Immobilien

Die DWN-Chefredaktion kommentiert: Neue Vision für Berlin - das Messegelände aufgeben und zum Flughafen Tempelhof umziehen

Liebe Leserinnen und Leser, jede Woche gibt es ein Thema, das uns in der DWN-Redaktion besonders beschäftigt und das wir oft auch emotional diskutieren. An dieser Stelle stellen wir - wie jeden Freitag - unseren Standpunkt klar. Diese Woche geht es um einen gleichermaßen wohl visionären wie verrückten Plan für das neue Berlin - und welche Rolle dabei ein Rentner mit zu viel Zeit spielt.
05.07.2024 16:30
Aktualisiert: 05.07.2024 21:00
Lesezeit: 4 min
Die DWN-Chefredaktion kommentiert: Neue Vision für Berlin - das Messegelände aufgeben und zum Flughafen Tempelhof umziehen
Messehallen auf das Vorfeld bauen, das repräsentative Abfertigungsgebäude für Veranstaltungen und Events aller nutzen (Graphiken: Euref AG).

Liebe Leserinnen und Leser,

Unternehmer haben vorgeschlagen, das altehrwürdige Berliner Messegelände (Grüne Woche, Internationale Funkausstellung) in den Flughafen Tempelhof zu verlagern. Stattdessen könnten im Westen der Hauptstadt zigtausende Wohnungen in bester Lage entstehen, während im quirligen Zentrum ein neuer Publikumsmagnet geschaffen werden könnte, um Touristen, Städte-Reisende und Kongress-Besucher nach Berlin zu locken. Macht das Sinn und wem bringt das wirklich was?

Die verklärte Sehnsucht nach der Berliner Luft ist schon ein wenig in die Jahre gekommen. Man könnte sagen, seitdem es keine Loveparade mehr gibt und Hertha BSC zweitklassig spielt, ist in der Hauptstadt die Luft entwichen, um nicht gar zu sagen, dass der prall gefüllte Ballon geplatzt ist. Kein „Regierender Partymeister“ wie Klaus Wowereit (SPD) mehr, statt dessen Kai Wegner (CDU), ein leidlich charismatischer Mann ohne sonderliche Weitsicht. Immerhin verfolgt die örtliche Wirtschaft einen neuen Plan: Wie wäre es, wenn Berlin den alten leerstehenden Flughafen Tempelhof zu einem neuen Flaggschiff umgestaltet? Die DWN stellen die faszinierende Idee für ein Veranstaltungs-Hub vor.

Das Messegelände unter dem „Langen Lulatsch“ in ein Wohnquartier verwandeln?

Das altehrwürdige Messegelände unter dem Langen Lulatsch (für Ortsfremde: gemeint ist der Berliner Funkturm) mir nichts, dir nichts aufgeben? Eine Schnapsidee, würde der gebürtige Berliner sagen. Den alten Flughafen Tempelhof, weltberühmt und zum Mythos geworden zu Zeiten der Berliner Luftbrücke, weiterhin brach liegen lassen. Dämlich, findet der Icke-Berliner. Und nun?

Plätze tauschen vielleicht? Ein besseres Messe-Zentrum auf dem Flughafen-Areal errichten, die sanierungsbedürftigen Hallen in Charlottenburg schleifen und die wertvollen Grundstücke am schönen Westend Berlins in ein neues Wohnviertel verwandeln. Wer auch immer das ausgeheckt hat, könnte als Visionär gelten - oder als Rentner mit zu viel Freizeit verspottet werden. Reinhard Müller ist wohl ein bisschen von beidem zugleich. Wobei der Architekt, studierte Stadtplaner und umtriebige Projektentwickler listig von einem Dutzend Berliner Unternehmerpersönlichkeiten spricht, die er zwar namentlich nicht benennt, aber vorgeschoben hat, als er unlängst die von seiner Firma Euref AG angefertigten Pläne öffentlich vorgelegt hat (siehe Foto-Renderings).

Den Deutschen Wirtschaftsnachrichten hat Müller diese Woche verraten, dass er die Projektmappe längst in der Tasche hatte, als sich im Juni die versammelten Honoratioren der Stadt bei ihm am Gasometer in Berlin-Schöneberg auf dem Euref-Campus versammelt haben, um Müllers Mut und Weitblick zu würdigen und ihn zu beiläufig zu fragen, was er denn nun als nächstes vorhabe. Müllers Traum: Das bis zum Bau des Pentagons in den USA einst größte Gebäude der Welt endlich zu sanieren und eine neue Zukunft zu geben. Zumindest als Spiritus Rector oder auch Souffleur, wenn er es als Unternehmer diesmal auch strikt ablehnt, wie er händeringend beteuert, die persönliche Verantwortung zu übernehmen oder gar als Investor in die Haftung zu gehen.

