Politik

Engpass bei Stromversorgung: Oranienburg zeigt Deutschland die Grenzen auf

Noch ist es ein Einzelfall: Die Kleinstadt Oranienburg, nördlich von Berlin, kommt dem Bedarf ihrer Kunden nicht mehr umfänglich nach. Wer beispielsweise eine Wallbox installieren möchte, muss warten. Auch einen Neuanschluss bieten die Stadtwerke gerade nicht - das verheißt nichts Gutes für Deutschland!
16.04.2024 16:40
Lesezeit: 3 min
Engpass bei Stromversorgung: Oranienburg zeigt Deutschland die Grenzen auf
Wenn der Saft nicht reicht: In Oranienburg bei Berlin werden gerade die Grenzen der Stromversorgung auf eine Probe gestellt. (Foto. dpa) Foto: Karl-Josef Hildenbrand

Oranienburg ist nicht Berlin, sondern mit 42.000 Einwohnern nur eine Kleinstadt im Norden der Hauptstadt - immerhin mit S-Bahn-Anschluss, auch wenn derzeit auf dem Regionalbahngleis eine von den Schienen gesprungene Lokomotive im Wege steht. Die Ereignisse überschlagen sich dort gerade, wobei die jüngsten Schlagzeilen nun sogar bundesweit Interesse erzeugen.

Denn: Die Stadtwerke Oranienburg mussten die Bundesnetzagentur dieser Tage beschämt darüber informieren, dass im vorgelagerten Hochspannungsnetz nicht genug Saft für die voll umfängliche Versorgung der Stadt bereitsteht. Es könnten leider weder neue Wärmepumpen noch Wallboxes installiert werden von den Bürgern. Schon gar nicht sei an die Versorgung von zusätzlichen Industrie- und Gewerbekunden zu denken.

„Der ersten Stadt geht der Strom aus“, war prompt auf Social Media zu lesen. Ein weiterer Vorbote der Herausforderungen, die uns die Energiewende Robert Habecks beschert? Nun ja, der grüne Wirtschaftsminister ist sicherlich für viele Fehlentscheidungen verantwortlich, aber nicht auch noch für das Missmanagement der Strombarone im nördlichen Brandenburg.

Zugegeben auch, dass sich die Mangellage schon im September 2023 abgezeichnet hatte. Damals dachte im Management der Stadtwerke Oranienburg GmbH wohl erstmals jemand laut über den Bau eines eigenen Umspannwerkes nach. Danach diskutierten erst dann die Gremien, bis diese Woche endlich die Bundesnetzagentur alarmiert wurde. So ist das: Manche Geschichten brauchen länger, um in ihrer tieferen Bedeutung klar zu werden.

Einzelfall, der einen langen Schatten voraus wirft

Seitdem glühen die Leitungen heiß, zunächst mal die von den Telefonen des kommunalen Stromanbieters. Die Anfragen besorgter Bürger häufen sich - im Tenor ist es eine Mischung aus Sorge und Ungläubigkeit, die sich da derzeit Bahn bricht. Wie viel Aufrufe womöglich gar Check24 bekommen hat, wissen wir nicht. Die zentrale Frage und Ratio dahinter ist nur allzu verständlich: „Muss ich zu einem anderen Versorger wechseln, der noch Strom hat?“

Nun ja, die schlichte Antwort fällt zwiespältig aus: Es ist in Brandenburg und den neuen Bundesländern mit gut 120 Terrawattstunden sogar so viel Strom da, dass er durchgeleitet und verkauft wird, sagt der Übertragungsnetzbetreiber 50Hertz. Nur nicht jeder in Oranienburg bekommt ihn aktuell.

Die Versorgung steht zwar, beteuern die Verantwortlichen, nur mit der Vorsorge ist es nicht so weit her. Denn ein neuer Stromanschluss, also ein Standardprodukt bei eigentlich allen Stromversorgern, ist derzeit Mangelware. „Wir können Ihnen bis auf weiteres keinen neuen Strom-Hausanschluss anbieten.“ Schon gar nicht, wenn eine weitere Wärmepumpe in Betrieb gehen soll, so wie sich dass die Bundesregierung händeringend wünscht.

Wer ist also schuld? Oder kommt es da gar nicht drauf an, weil die Geschichte einen grundsätzlichen Konflikt in sich birgt und ein Krisen-Szenario aufzeigt?

Die Stadtwerke Oranienburg schieben die Verantwortung tatsächlich dem Regionalnetzbetreiber E.dis zu, der zu zwei Dritteln E.on und zu einem Drittel kommunalen Teilhabern gehört. Der Bitte um höhere Kapazitäten für die wachsende Gemeinde sei dort leider nicht entsprochen worden, nun musste man den Stecker ziehen, um im Bild zu bleiben. „Damit sind die Versorgungsmöglichkeiten in der Stadt Oranienburg ausgeschöpft“, ließ sich Peter Grabowsky, Geschäftsführer der Stadtwerke, zitieren.

