Politik

Hightech-Industrie soll ostdeutsche Wirtschaft stärken

Hightech-Ansiedlungen sollen den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland stärken. In Krisenzeiten geht es dem Osten laut Forschern etwas weniger schlecht als dem Rest Deutschlands. Doch es gibt Risiken für einen Aufholkurs.
02.06.2024 10:43
Lesezeit: 3 min

Sie nennen ihre Bauvorhaben gerne Giga-Fabrik oder Mega-Werk. Was der US-amerikanische Chip-Hersteller Intel in Magdeburg plant, soll Investitionen von insgesamt rund 30 Milliarden Euro auslösen. Tesla hat im brandenburgischen Grünheide bereits seine umstrittene E-Autofabrik hingestellt, die Elon Musk „Gigafactory“ nennt, mit derzeit um die 10.000 Mitarbeitern. Mehr High-Tech-Industrie will sich im Osten Deutschlands ansiedeln, dazu gehört in Dresden beispielsweise auch der taiwanische Halbleiterhersteller TSMC.

Wirtschaftsforscher sind sich weitgehend einig, dass Ostdeutschland gegenüber dem Westen aufholen kann und auch manchen Standortvorteil für Investoren bietet - nicht zuletzt durch den Zuwachs bei erneuerbaren Energien. „Für immer mehr Industrieunternehmen ist Ökostrom die neue „conditio sine qua non““, sagt der Geschäftsführer des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln, Hanno Kempermann.

Zudem trifft die Wirtschaftskrise mehr den Süden Deutschlands, heißt es von Forschungsinstituten. Und welche Bedeutung haben die Landtagswahlen im September in Thüringen, Sachsen und Brandenburg? Das Erstarken der AfD schade jedenfalls dem Wirtschaftsstandort, befürchten Manager deutscher Unternehmen.

Milliarden-Subventionen für Intel und Co.

Für neue Ansiedlungen sind Subventionen ein ausschlaggebender Faktor und die Tatsache, dass der Osten weniger dicht besiedelt sei und damit größere Flächen zur Verfügung stehen, wie der Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung in Halle (IWH), Professor Reint Gropp, betont. Die Subventionen für Intel und TSMC seien schon ungewöhnlich. Der Bund schießt rund zehn beziehungsweise fünf Milliarden Euro zu.

Wirtschaftsforscher: Ostdeutschland geht es etwas besser als dem Westen

Beim Ostdeutschen Wirtschaftsforum im brandenburgischen Bad Saarow (2. bis 4. Juni) diskutieren Unternehmer, Verbände und Politiker von Sonntag an über Chancen und Risiken für den Wirtschaftsstandort Ostdeutschland. Auch Kanzler Olaf Scholz (SPD) wird erwartet, auf den Unternehmer nicht unbedingt gut zu sprechen sind. Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie, Siegfried Russwurm, hatte im April gesagt, im Kanzleramt werde der Ernst der Lage offenbar unterschätzt.

Eine Botschaft von Wirtschaftsforschern klingt zunächst aber nicht so schlecht: „Ostdeutschland geht es im Moment etwas besser als Westdeutschland“, meint Wirtschaftsforscher Gropp. Zwar gilt oft die Wirtschaft im Süden Deutschlands als Aushängeschild, doch scheint auch der Druck in den industriegeprägten Regionen dort besonders hoch zu sein. Autobauer, Zulieferer aber auch Chemie-Unternehmen im Westen haben massive Stellenstreichungen und teils milliardenschwere Sparprogramme angekündigt. „Dort, wo große Teile des Wohlstands erarbeitet werden – Bayern und Baden-Württemberg – bläst der Wind gerade heftig ins Gesicht“, sagt Kempermann. „Der Osten Deutschlands ist davon in geringerem Maße betroffen, weil dort weniger Industrie ansässig ist und die Unternehmen nicht so stark in den Welthandel eingebunden sind.“

Branchen im Krisenmodus mit Folgen

Die Stimmung ist nach Konjunkturumfragen aber getrübt. Unternehmen scheinen verunsichert, manche Branche steckt tief im Krisenmodus. Darunter sind die unter chinesischer Konkurrenz leidenden Solarhersteller, die nach staatlicher Hilfe rufen: So hat das Unternehmen Meyer Burger einen Standort im sächsischen Freiberg aufgegeben, andere wollen die Produktion zurückfahren. Zudem schwächelt der Automobilmarkt, der Hochlauf der E-Mobilität stockt. Das merkt zum Beispiel Brandenburg: Der chinesische Batteriehersteller Svolt siedelt sich doch nicht wie geplant in der Lausitz an. Beim geplanten Bau der Intel-Chipfabrik in Magdeburg fehlt bislang die Freigabe der Förder-Milliarden durch die EU-Kommission, zudem gibt es Kritik am Wasserverbrauch. Das ist auch beim Autobauer Tesla, der weltweit bereits Stellen abbaut, ein Grund für langanhaltenden Protest.