Der Spiritus Rector möchte diesmal nicht Verantwortung, sondern den Stein ins Wasser werfen

Nicht, dass Reinhard Müller glaubt, es handele sich um eine solche Mammutaufgabe, deren Ausgang der 71-Jährige nicht mehr erlebt. Im Gegenteil: Nach Müllers Einschätzung könnten die neuen Messehallen auf dem Vorfeld des Abfertigungsgebäudes durchaus modular eingekauft, kurzfristig aufgestellt und in absehbarer Zeit bespielt werden, ohne dass man darüber jahrelang mit den Genehmigungsbehörden verhandeln oder streiten müsste. Allein auf den eisernen Willen komme es an, auf den politischen Wagemut, etwas Neues anzupacken und für die große Stadt große neue Visionen zu entwickeln. Das ist wohl etwas zu kurz gekommen - aus seiner Sicht.

Tatsächlich hat Müller fleißig weitergebaut und gewerkelt in den vergangenen gut 15 Jahren, während Berlin sich noch dem Ruf der Party-Metropole hingab und sich selbst genug war. Für Eingeweihte ist der Durchbruch wohl anno 2011 erfolgt, als Fernseh-Moderator Günther Jauch (einst 2005 laut Emnid-Institut noch vor Steffi Graf zum „beliebtesten Deutschen“ gekürt) den Gasometer mit seiner Talkshow zur Politbühne der Republik machte und ein randständiges, Jahrzehnte lang unbeachtet gebliebenes Industriegelände mit seinen zeitlosen Backsteinbauten auf den Berliner Stadtplan gehievt und womöglich sogar auf der Landkarte Deutschlands markiert hat.

Nach einer behutsamen Entwicklung ist das Großvorhaben nun abgeschlossen und nicht nur als Tech-Campus für Bahn AG, Fraunhofer-Institut und diverse Bundesverbände für nachhaltige Energien, Mobilität und Zukunftswirtschaft, sondern inzwischen ein gemeinschaftlicher Ort der Synergie mit gut 7000 Arbeitsplätzen. Müller zufolge „ohne Subventionen“ durch die Euref AG errichtet, dafür aber mit reichlich Beharrungsvermögen des Firmengründers entstanden.

Wie reagiert die Stadt auf den kühnen Vorschlag? „Die Linken sind dagegen, gott sei Dank. Die Grünen geben sich mal wieder abwartend.“ In den Reihen der Berliner Koalition changiere die Stimmung derweil zwischen Neugier, Begeisterung und Verständnislosigkeit.

Da helfen nur noch Zahlen und Fakten. Die jüngste Messe-Bilanz etwa, die alles andere als vorteilhaft ausfällt für das Land Berlin. Die rückläufige Entwicklung bei den Berlin-Besuchern - minus drei Millionen seit dem Vor-Corona-Peak. Hotellerie, Gastronomie, Veranstaltungswirtschaft, Kongresswesen müssten alle jubilierend vorweg laufen. Doch das passiert wohl erst, wenn eine Führungsfigur den Berliner Staffelstab von Ernst Reuter und Willy Brandt im Keller des Rathauses wiederfindet und ihn (wie einst im Vorfeld der Olympia-Bewerbung für die Spiele anno 2000) wie eine Fackel entfacht und ins Ziel trägt.

Der Unternehmer und ehemalige IHK-Präsident Werner Gegenbauer wäre so ein Typ, der es immer wieder versucht hat mit Olympia- und anderen Großereignissen - mal ergebnisoffen, aber nie gänzlich erfolglos. Nicht von ungefähr, gehört Gegenbauer auch diesmal wieder zum Kreise der Initiatoren hinter Reinhard Müller - der einzige der sich unterdessen gleichfalls öffentlich bekannt hat. Müller und Gegenbauer haben beide halt nichts zu verlieren oder mehr großartig zu gewinnen. Sie haben einfach Bock, „zu gestalten, nicht einfach nur zu verwalten“, wie Müller im Gespräch vieldeutig sagte.

Über Zahlen und Geld wurde übrigens noch gar nicht gesprochen, bisher im Roten Rathaus. Erst mal ergebnisoffen drüber sprechen, so die amtierende Landespolitik .Das Projekt prangt noch seit kurzem auf dem Reißbrett Berlins. Man darf nur hoffen, dass sich wirklich jemand einen Ruck gibt. Sonst droht die Hauptstadt womöglich wieder in jene Zeiten zurückzufallen, als die Metropole als Pleitier und Bittsteller zu bundesweiter Verruchtheit als modernes Babylon-Berlin gelangt ist.

