Politik

Digitaler Umbau der Verwaltung: Wissenschaftler für Rechtsanspruch

Deutschland hinkt bei der Digitalisierung der Verwaltung hinterher. Es brauche einen neuen Schwung, sagen Wissenschaftler.
02.06.2024 14:00
Lesezeit: 2 min
Digitaler Umbau der Verwaltung: Wissenschaftler für Rechtsanspruch
Dr. Benny Levenson gibt die Daten eines Patienten in ein Kartenlesegerät ein, daneben steht Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) der das neue Verfahren zur Ausstellung eines elektronischen Rezepts in einer Gemeinschaftspraxis begutachtet. (Foto: dpa) Foto: Annegret Hilse

Beim digitalen Umbau der Verwaltung schlagen Wissenschaftler einen Rechtsanspruch für Bürger und Unternehmen vor. Um der Verwaltungsdigitalisierung neue Dynamik zu verleihen, sollten entsprechende Ziele und Fristen mit einem durchsetzbaren Rechtsanspruch unterlegt werden, heißt es in einer Studie der Deutsche Akademie der Technikwissenschaften (Acatech). „Ein Rechtsanspruch würde den Handlungsdruck erhöhen und Verbindlichkeit schaffen“, sagte Acatech-Vizepräsident Christoph M. Schmidt.

Der Studie zufolge läuft die Digitalisierung der Verwaltung schleppend. Das 2017 in Kraft getretene Onlinezugangsgesetz sehe vor, dass bis Ende des Jahres 2022 insgesamt 575 Bündel von Verwaltungsleistungen für Nutzer online verfügbar sein sollten. Mehr als ein Jahr nach Ablauf dieser Frist seien jedoch erst 155 Leistungen bundesweit flächendeckend digital verfügbar. Das neue Onlinezugangsgesetz (OZG 2.0), das sich auf Bundesverwaltungen bezieht, war im März im Bundesrat gescheitert und befindet sich im Vermittlungsverfahren von Bundesrat und Bundestag.

Studie: Verfehlung von Fristen hat keine Folgen

Ein Grund für die deutliche Verfehlung der Ziele ist laut Studie, dass eine Überschreitung der Frist zur Digitalisierung von Verwaltungsleistungen bislang mit keinerlei rechtlichen Konsequenzen sanktioniert werde. „Wenn man sehr ehrgeizige Ziele vorgibt, aber keine Konsequenzen bei Zielverfehlung vorsieht, fehlt die Bindungswirkung der Zielvorgaben“, sagte Schmidt, Professor am RWI -Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Essen und früherer Vorsitzender der „Wirtschaftsweisen“.

Beispiel Registermodernisierung

Falls bestimmte Fristen zur Einführung bestimmter digitaler Dienstleistungen verfehlt würden, wären juristische Konsequenzen zu befürchten, so Schmidt. Ein Beispiel sei die Registermodernisierung, deren Umsetzung bis 2028 geplant ist. Register sollen digitalisiert und verknüpft werden, damit Bürger und Unternehmen notwendige Angaben und Nachweise nicht mehr bei jedem Antrag aufs Neue vorlegen müssen.

Die Umsetzung der Registermodernisierung verlaufe aber schleppend. „Für Unternehmen, die ja eine große Menge an Kontakten mit der öffentlichen Verwaltung haben, sollte ein einklagbarer Anspruch geschaffen werden. Unternehmen könnten im Zweifelsfall auf Schadenersatz klagen“, sagte Schmidt. „Da wird sicherlich ein ganz anderer Umsetzungsdruck seitens der öffentlichen Verwaltung entstehen.“

Grundlegender Wandel in Verwaltung nötig

„Die öffentliche Verwaltung ist sehr stark auf Rechtssicherheit, auf homogene Verfahren mit konsistenten Ergebnissen und auf das sorgfältige Abarbeiten etablierter Prozeduren ausgerichtet“, so Schmidt. „Das macht sie sehr gut. Aber die vielfältigen Regelungen, die ständig hinzukommen, die stetig wachsenden Anforderungen an das Verwaltungshandeln und vor allem auch der demografische Wandel, der die Verwaltung selbst trifft, machen es immer schwerer, alle Aufgaben in diesem Stil zu bewältigen. Und deswegen braucht es effizientere und agilere Prozesse.“

Verwaltungsprozesse beschleunigen

Bei der Digitalisierung habe man sich sehr stark auf die Schnittstelle zu den Nutzern konzentriert, ohne dann aber dahinter die Prozesse zu digitalisieren, so Schmidt. „Wenn die Behörde dann aber den digital gestellten Antrag ausdruckt und alles händisch macht, dann ist das keine Digitalisierung, so wie wir sie bräuchten. Es müsste vielmehr eine Ende-zu-Ende-Digitalisierung geben, die von der Beantragung über die Bearbeitung bis zum Bescheid ohne Papier auskommt.“ Auf diese Weise ließen sich Verwaltungsprozesse massiv beschleunigen. „Es nützt nichts, wenn eine Terminfindung digital läuft, ein Besuch auf dem Amt dann aber relativ lange dauert.“

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt und Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Welzhofer: Wie ein Familienunternehmen mit Wildvogelfutter erfolgreich ist
02.01.2026

Die Firma Welzhofer aus Schwaben beliefert ihre Kunden mit Futtermitteln für Wildvögel und hat sich damit erfolgreich in einer...

DWN
Finanzen
Finanzen Aktienausblick 2026: Investor Kongsted sieht Chancen bei Broadcom und Gold
02.01.2026

Während viele Märkte bereits stark gelaufen sind, sehen erfahrene Investoren für 2026 weiterhin selektive Chancen. Welche Rolle spielen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft CO2-Preis steigt: Auswirkungen auf Tank und Heizung
02.01.2026

Zum Jahreswechsel ist der CO2-Preis erneut gestiegen – spürbar vor allem beim Tanken und bei den Heizkosten. Die Maßnahme soll zum...

DWN
Politik
Politik Wehrdienst in Deutschland: Bundeswehr-Chef ruft zu Engagement auf
02.01.2026

Verteidigungsminister Boris Pistorius hat die Soldatinnen und Soldaten der Bundeswehr auf den neuen Wehrdienst eingestimmt. In seinem...

DWN
Politik
Politik Gewalt bei Demonstrationen im Iran – US-Präsident warnt Führung
02.01.2026

Im Iran dauern die Proteste seit Sonntag an, mehrere Demonstrierende wurden bereits getötet. US-Präsident Donald Trump hat sich in die...

DWN
Politik
Politik Russland übergibt USA Material zu angeblichem Drohnenangriff auf Putin-Residenz
02.01.2026

Moskau hat nach eigenen Angaben Navigationsdaten einer ukrainischen Drohne entschlüsselt, die einen geplanten Angriff auf eine Residenz...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Privatvermögen erreicht Rekordhöhe: Über 10 Billionen Euro in Deutschland
02.01.2026

Die Deutschen verfügen über so viel Geldvermögen wie nie zuvor. Erstmals summieren sich die finanziellen Rücklagen der Privathaushalte...

DWN
Finanzen
Finanzen Erfolgreiche Aktienauswahl: Wie erfahrene Anleger die besten Chancen und Risiken erkennen
02.01.2026

Die Auswahl der richtigen Aktie zum richtigen Zeitpunkt ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Zwei erfahrene Investoren erklären, welche...