Bringen Neuansiedlungen erhoffte Dynamik?

Stetig werben Landesregierungen für boomende Regionen für Mikroelektronik - selbstbewusst „Silicon Saxony“ genannt - und setzen auf Ansiedlungen für die Batteriefertigung. Zwar seien die Großansiedlungen gut, und die Löhne dürften steigen, sagen Wirtschaftsforscher. Unklar sei aber, ob sich die Hoffnung erfülle, dass sich auch viele Zulieferer ansiedelten, sagt Gropp, der mehr Investitionen in Forschung und Hochschulen für notwendig hält. „Neben den eigentlichen Ansiedlungen selbst entstehen lokale Zulieferbeziehungen mit weiteren hunderten beziehungsweise tausenden Arbeitsplätzen“, ist Kempermann optimistischer. Die Elektromobilität werde in den nächsten Jahren trotz aktueller Flaute stark wachsen, auch Solar und Windkraft würden massiv ausgebaut.

Fehlende Fachkräfte können Wachstum begrenzen

Doch fehlende Fachkräfte erhöhen den Druck auf viele Unternehmen. „Rund 400.000 Menschen pro Jahr werden in Deutschland netto aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden, über 10, 15 Jahre hinweg“, sagt Gropp. Dabei trifft der Fachkräftemangel die Unternehmen in Ostdeutschland nach Einschätzung des Ifo-Instituts noch stärker als im Rest Deutschlands. Ein Grund: Der demografische Wandel im Osten mache sich bereits seit Jahren deutlicher bemerkbar als im Westen. Fehlende Fachkräfte seien heute schon „der limitierende Faktor für das Wachstum der Wirtschaft“, hatte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) 2023 gesagt. Dazu kommt ein befürchteter Imageschaden durch ein Erstarken der AfD bei den jetzt bevorstehenden Wahlen und Sorgen, kluge Köpfe könnten den Osten meiden.

Ein Blick in den Osten Berlin dürfte Mit machen: Dort ist in Adlershof über Jahre ein Hi-Tech-Standort eingepflanzt und konsequent gepflegt worden, der Berlin dabei geholfen hat, endlich aus der ewigen Bittsteller-Haltung zu finden. Berlin ist ein internationaler Hi-Tech-Standort inzwischen - und das strahlt in die ganze Region ab.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

DWN
Finanzen
Finanzen 21 Millionen Rentner: Gesetzliche Rente steigt 2027 um mehr als vier Prozent?
03.11.2026

Eine Erhöhung von mehr als vier Prozent steht voraussichtlich für Deutschlands Rentner an. Von 2028 an müssen sich Arbeitnehmer und...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Schaeffler-Aktie rutscht ab: Werke und Jobs werden Opfer der Sparmaßnahmen
03.11.2026

Die Krise in der deutschen Industrie setzt sich fort: Der fränkische Autozulieferer Schaeffler will vier deutsche Standorte schließen und...

DWN
Politik
Politik Analyse: Trumps Korruption und Kleptokratie haben ihn eingeholt
03.11.2026

Kurz vor den Zwischenwahlen rückt ein Thema überraschend an die Spitze der Sorgen amerikanischer Wähler: Korruption. Donald Trumps...

DWN
Finanzen
Finanzen Nationale Reserven: Goldkäufe der Notenbanken steigen deutlich
03.11.2026

Notenbanken haben ihre Goldkäufe im dritten Quartal deutlich ausgeweitet, während Anleger weniger Barren und Münzen kauften. Welche...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Lebensmittelhersteller Völpel insolvent: Hohe Energiekosten belasten Familienunternehmen
03.11.2026

Die Völpel GmbH aus Königsmoos in Bayern ist auf die Herstellung von Trockenkräutern, Tees, Trockengemüse und Kräutersalz...

DWN
Politik
Politik Ehemaliger US-Diplomat: Trumps Regierung wird von persönlichen Interessen angetrieben
03.11.2026

Der frühere US-Diplomat George Kent erwartet auch nach den Zwischenwahlen keinen Kurswechsel von Donald Trump. Er wirft der Regierung vor,...

DWN
Technologie
Technologie Energiefresser Rechenzentren: KI-Boom lässt Strombedarf drastisch steigen
03.11.2026

Schon 2026 verbrauchen deutsche Rechenzentren so viel Strom wie rund 6,5 Millionen Haushalte. Bis 2035 könnte der Bedarf nochmals stark...

DWN
Finanzen
Finanzen Soll ich mein Geld in ein Auto ohne Fahrer stecken?
03.11.2026

Die Uber-Aktie ist in diesem Jahr deutlich gefallen. Das Unternehmen läuft operativ gut, doch seine Zukunft wird davon abhängen, wie es...