Unternehmen

Schleichende Deindustrialisierung – der Mittelstand hat keine Spielräume mehr

Bei den Umsatzrenditen vieler Branchen in Deutschland sieht es ziemlich düster aus. In einer aktuellen Studie des Sparkassenverbands DSGV wird dabei von einer schleichenden Deindustrialisierung gesprochen.
24.09.2024 16:00
Aktualisiert: 24.09.2024 16:01
Lesezeit: 3 min

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) ist mit seinen 350 Sparkassen der Top-Bankenpartner der kleinen und mittleren Unternehmen in Deutschland. In einer aktuellen Studie haben Experten dieser Finanzgruppe Bilanzen von 300.000 Unternehmenskunden anonymisiert ausgewertet und auch die Firmenberater der Einzelunternehmen befragt.

Enormer Kostendruck

Im Ergebnis zeigt sich deutlich, dass sowohl die hohen Energiekosten in Deutschland als auch die steigenden Personal- und Materialkosten den Unternehmen die Luft abschnüren. Die finanzielle Lage der Unternehmen sei zwar noch stabil, der Trend bei den Umsatzrenditen zeigt aber steil abwärts nach Auskunft von Ulrich Reuter, Chef des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands. Er spricht davon, dass das Fundament unseres Wohlstands zunehmend unter Druck gerät.

Nach den Daten der aktuellen Studie können drei von vier Unternehmen die Kostensteigerungen nicht einfach an ihre Kunden weitergeben. Reuter sieht dies mittelfristig hochproblematisch für vernünftige Umsatzrenditen, eine gesunde Eigenkapitalquote und damit auch für eine zukünftige Investitionsfähigkeit der Unternehmen.

Deutschland kann im globalen Wettbewerb nicht mithalten

Obwohl sich die Energiepreise auch in Deutschland wieder deutlich nach unten bewegt haben, sind sie im internationalen Vergleich immer noch sehr hoch. In einer Studie des Industrieverbands BDI wurde festgestellt, dass die Gaspreise in Deutschland um den Faktor drei bis fünf höher liegen als für internationale Wettbewerber. Vor der Energiekrise im Jahr 2019 lagen die deutschen Gaspreise noch auf dem Niveau von China und lagen nur leicht über den Preisen in den USA.

Energieintensive Branchen im Abseits

Auch der DSGV weist in seiner Studie darauf hin, dass insbesondere China, die USA und auch Japan sehr viel bessere Bedingungen für die energieintensiven Branchen bieten. Deshalb setze sich der Trend zu einer Verlagerung der Produktion ins Ausland bei diesen Unternehmen in Deutschland fort. Reuter spricht in diesem Zusammenhang von einer schleichenden Deindustrialisierung, die hier in ihren Anfängen zu beobachten ist.

Die energieintensiven Branchen in Deutschland zeigen bereits eine markante Rentabiltätsverschlechterung auf. Dies wirke sich laut Reuter auch auf die notwendigen Investitionen hin zu einem klimafreundlichen Wirtschaften und Produzieren aus. Nur wenn die Unternehmen rentabel sind, kann eine entsprechende Anpassung der Geschäftsmodelle mit besseren CO2-Bilanzen vorangetrieben und auch finanziert werden.

Politik muss eingreifen

Aktuell ist der deutsche Mittelstand finanziell noch gut aufgestellt, mit einer durchschnittlichen Eigenkapitalquote von 37 Prozent, die nach Reuter auf eine stabile Lage hinweist. Allerdings fragen die Unternehmen immer weniger Investitionskredite nach und sind in Wartehaltung. Laut Reuter sei es daher sehr wichtig, auch politisch Wege zu ergründen, wie privates Kapital für die notwendigen Transformationen der Infrastruktur mobilisiert werden kann, da die notwendigen Investitionen nicht ausschließlich aus den Mitteln der öffentlichen Haushalte finanziert werden können.

Die Wettbewerbsnachteile der deutschen Unternehmen und der aktuell schon realisierte Rückstand zu China und den USA können seiner Meinung nach nur abgebaut werden, wenn das wirtschaftliche Wachstum im Lande zentraler Bestandteil der politischen Maßnahmen wird.