Mehr zum Thema
article:fokus_txt
X

DWN Telegramm

Verzichten Sie nicht auf unseren kostenlosen Newsletter. Registrieren Sie sich jetzt und erhalten Sie jeden Morgen die aktuellesten Nachrichten aus Wirtschaft und Politik.
E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung gelesen und erkläre mich einverstanden.
Ich habe die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Ihre Informationen sind sicher. Die Deutschen Wirtschafts Nachrichten verpflichten sich, Ihre Informationen sorgfältig aufzubewahren und ausschließlich zum Zweck der Übermittlung des Schreibens an den Herausgeber zu verwenden. Eine Weitergabe an Dritte erfolgt nicht. Der Link zum Abbestellen befindet sich am Ende jedes Newsletters.

avtor1
Peter Schubert

Peter Schubert ist stellv. Chefredakteur und schreibt seit November 2023 bei den DWN über Politik, Wirtschaft und Immobilienthemen. Er hat in Berlin Publizistik, Amerikanistik und Rechtswissenschaften an der Freien Universität studiert, war lange Jahre im Axel-Springer-Verlag bei „Berliner Morgenpost“, „Die Welt“, „Welt am Sonntag“ sowie „Welt Kompakt“ tätig. 

Als Autor mit dem Konrad-Adenauer-Journalistenpreis ausgezeichnet und von der Bundes-Architektenkammer für seine Berichterstattung über den Hauptstadtbau prämiert, ist er als Mitbegründer des Netzwerks Recherche und der Gesellschaft Hackesche Höfe (und Herausgeber von Architekturbüchern) hervorgetreten. In den zurückliegenden Jahren berichtete er als USA-Korrespondent aus Los Angeles in Kalifornien und war in der Schweiz als Projektentwickler tätig.

DWN
Politik
Politik „Machen Sie sich auf die Auswirkungen gefasst“: EU kündigt weitere Gegenmaßnahmen zu US-Zöllen an
03.04.2025

Die Präsidentin der Europäischen Kommission, Ursula von der Leyen, hat die Bürger der EU auf die bevorstehenden wirtschaftlichen Folgen...

DWN
Politik
Politik US-Finanzminister warnt vor Vergeltungszöllen: Eskalation könnte die Lage verschärfen
03.04.2025

US-Finanzminister Scott Bessent hat betroffene Länder vor einer schnellen Reaktion auf die jüngste Ankündigung von Präsident Donald...

DWN
Politik
Politik AfD-Kandidat erstmals ins Verfassungsgericht gewählt: Zweidrittelmehrheit im Thüringer Landtag
03.04.2025

Die AfD hat einen Kandidaten für den Thüringer Verfassungsgerichtshof durchgesetzt: Rechtsanwalt Bernd Falk Wittig wurde mit...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bewerbercheck: Dürfen Arbeitgeber frühere Chefs kontaktieren?
03.04.2025

Referenzen von ehemaligen Arbeitgebern können wertvolle Einblicke bieten – aber ist es rechtlich erlaubt, ohne Zustimmung des Bewerbers...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Sichere KI statt Datenleck: Das müssen Firmen beim Chatbot-Einsatz beachten
03.04.2025

KI-Chatbots sind im Mittelstand längst Alltag – doch oft fehlt es an Sicherheitsstandards. Der Hamburger KI- und Digitalisierungsexperte...

DWN
Panorama
Panorama Orban trifft Netanjahu in Budapest trotz Haftbefehl -und erklärt Rückzug aus Internationalen Strafgerichtshof
03.04.2025

Viktor Orbán ignoriert den Haftbefehl, den der Internationale Strafgerichtshof gegen Israels Premier erlassen hat – und heißt ihn in...

DWN
Politik
Politik Russlands Verzögerung der Verhandlungen könnte auch der Ukraine nützen
03.04.2025

Die Verhandlungen zwischen Russland und der Ukraine über eine mögliche Waffenruhe oder Friedenslösung ziehen sich weiter hin. Während...

DWN
Finanzen
Finanzen DAX aktuell: DAX-Kurs fällt nach Trumps Zollankündigung - wie sollten Anleger reagieren?
03.04.2025

Die erneute Zollankündigung von US-Präsident Donald Trump hat am Donnerstag die Aktienmärkte stark unter Druck gesetzt. Der DAX-Kurs...