminal in Rügen
Die Bundesregierung um Bundeskanzler Olaf Scholz (m), Wirtschaftsminister Robert Habeck (l) und Finanzminister Christian Lindner (r) hält die Gas-Alarmstufe aufrecht, zur Entspannung der vermeintlichen Notlage setzt man auf LNG-Terminals wie hier in Wilhelmshaven. (Foto: dpa) Foto: Michael Sohn

Die Bundesregierung hält die Gasversorgungslage weiterhin für angespannt. Man beabsichtige derzeit nicht, die seit Sommer 2022 geltenden Alarmstufe des Notfallplans Gas zu beenden, erklärte das Bundeswirtschaftsministerium in einer Antwort auf eine parlamentarische Anfrage. Die Gasversorgungslage sei im Vergleich zum Vorkrisenniveau weiterhin angespannt. Auch die Inbetriebnahme des umstrittenen Rügener Terminals für Flüssigerdgas (LNG) sei "als wesentliche und notwendige Versicherung gegen eine mögliche Gasverknappung oder gar einen Gasmangel erforderlich", heißt es in der Antwort an den AfD-Bundestagsabgeordneten Leif-Erik Holm, die der Deutschen Presse-Agentur vorliegt.

Wirtschaftsexpertin: "Gasnotfallplan aufheben"

Aus Sicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat sich die Lage auf dem Gasmarkt hingegen entspannt. Eine Gasmangellage, mit der der beschleunigte Ausbau von LNG-Infrastruktur gerechtfertigt werde, sei zu keinem Zeitpunkt eingetreten, hieß es kürzlich vom DIW. Der geplante Ausbau von LNG-Importkapazitäten sei in diesem Umfang nicht mehr nötig. DIW-Expertin Claudia Kemfert hatte den Funke-Zeitungen gesagt, es sei "an der Zeit, den Gasnotfallplan aufzuheben".

Aktuell sind die Gasspeicher in Deutschland zu knapp 70 Prozent gefüllt. Angesicht der Tatsache, dass der Winter vorrüber ist, ist dieser Wert normal und nicht besorgniserregend. Im Herbst 2023 war die Lage trotz Füllständen bis zu 99 Prozent noch anders. Man konnte nicht wissen, wie mild der Winter werden würde. "Selbst wenn die Gasspeicher erneut vollständig vor dem Winter befüllt werden, könnte die Gasnachfrage bei extrem kalten Temperaturen und aktuellem Verbrauchsverhalten vermutlich nicht mehr vollständig gedeckt werden.", hieß es damals in eine Mitteilung der Initiative Energien Speichern (INES).

Habeck gibt sich entspannt

Die Alarmstufe beschreibt eine erhebliche Verschlechterung der Versorgungslage mit Erdgas. Indikatoren dafür sind etwa das Fehlen oder die gravierende Reduzierung von Erdgasströmen, langanhaltende sehr niedrige Erdgasspeicherfüllstände, extreme Wetterverhältnisse bei gleichzeitig sehr hoher Nachfrage, eine hohe Gefahr langfristiger Unterversorgung oder EU-Staaten, die Deutschland um Gaslieferungen ersuchen.

Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hatte jedoch kürzlich im Bundestag gesagt: "Die Energieversorgung ist sicher, die Speicher auch Ende des zweiten Winters sind voll". Die Gaspreise hätten sich zuletzt auf dem Niveau von Anfang 2022 vor dem russischen Angriff auf die Ukraine befunden. Tatsächlich haben sich die europäischen Gaspreise entspannt. Die Energiekrise wurde im Herbst 2021 durch Engpässe auf den Strom-, Öl- und Gasmärkten ausgelöst und durch den Beginn des Ukrainekriegs und die nachfolgende Entscheidung, auf russisches Gas zu verzichten, massiv verschärft. Die Preise waren zwischenzeitlich förmlich explodiert. Danach kam es langsam zu einer Normalisierung, getrieben durch rückläufige Gaspreise auf den Weltmärkten.

