Politik

Liebe Eltern: Bitte ausziehen, ich brauche dringend eure Wohnung!

Franziska Hauser lebt als Autorin in Berlin. Mit dem Roman „Die Gewitterschwimmerin“ war sie 2018 unter den Aspiranten für den Deutschen Buchpreis. Jetzt hat sie für Furore mit Bekenntnissen der anderen Art gesorgt: Sie will ihre Wohnung in Pankow zugunsten ihrer Tochter aufgeben. Das sehr persönliche Plädoyer zur aktuellen Wohnungsnot im Lande sollten Kanzler und Bundesbauministerin ganz dringend zur Kenntnis nehmen, finden die DWN. Gute Nacht Deutschland, wenn das zum Trend wird!
16.06.2024 11:00
Lesezeit: 2 min
Liebe Eltern: Bitte ausziehen, ich brauche dringend eure Wohnung!
Im Jahr 2023 lebte und schieb Franziska Hauser als die 30. Burgschreiberin auf der Burg Beeskow. Hier wohnte die Berliner Autorin für fünf Monate - nun verlässt sie Berlin. (Foto: dpa) Foto: Patrick Pleul

Beim Berliner Mieterverein erhält man Ratschlag, wie man als junger Mensch zur ersten eigenen Wohnung kommt. Studium, Ausbildung, Job, Heirat oder einfach der Wunsch, sich von den Eltern „abzunabeln“, heißt da auf der Homepage. „Es gibt viele Gründe, aus dem Elternhaus auszuziehen. Doch dieser Schritt wird heutzutage deutlich später vollzogen als noch vor einigen Jahrzehnten.“

Auch Franziska Hauser muss das gelesen haben. In ihrem dieser Tage viral gegangenen Statement zur Wohnungsmisere lautet ihr erster Satz; „Volljährige Kinder, die nicht von selbst ausziehen, sollte man aus dem Nest werfen.“ Dann kontrapunktiert sie das überraschend: „So war das mal. In Berlin ziehen inzwischen Eltern aus, damit ihre Kinder wohnen können, weil vor der Tür der Kampf um den Wohnraum tobt.“ Eine Szene wie aus einem Krisengebiet!

Mutter geht, Tochter bleibt und gründet WG

Die am Prenzlauer Berg aufgewachsene Schriftstellerin ist es ernst. Sie will ihre Wohnung ihrer 19-jährigen Tochter zuschustern, damit die mit Freundinnen einen WG begründen kann im einst elterlichen Nest. Ihr Sohn hat Berlin bereits gegen Holstein verlassen und für Frau und Kinder einen schnieke Dreizimmer-Wohnung mit Garten gefunden – für 600 Euro. „Wofür man in Berlin kaum noch ein WG-Zimmer findet“, so Hausers bitterer Befund. Es muss wohl nicht extra betont werden, dass sie Berlin und die ihr ans Herz gewachsene Wohnung nicht freiwillig frei zieht. Nach 49 Jahren wird sie ihre Geburtsstadt verlassen, schreibt sie und ahnt: „Ich bin nicht die Einzige, die ihre erwachsenen Kinder zu Hause lässt und in die Welt zieht. In Berlin ist es nicht ungewöhnlich, es fühlt sich trotzdem falsch an.“ Da darf man schon mal eine Träne verdrücken!

Und dann kommt wie aus dem Nichts noch eine schockierende Analyse des Wohnungsmarktes in der Hauptstadt: „Inzwischen ist es sogar egal, ob Du zahlen kannst. Denn alte Mietverträge sind so viel wert wie neue Mietverträge.“ Jeder Umzug schraubt die Preisspirale weiter in die Höhe. Kündigung wegen Eigenbedarfs lautet die gängige Zauberformel, die im umkämpften Wettbewerb um Wohnraum dominiert.

Sie mögen fragen, warum die gute Dame nicht versucht hat, ihre Wohnung gegen etwas Größeres oder auch zwei kleine Wohnungen zu tauschen. Bundesweit unterstützen dies städtische Wohnungsbaugesellschaften in den großen Städten Deutschlands. Die Stadt Mannheim etwa hat vor wenigen Tagen ihre Initiative „Wir haben Platz“ publik gemacht. Dabei werden bis zu 5000 Euro an Umzugsprämien ausgelobt, wenn Mieter nur ein wenig zusammenrücken oder sich verkleinern, und dann so Platz für junge Familien in der Residenzstadt der Kurpfalz gefunden werden kann.

