Technologie

Verkehrswende: Wie die neue Mobilität unsere Zukunft verändert und bestimmt

Rückblickend könnte man sagen, der VW-Dieselskandal vor zehn Jahren hat die Mobilitätswende verursacht – und das nicht nur in Deutschland. Seither leihen sich die Bewohner in den Städten Autos, nutzen Roller von der U-Bahn nach Hause oder pendeln mit Elektro-Fahrrädern zur Arbeit. Das verändert gerade die Städte fundamental, wie der Kongress „Disrupting Mobility“ in Berlin diese Woche zeigte.
16.05.2024 17:35
Aktualisiert: 26.05.2024 14:22
Lesezeit: 4 min
Verkehrswende: Wie die neue Mobilität unsere Zukunft verändert und bestimmt
In der Schweiz ist es inzwischen ein Must-have und Statussymbol: Messebesucherinnen begutachten schon 2017 in Hannover das elektrische Stadtauto „Microlino“. (Foto: dpa) Foto: Julian Stratenschulte

Der Veranstaltungsort für den Mobilitäts-Kongress war gut gewählt: Wo könnte man besser über den Verkehr der Zukunft beraten, sich über technologische Innovationen und die Herausforderungen der Digitalisierung austauschen als im Museum für Verkehr und Technik in Berlin-Kreuzberg.

Von den ersten Fahrrädern bis zum zeitgemäßen Reisen im Volocopter - die Zeiten haben sich kolossal verändert. Das lässt sich hier eindrucksvoll nachvollziehen.

Die heiß diskutierte Frage, ob man sich endlich auch ein Elektro-Fahrzeug zulegen sollte (und von welchem Hersteller) ist angesichts der virulenten Veränderungen bei der Mobilität in unserer Gesellschaft fast schon marginal. Es geht um den Nutzer, wie er am besten von A nach B kommt. In Städten ist es längst nicht mehr das Automobil, das die individuellen Anforderungen am besten erfüllt - egal, ob Verbrenner oder ein Fahrzeug mit Wasserstoff oder Strom betrieben wird. Es geht um die Modifizierung der Gesellschaft, die beim Verkehr anfängt und zur Neukonzeption beim Städtebau führen wird, über kurz oder lang.

Wie Paris und London beim Verkehr zum Vorbild für deutsche Städte werden

Wie sehr sich die Städte derzeit wandeln, lässt sich vor allem auf Fach-Kongressen (wie jenem in Berlin) eindrucksvoll studieren - Disruption lautet das übergeordnete Motto, und ist auf Deutsch wohl am besten mit Störung und Neuerfindung von etablierten Wirtschafts- und Gesellschaftsprozessen übersetzt. Da tut sich viel mehr, als der Bürger auf der Straße oder auch auf Reisen gemeinhin so wahrnimmt.

Zum Beispiel, wie sich ausgerechnet Paris in Verkehrsfragen komplett neu erfunden hat. Dass SUV-Fahrer dort nichts zu lachen haben, und mit exorbitanten Parkgebühren traktiert werden von Bürgermeisterin Anne Hidalgo, hat man womöglich noch auf der Panorama-Seite gelesen. Dass zu den bevorstehenden Olympischen Spielen an der Seine diesen Sommer führerlose Züge der Linie 14 im 90-Sekunden-Takt zwischen dem Flughafen Orly und der Innenstadt pendeln werden, verraten einem Experten von Siemens Mobility. Auch wie die neue sogenannte Elizabeth Line neuerdings Heathrow mit Reading, Central London, East London und Essex verbindet und damit dafür gesorgt hat, dass immer weniger Londoner sich in eines ihrer 2,4 Millionen Autos setzen. Nur noch zehn bis 20 Prozent Individualverkehr ist das angestrebte Ziel in der City of London und es könnte schon bald greifbar werden. Es scheint, als sei Großbritannien immer wieder für Überraschungen gut. Das öffentliche Verkehrsnetz jedenfalls gilt Experten als vorbildlich und inzwischen als eines der besten der Welt. Interessant, dass selbst Brüssel sich das ehrgeizige Ziel gesetzt hat, bis spätestens 2036 emissionsfrei und CO-2-neutral sein will - auch beim Wirtschaftsverkehr.