Stahl- und Chemiebranche begehren auf

Für den Erhalt der Stahlindustrie und entsprechende politische Maßnahmen haben sich gerade die Bundesländer mit Stahlstandorten und die Branchenvertreter bei der Bundesregierung eingesetzt. Sie forderten bezahlbare Energiepreise und eine ausreichende Versorgung mit grünem Wasserstoff.

Auch der Deutsche Gewerkschaftsbund macht sich Sorgen um die Abwanderung von deutschen Industriebetrieben und warnt vor den substanziellen Folgen der hohen Energiepreise. Wie DGB-Chefin Yasmin Fahimi mitteilte, sei neben Stahl insbesondere die Chemieindustrie bedroht, aber auch Papier, Keramik und Zement seien stark betroffen und stünden unter einem enormen Kostendruck. Sie stellt bereits jetzt eine Verlagerung von Zukunftsinvestitionen in den Branchen fest und moniert, dass in den USA und China eine viel unternehmerfreundlichere Subventionspolitik betrieben würde.

Sollen energieintensive Branchen aus Deutschland verschwinden?

Eine ganz andere Perspektive nimmt in diesem Fall Topökonom und Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Marcel Fratzscher in einem Interview mit der Osnabrücker Zeitung ein. Er rechnet damit, dass einige energieintensive deutsche Branchen bis zur Realisierung der geplanten Energiewende mit ihrer Produktion aus Deutschland abwandern werden. Das wäre keine schlimme Entwicklung, wenn dafür qualifizierte Arbeitskräfte in Deutschland gehalten werden können und die Innovationsfähigkeit nicht verloren ginge. Auch so könnten die Unternehmen wettbewerbsfähig bleiben. Er sieht die Veränderungen als notwendigen Prozess.

Seiner Meinung nach haben es deutsche Unternehmen sehr gut verstanden, sich auf Ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren und dort zu produzieren, wo es am günstigsten ist, Komponenten zu importieren und hier zu verbauen, um sie dann wieder zu exportieren.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen

 

DWN
Politik
Politik Forschungsstandort Europa 2026: Zwischen Exzellenz und Sparzwang
25.05.2026

Europa forscht stark, doch Kürzungen bei Horizon Europe bedrohen den Anschluss an USA und China. Was das für Talente, Patente und...

DWN
Politik
Politik Weltbekannter Professor sieht gefährliche Veränderung bei Trump
25.05.2026

Francis Fukuyama sieht Trump politisch geschwächt, aber gerade deshalb gefährlich. Für Dänemark und Grönland könnte die nächste...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft KI-Arbeitsmarkt: Wer durch KI ersetzt wird, zahlt jahrelang
25.05.2026

KI soll Unternehmen schneller, schlanker und profitabler machen. Doch für Beschäftigte, die durch neue Technologien ihren Job verlieren,...

DWN
Finanzen
Finanzen Aktienempfehlungen: Günstige Aktien trotz KI-Hype, Zinsrisiko und Rüstungsboom
25.05.2026

Viele Anleger jagen weiter den teuersten KI-Gewinnern hinterher, doch Morningstar sieht die spannendere Chance woanders. Zehn globale...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Hyundai Kona im Test: Futuristisch, mutig und anders
25.05.2026

Der Hyundai Kona sieht aus, als wolle er nicht jedem gefallen. Genau das macht ihn spannend, denn hinter der mutigen Form steckt ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Klimarisiken in Europa: Warum der Mittelstand besser vorsorgen muss
25.05.2026

Klimarisiken und Nachhaltigkeit werden für Europas Mittelstand zu entscheidenden Faktoren für Finanzierung, Wettbewerbsfähigkeit und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Veggie-Burger-Boom verliert an Tempo: Fleischersatz in Deutschland erstmals rückläufig
25.05.2026

Pflanzliche Fleischalternativen haben den Lebensmittelmarkt in Deutschland stark verändert. Doch nach Jahren kräftigen Wachstums sinkt...

DWN
Technologie
Technologie Meta: WhatsApp-Inkognito-Modus kommt für KI-Unterhaltungen
25.05.2026

Meta erweitert WhatsApp um neue KI-Funktionen und verspricht dabei mehr Datenschutz. Nutzer sollen künftig inkognito mit der Meta AI...