Probleme auf EU-Ebene

Holm kritisierte das Festhalten an der Alarmstufe und am Rügener LNG-Terminal: "Es werden extrem kostspielige Überkapazitäten geschaffen, die auch noch die Umwelt und den wichtigen Tourismus auf Rügen gefährden." Das Terminal soll in Kürze betriebsbereit sein. Ende letzten Jahres hatte der Bund dem Projektträger und Gasnetzbetreiber Gascade 1,4 Milliarden Euro versprochen, um die Finanzierung des Terminals sicherzustellen.

In der Antwort auf die Anfrage des AfD-Abgeordneten verweist der Bund darauf, dass auf EU-Ebene weiterhin von gravierenden Schwierigkeiten bei der Gewährleistung der Energieversorgungssicherheit ausgegangen werde. Dem Terminal-Standort Mukran auf Rügen komme insbesondere aufgrund der Einspeisemöglichkeit im Osten Deutschlands "eine hohe Bedeutung für die nationale und europäische Energieversorgung zu."

Befürworter des Terminals hatten wiederholt auf die Anbindung auch etwa östlicher und südlicher Nachbarn verwiesen. Die Bundesnetzagentur verweist darauf, dass bei einem Stopp verbleibender russischer Gaslieferungen nach Südosteuropa diese Staaten in einer Mangellage über Deutschland mitversorgt werden müssten. In Österreich etwa stammten nach Angaben der dortigen Regierung im Dezember 2023 weiterhin 98 Prozent der Gasimporte aus Russland. (mit Material von dpa)

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Vier Jahre Ukraine-Krieg: Wie nah ist der Frieden wirklich?
23.02.2026

Vier Jahre nach Beginn des Ukraine-Kriegs ist ein Ende der Kämpfe nicht in Sicht. Diplomatische Initiativen laufen, doch die Fronten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Globale Konjunkturerholung gewinnt an Breite: Asien stark, Deutschland überrascht
23.02.2026

Immer mehr Indikatoren sprechen dafür, dass die Weltwirtschaft in eine Phase breiterer Erholung eintritt. Die ersten...

DWN
Politik
Politik Tausende Kinder von Sanktionen beim Bürgergeld betroffen
23.02.2026

Immer mehr Familien geraten durch Sanktionen beim Bürgergeld unter Druck – mit spürbaren Folgen für Kinder. Neue Zahlen zeigen eine...

DWN
Politik
Politik Geheimer Deal: Iran einigt sich mit Russland auf Kauf tragbarer Raketensysteme
23.02.2026

Ein geheimer Rüstungsdeal zwischen Iran und Russland sorgt für neue Spannungen im Nahen Osten. Für rund 500 Millionen Euro soll Teheran...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Neue US-Zölle: Wie riskant ist Trumps Kurs für die Finanzmärkte?
23.02.2026

Donald Trump bringt erneut globale Strafzölle ins Spiel – nur Tage nach einer juristischen Schlappe vor dem Supreme Court. Die Märkte...

DWN
Finanzen
Finanzen Salzgitter-Aktie profitiert von Milliardenförderung: Mehr Fördermittel für grünen Stahl aus Salzgitter
23.02.2026

Die Salzgitter-Aktie legt am Montag leicht zu: Milliardenförderung, grüner Stahl und politische Rückendeckung verändern die...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Index steigt: Wirtschaft sendet erste Signale der Erholung
23.02.2026

Der Ifo-Index sendet ein positives Signal für die deutsche Wirtschaft. Nach langer Schwächephase hellt sich das Ifo-Geschäftsklima...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Demografischer Wandel: Europa und vor allem Deutschland altern schneller
23.02.2026

Niedrige Geburtenraten, steigende Lebenserwartung: Europa erlebt einen erheblichen demografischen Wandel. Aktuelle Daten belegen die...