Berliner Verkehrsbetrieben ist mit „Jelbi“-App ein Scoop gelungen, der Nachahmer sucht

Doch selbst Berlin hat international innovative Lösungen zu bieten, die vielleicht sogar andere Städte weltweit als nachahmenswert einstufen und als Best practice übernehmen könnten. Die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) haben mit ihrer „Jelbi“-App ein Interface für die Passagiere entwickelt, dass die Vielzahl privater Anbieter wie selbstverständlich ins Berliner Verkehrsnetz einbindet. Und zwar, ohne dass die Firmen sich gegenseitig oder gar die BVG als Konkurrenz sehen würden. Der Kunde entscheidet auf nur einer App, ob er lieber den Roller nimmt, die U-Bahn oder welches Mietrad. Das ist nicht ganz neu, aber die Vorzüge sprechen sich erst jetzt in der breiten Bevölkerung herum. Die Tatsache, dass es vor allem Verkehrsfragen waren, die zur überraschenden Ablösung von Rot-Rot-Grün im Land Berlin geführt haben, wird in aller Konsequenz kaum mehr zum Zurück in der Verkehrspolitik von CDU und SPD führen - dieser Zug ist längst abgefahren. Der Posten der Verkehrssenatorin gilt es ohnehin derzeit neu zu besetzen - wenn auch aus ganz anderen Gründen. Das konservative Klientel von CDU und AfD soll mit passenden Angeboten mitgenommen werden. Die BVG will deshalb bereits ab 2025 autonom fahrende „Moia“-Shuttle-Busse einsetzen, um den Radwege-kritischen Teil der aufgewühlten Wählerschaft besser an das städtische Verkehrsnetz anzubinden und in das Stadtgefüge zu integrieren.

Auch das Ruhrgebiet macht sich auf den Weg zum integrierten Mobilitätskonzept

Das könnte ganz gut auch ein geplantes Modellprojekt im Ruhrgebiet ergänzen, das die Consultants der Unternehmensberatung Kearney unterstützen und für diesen Sommer in NRW als startklar angekündigt haben. Der Pott ist eine der dichtbesiedelten Regionen Europas und dennoch scheinen sich die Städte mit 13 unterschiedlichen Verkehrsbetrieben eher als Wettbewerber zu sehen, denn als gemeinsame Region - was wohl auch historische Gründe hat. Die Zechen waren früher nicht sonderlich erpicht darauf, dass ihre Arbeiter einfach an andere Bergbau-Standorte im Revier wechseln und anheuern können. Finanziell unterstützt vom (einst durch den von der RAF ermordeten Banker Alfred Herrhausen ins Leben gerufenen) Initiativkreis Ruhr soll künftig ein neues Zentrum für integrierte Mobilität das Ruhrgebiet vernetzen und für weniger Autos auf den Straßen sorgen. Sowohl Industrie, die mittelständischen Betriebe und jungen Start-ups seien erstmals alle mit an Bord, betonte Sven Rutkowski von Kearney und hofft auf eine Game-Changer, der auch in anderen Bundesländern Nachahmer auf den Plan rufen soll.

Woran es bei all den unterschiedlichen Ansätzen geht, ist künftig Fairness unter den verschiedenen Verkehrsteilnehmer herzustellen. Dass trotz größter Anstrengungen, die Emissionen und den CO-2-Abdruck zu reduzieren, immer größere und schwerere Autos von den Herstellern in den Markt gedrückt werden, müsse Folgen haben und zu Konsequenzen führen. Öffentlicher Raum ist ein Gut, das seinen Preis haben wird - die Amerikaner nennen dies „Pricing space“. Darauf ist man nicht nur in Paris mit SUV-Strafgebühren gekommen. Sondern auch in Kopenhagen und selbst in US-amerikanischen Städten wie San Francisco, wo die Bürger nach und nach auf ihre geliebten Straßenkreuzer verzichten - der Umwelt zuliebe und um das Portemonnaie zu schonen. Das lässt hoffen und macht Mut. Bisher sind zwar erst Europa und die USA auf den Trichter gekommen. Die Frage sei, so die Einschätzung der OECD, wann auch Indien und China erkennen, dass die goldenen Zeiten der Freiheit am Steuer der Vergangenheit angehören.

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Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

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