Wirtschaft

Verschwenden wir Millionen an Steuergeldern für Chile und Videospiele?

Von grünem Wasserstoff in Chiles Wüste bis zu Millionen für Videospiele: Der Steuerzahlerbund warnt vor fragwürdigen Ausgaben. Wie weit geht die Regierung bei der Verwendung unserer Steuern?
19.06.2024 14:09
Aktualisiert: 19.06.2024 14:09
Lesezeit: 3 min
Verschwenden wir Millionen an Steuergeldern für Chile und Videospiele?
Der Steuerzahlerbund fordert eine effizientere Nutzung der Steuergelder, um wirtschaftliche Herausforderungen zu meistern und Verschwendung zu vermeiden. (Foto: iStock.com/MarianVejcik) Foto: MarianVejcik

Schlechte Ausgabenpolitik oder strategische Weitsicht? Während Deutschland mit einer Staatsverschuldung von 2.445 Milliarden Euro kämpft, fließen Steuergelder in Projekte, die viele Bürger erstaunen lassen. Der Bund der Steuerzahler Deutschland e.V. (BdSt) schlägt Alarm: Von Klimaschutz-Projekten in Südamerika bis hin zu Videospiel-Förderungen in Millionenhöhe - sind diese Ausgaben wirklich im besten Interesse der Steuerzahler?

Fragwürdige Ausgabenpolitik: Deutsche Steuergelder für Subventionen in Südamerika

Ein besonders kontroverses Beispiel ist die Entscheidung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK), dem Linde-Konzern 12 Millionen Euro für ein Wasserstoffprojekt in Chile zu bewilligen. Dieses „Power-to-MEDME“-Projekt soll eine Wertschöpfungskette für die Produktion von grünem Wasserstoff, Methanol und Dimethylether (DME) aufbauen – mitten in einer chilenischen Wüstenregion.

Was hat Deutschland davon? Auch wenn die Vorteile von grünem Wasserstoff unbestreitbar sind, bleibt die Frage, ob die Investitionen nicht besser in heimische Projekte fließen sollten. „Es geht zu weit, wenn das Bundeswirtschaftsministerium sogar Wasserstoff-Projekte im fernen Chile fördert und dafür Millionen an Steuergeldern an etablierte Großkonzerne überweist“, kritisiert der Steuerzahlerbund in seiner aktuellen Analyse.

Grüner Wasserstoff in der Wüste: Millionen für Siemens und Linde-Konzern in Chile und Uruguay

Bereits 2020 erhielt Siemens über 8 Millionen Euro für eine ähnliche Anlage im windreichen Süden Chiles. Diese Anlage nutzt Windenergie, um grünen Wasserstoff und Methanol zu produzieren. Der synthetische Kraftstoff wird in herkömmlichen Verbrennungsmotoren eingesetzt, wie zum Beispiel in den Rennwagen des Porsche Mobil 1 Supercups. Doch die Effizienz solcher Vorhaben bleibt umstritten.

Warum? Die Herstellung von CO₂-neutralen Kraftstoffen ist äußerst energieintensiv und komplex. Obwohl CO₂-arme oder CO₂-freie Kraftstoffe ein erhebliches Marktpotenzial haben, ist fraglich, ob staatliche Subventionen dafür gerechtfertigt sind – insbesondere, wenn diese Technologien keinen direkten Nutzen für die deutsche Bevölkerung bieten. Darüber hinaus haben große Unternehmen wie Linde und Siemens ohnehin erhebliche Ressourcen, um solche Projekte selbstständig zu finanzieren.

Laut dem Steuerzahlerbund ist Chile „nicht das einzige Land unter der Subventionsgießkanne“. Ein weiteres Beispiel ist Uruguay, wo der Linde-Konzern für ein vergleichbares Projekt eine Förderung von etwa 5 Millionen Euro durch das BMWK erhält.

Steuergelder für die Videospielentwicklung: Eine Investition in den falschen Sektor?

Ähnlich kontrovers ist die Subventionspolitik in einem ganz anderen Bereich – der Videospielindustrie. Um Deutschland als globalen Leitmarkt für Videospielentwicklungen zu etablieren, startete die Bundesregierung 2019 ein Förderprogramm mit einem Volumen von bis zu 215 Millionen Euro über fünf Jahre für 525 Projekte. Trotz dieser Bemühungen bleibt der Marktanteil deutscher Spieleproduktionen bei unter 5-Prozent!

Obwohl das BMWK einen Antragsstopp für neue Förderungen bis Ende 2024 verhängt hat, wurde bereits ein neuer Fördertitel unter der Beauftragten für Kultur und Medien eingerichtet. Von 2024 bis 2026 sollen daraus jährlich 33,3 Millionen Euro – insgesamt 100 Millionen Euro – an deutsche Spieleentwickler fließen, ohne dass klare Rahmenbedingungen oder Kriterien definiert sind. Eine Politik, die angesichts der stagnierenden Marktstellung der Game-Produktion schwer nachvollziehbar ist. Sollten unsere Steuergelder in eine Branche fließen, die keinen nennenswerten Marktanteil erzielt?