Auch in Berlin sind sie schon vor geraumer Zeit auf den Trichter gekommen – das Interesse war anfangs riesig. Nur die Abschlussquote ist nicht mal dreistellig, bisher in ganz Berlin. Die Geschmäcker sind grundverschieden, die Wohnungen natürlich alle irgendwie anders geartet und deswegen nie wirklich vergleichbar oder zufriedenstellend, wenn es um den endgültigen Vertragsabschluss geht.

Im Falle der Berliner Literatin ist die Sache wiederum ganz simpel. Ihre Wohnung befindet sich in Privatbesitz – da gilt Vertragsfreiheit. Was soll der Eigentümer davon haben, einen Tausch zu gestatten?

Er wird froh sein, wenn er neu vermieten kann und den Mietzins endlich anpassen darf. Im konkreten Fall funktioniert die Chose mit der neuen WG auch nur deshalb, weil Hausers Tochter bereits im Haushalt lebte. Praktisch ist sie Teil des alten Familienhaushalts, was juristisch keinen neuen Mietvertrag erforderlich macht. Ansonsten gilt: Schriftsteller, die über 30 Jahre lang in derselben Wohnung verbleiben, gelten als notorische Mietpreisbremsen. Das Verständnis für sie hält sich bei Vermietern in Grenzen. Das hat unlängst selbst der Schlagersänger und kennende Hertha-Fan Frank Zander erfahren müssen in Berlin-Charlottenburg – und der gilt in seiner Heimatstadt als eine Art Säulenheiliger.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie PC-Gaming in Europa erlebt eine Phase der Zurückhaltung

Einst galt PC-Gaming in Europa als lohnende Langzeitinvestition. Man baute sich einen Rechner zusammen oder rüstete ihn auf, zahlte im...

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street feiert Comeback, da Sorgen um Waffenruhe durch Israel-Libanon-Gespräche gelindert wurden
09.04.2026

Nach anfänglichen Turbulenzen drehen die Kurse plötzlich ins Plus – was hinter der Erleichterung der Anleger steckt und welche...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Inflation steigt kurzfristig: IWF warnt vor Risiken für Märkte
09.04.2026

Der Iran-Krieg drückt auf das globale Wachstum und treibt die Preise. Selbst das optimistischste Szenario des IWF sieht jetzt eine...

DWN
Politik
Politik Waffenruhe im Golf: Straße von Hormus weiterhin eingeschränkt
09.04.2026

Die Waffenruhe im Golf sorgt weiterhin für Unsicherheit auf zentralen Handelsrouten und belastet Reedereien sowie Energiemärkte. Warum...

DWN
Politik
Politik 5 Prozent Inflation: Trotz Waffenstillstand droht erheblicher Kaufkraftverlust
09.04.2026

Es ist laut IEA die "schwerste fossile Energiekrise unserer Zeit" – und die Inflation zieht bereits spürbar an. Experten warnen vor...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Firmenpleiten auf höchstem Stand seit mehr als 20 Jahren
09.04.2026

Mehr als 4.500 Firmen meldeten im ersten Quartal Insolvenz an – so viele wie seit 2005 nicht mehr. Besonders stark betroffen sind...

DWN
Politik
Politik Nach Waffenruhe: Wie ist der Stand in der Straße von Hormus?
09.04.2026

Der Iran will Maut verlangen. Was ist erlaubt, und wer könnte die Passage sichern? Antworten auf zentrale Fragen.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Spritpreise fallen kaum: Ölpreis stürzt, Zapfsäule bremst
09.04.2026

Der Ölpreis bricht ein – doch an der Zapfsäule kommt davon kaum etwas an. Jetzt wächst der Druck auf Konzerne und Politik, die Preise...

DWN
Politik
Politik Streit um Rundfunkbeitrag: VGH prüft Programmvielfalt
09.04.2026

Neun Kläger vor dem VGH Baden-Württemberg weigern sich, den Rundfunkbeitrag zu zahlen. Sie bezweifeln die Ausgewogenheit der...