Mit den nun bekannt gewordenen Folgen: „Um das Stromnetz in Oranienburg weiter stabil zu halten, können die Stadtwerke ab sofort keine Neuanmeldungen oder Leistungserhöhungen von Hausanschlüssen mehr genehmigen.“ Auch Bürgermeister Alexander Laesicke wirbt dringend um Verständnis: „Der Strombedarf unserer wachsenden Stadt hat sich enorm entwickelt, schneller, als es in der Vergangenheit vorausgesehen wurde.“ Das mit dem neuen Umspannwerk wird wohl bis 2026 dauern. Bis dahin müssten Neubürger und expansionsbereite Unternehmer geduldig sein. Oder sich besser eine andere Stadt aussuchen! Denn Oranienburg hat erst mal fertig. Der Bürgermeister ahnt, „dass wir in den nächsten zwei bis drei Jahren nicht mehr bauen können.“

Die Bundesnetzagentur macht keinen großen Hehl daraus, wo er Hase im Pfeffer liegt, wenn man auf Anfragen mitteilt: „Netzbetreiber haben ihr Netz vorausschauend zu ertüchtigen, um grundsätzlich Problemen mit mangelnder Kapazität vorzubeugen.“ Und im konkreten Fall heißt das: „Teil der Sachverhaltsaufklärung wird daher auch sein, warum dies in vorliegendem Fall anscheinend nicht geschehen ist.“

Freilich kann dies auch andernorts passieren, wenn man bedenkt, wie Deutschlands Terrassen und Dächer mit PV-Balkonkraftwerken gepflastert werden. Dass der Netzbau ganz generell schleunigst an Fahrt aufnehmen muss, wäre eine Lehre, de aus dem Fallbeispiel Oranienburg in jedem Fall zu ziehen ist.

Es gibt ein Recht auf Stromanschluss

Der Verband kommunaler Unternehmen (VKU) ist freilich um Gelassenheit bemüht: „Der Gesetzgeber hat die Planungsinstrumente für Verteilnetzbetreiber gerade erst nachgeschärft, dadurch dürften sich Prognosefehler in Zukunft leichter vermeiden lassen.“ Wobei eingeräumt wird, dass „disruptive Entwicklungen und explosionsartige Wachstumsprozesse" natürlich Unsicherheiten erzeugen, „die sich trotz aller Anstrengungen nie ganz ausschließen lassen.“

Nicht von ungefähr warnen die großen Stromproduzenten wie RWE, dass es auf die richtige Reihenfolge bei der Energiewende im Lande ankommt. „Damit die Kosten nicht aus dem Ruder laufen, müssen Netzausbau und Erneuerbaren-Ausbau viel stärker synchronisiert werden“, mahnt RWE-Chef Markus Krebber. Die Bundesnetzagentur indessen warnt bereits unmissverständlich vor zivilrechtlichen Konsequenzen für die Anbieter: „Grundsätzlich besteht für Netzbetreiber die allgemeine Pflicht, Anschlussbegehrende an ihr Netz anzuschließen. Dies gilt auch für steuerbare Verbraucher wie Wärmepumpen oder Ladeeinrichtungen für Elektrofahrzeuge.“ Manchen erinnert das an den berühmten Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz - der entspricht zwar auch der Rechtslage, gilt Eltern aber als unbefriedigte Sehnsucht.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Panorama
Panorama Immer mehr Deutsche ziehen nach Polen: Das steckt hinter dem Trend
07.11.2026

Deutsche kommen längst nicht mehr nur nach Polen, um ihr Auto zu betanken oder deutlich günstiger im Supermarkt einzukaufen. Sie kommen...

DWN
Finanzen
Finanzen Poker um EZB-Spitze: Wer folgt auf Christine Lagarde?
07.11.2026

Die Eurostaaten suchen nach einem neuen Präsidenten für die Europäische Zentralbank. Schon in wenigen Tagen könnte über die Nachfolge...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KfW-ifo-Mittelstandsbarometer: Mittelstand hofft auf Aufschwung – doch beim Personal bleibt die Bremse angezogen
07.11.2026

Deutschlands Mittelstand gewinnt wieder Zuversicht: Das Geschäftsklima hat sich im Oktober zum sechsten Mal hintereinander verbessert....

DWN
Technologie
Technologie Dacia Duster im Test: Wenn die Reichweite an der Grenze zur Unwahrscheinlichkeit liegt
07.11.2026

1.410 Kilometer Reichweite, Allradantrieb und drei Antriebstechnologien in einem Auto: Der Dacia Duster Hybrid 4x4 verspricht erstaunlich...

DWN
Politik
Politik Schweden bestätigt Taurus-Lieferung: Marschflugkörper erreicht mehr als 500 Kilometer
07.11.2026

Schweden hat erstmals bestätigt, bereits Taurus-Marschflugkörper erhalten zu haben. Die Waffe kann Ziele in mehr als 500 Kilometern...

DWN
Finanzen
Finanzen 26 Prozent an einem Tag: Warum Duolingo plötzlich an meinen Chipaktien vorbeizieht
07.11.2026

Für meine Chipaktien war es ein schlechter Börsentag: Nvidia, Micron und Iren gerieten deutlich unter Druck. Ganz anders Duolingo. Die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Polestar 5 im Test: Angriff auf Porsche und Audi – mehr Luxus für weniger Geld?
07.11.2026

Mit dem Polestar 5 wollen die Schweden Porsche und Audi im Luxussegment angreifen. Bis zu 884 PS, 678 Kilometer Reichweite und elektrisch...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Wertvollste Marken 2026: Apple ist auf Platz eins, Tesla hat am meisten verloren
07.11.2026

Welche Unternehmen führen das Ranking der wertvollsten Marken 2026 an, welche gewinnen besonders stark und welche verlieren an Bedeutung?...