Im Jahr 2023 gingen zudem rund 21-Prozent der gesamten Fördersumme an sieben deutsche Entwicklerstudios, die zu Publishern eines schwedischen Medienkonzerns gehören. „Drei dieser Entwickler finden sich auch unter den 35 größten deutschen Spieleentwickler. Ganz klar ein Fall öffentlich geförderter Marktkonzentration“, so die Einschätzung des Steuerzahlerbundes. Zudem verfügen diese Studios durch ihre Publisher bereits über ausreichende finanzielle Ressourcen und sind daher nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen.

Globale Verantwortung oder nationale Verschwendung?

Auch dies verdeutlicht, wie Steuergelder in fragwürdige Bereiche fließen: Entweder bieten sie keinen direkten Nutzen für unsere Wirtschaft, oder sie unterstützen Unternehmen, die finanziell ohnehin gut aufgestellt sind!

Befürworter argumentieren, dass diese Investitionen Teil einer globalen Verantwortung sind. Sie sehen darin einen strategischen Ansatz, um Deutschland an der Spitze technologischer Innovationen zu positionieren, neue Arbeitsplätze zu schaffen und die internationale Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Doch angesichts der drückenden Staatsverschuldung und der wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen Deutschland steht, ist eine sorgfältige Prüfung dieser Ausgaben unerlässlich.

Der Steuerzahlerbund fordert klare Strategien, die sicherstellen, dass Steuergelder effizient eingesetzt werden und den Interessen der Steuerzahler dienen. In Zeiten wirtschaftlicher Unsicherheit muss Deutschland seine Ressourcen gezielt und effektiv einsetzen – ohne unnötige Verschwendung. Nur so kann unser Land stark und innovativ bleiben.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Staatliche Datenkontrolle treibt Verbraucher in die digitale Schattenwirtschaft

Deutschland befindet sich im Jahr 2026 in einer paradoxen wirtschaftspolitischen Situation. Während die Bundesregierung versucht, durch...

DWN
Politik
Politik Energiepreise setzen Haushalte unter Druck: Wie die EU Stromkosten senken will
11.03.2026

Die EU-Kommission stellt einen neuen Energieplan vor, mit dem Haushalte in Europa spürbar bei den Stromkosten entlastet werden sollen....

DWN
Politik
Politik Steuerrecht: Ehegattensplitting vorm Aus? Mehr Arbeitszeit für Frauen nicht lukrativ
11.03.2026

Für viele Frauen lohnt es sich finanziell nicht, in den Job zurückzukehren oder ihre Teilzeit auszubauen, das Ehegattensplitting entpuppt...

DWN
Finanzen
Finanzen Gerresheimer-Aktie im freien Fall: Jahresabschluss verschoben, SDAX-Ausschluss droht – was der Bilanzskandal für Anleger bedeutet
11.03.2026

Für die Gerresheimer-Aktie reißen die schlechten Nachrichten nicht ab. Nach Bilanzfehlern und Untersuchungen der BaFin verzögert sich...

DWN
Politik
Politik EU-Rüstungsprogramm Safe: Polens Präsident lehnt EU-Rüstungskredite ab
11.03.2026

44 Milliarden für Polens Rüstung? Präsident Nawrocki blockiert ein EU-Programm und setzt auf eigene Ideen. Was steckt hinter dem...

DWN
Politik
Politik Abgelehnte Asylbewerber: Fast zwei Drittel aller Abschiebeversuche 2025 gescheitert
11.03.2026

Die schwarz-rote Bundesregierung hat sich vorgenommen, die Zahl der Abschiebungen deutlich zu steigern. Es dürfte ihr nicht gefallen, dass...

DWN
Politik
Politik IEA: Deutschland gibt wegen Iran-Kriegs Teil der Ölreserven frei
11.03.2026

Seit Beginn des Iran-Kriegs vor gut einer Woche schnellt der Ölpreis in die Höhe. Um dagegen anzugehen, wird jetzt ein seltenes...

DWN
Politik
Politik Spritpreise in Polen: Warum die Tankfüllung in Polen deutlich günstiger ist
11.03.2026

Die explodierenden Kraftstoffpreise treiben viele deutsche Autofahrer nach Polen, um deutlich günstiger Benzin oder Diesel zu tanken. Doch...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft DIW: Iran-Krieg trifft deutsche Wirtschaft wenig - aber treibt Preise
11.03.2026

Mit dem Anstieg der Ölpreise wachsen die Sorgen um die Konjunktur in Deutschland. Das Institut der deutschen Wirtschaft ist eher...