Politik

Israels UNRWA-Verbot: Befürchtete Konsequenzen für die Region

Nach einem Parlamentsbeschluss in Israel wird das UN-Palästinenserhilfswerk UNRWA seine Aktivitäten auf israelischem Boden innerhalb von drei Monaten einstellen müssen. Die Knesset verabschiedete zwei Gesetze mit deutlicher Mehrheit, die international auf Kritik stoßen.
29.10.2024 13:34
Lesezeit: 3 min
Israels UNRWA-Verbot: Befürchtete Konsequenzen für die Region
Israelische Soldaten gehen in Position im Gebiet des UNRWA-Hauptquartiers (Foto: dpa). Foto: Ariel Schalit

Besonders große Bedenken bestehen hinsichtlich der Folgen für die palästinensische Bevölkerung, vor allem für die zwei Millionen Bewohner im Gazastreifen.

Welche Maßnahmen sind geplant?

Das erste Gesetz verbietet UNRWA, Standorte oder Dienstleistungen in Israel zu unterhalten oder direkte wie indirekte Aktivitäten anzubieten. Betroffen ist etwa die UNRWA-Vertretung im Ostteil von Jerusalem, der 1967 von Israel besetzt und später annektiert wurde. Israel plant, das Grundstück, auf dem das UNRWA-Gebäude steht, zu beschlagnahmen und dort 1.440 Siedlungswohnungen zu bauen. Die Vertretung ist seit einiger Zeit geschlossen.

Das Gesetz beschränkt die UNRWA-Aktivitäten in Ost-Jerusalem, darunter im Flüchtlingscamp Schoafat, wo UNRWA bisher grundlegende Dienstleistungen wie Schulbildung, medizinische Versorgung und Müllentsorgung bereitstellte. Das zweite Gesetz verbietet israelischen Behörden jeden Kontakt mit UNRWA oder deren Mitarbeitern. Zudem erklärt es die Einwilligung vom 14. Juni 1967, dass UNRWA palästinensische Flüchtlinge versorgen darf, für ungültig. UNRWA-Personal soll dabei auch den Schutzstatus und Steuerprivilegien verlieren.

Was bedeutet das UNRWA-Verbot für die Menschen im Gazastreifen?

Rund zwei Millionen Menschen im Gazastreifen sind auf UNRWA-Hilfe angewiesen. "Diese Gesetzesentwürfe verschärfen das Leid der Palästinenser, besonders in Gaza, wo die Bevölkerung seit mehr als einem Jahr in Not lebt", sagte UNRWA-Leiter Philippe Lazzarini auf X. Obwohl die Gesetze nur für israelisches Territorium gelten, wird erwartet, dass UNRWA die Arbeit im Gazastreifen und Westjordanland ebenfalls kaum fortführen kann, da Israel die Grenzübergänge kontrolliert.

Vor allem im Norden des Gazastreifens ist die humanitäre Lage katastrophal. Hilfsorganisationen warnen regelmäßig vor Hunger und Krankheit. Seit dem Gaza-Krieg vor über einem Jahr stellt UNRWA auch Notunterkünfte für Hunderttausende bereit. UN-Daten zufolge wurden etwa 90 Prozent der Bevölkerung des Gebiets vertrieben, viele mehrfach. UNRWA wurde 1949 zur Unterstützung palästinensischer Flüchtlinge gegründet. Heute betreut es laut eigener Angaben rund 5,9 Millionen Menschen, die aus den Kriegen 1948 und 1967 flüchteten oder vertrieben wurden, sowie deren Nachkommen. UNRWA ist auch in Jordanien und Libanon aktiv.

Was ist Israels Argumentation für das Verbot?

Das erste Gesetz argumentiert, es sei "bewiesen, dass UNRWA und deren Mitarbeiter an Terroraktivitäten gegen Israel teilgenommen haben". Der israelische Außenminister Israel Katz sagte, es sei "ohne Zweifel bewiesen, dass die UNRWA-Organisation an den Vorfällen des 7. Oktober beteiligt war". Boaz Bismuth, Abgeordneter der Likud-Partei und Mitinitiator des Gesetzes, erklärte, "UNRWA ist gleich Hamas".

Israel hatte ein Video veröffentlicht, das einen UNRWA-Mitarbeiter zeigen soll, wie er die Leiche eines Israelis wegbringt, um sie in den Gazastreifen zu bringen. Ein unabhängiger Expertenbericht hatte jedoch festgestellt, dass UNRWA wirksame Mechanismen zur Sicherung seiner Neutralität eingeführt habe, auch wenn Verbesserungen möglich seien.

Gibt es eine realistische UNRWA-Alternative?

Israels Premierminister Benjamin Netanjahu erklärte auf X, dass eine humanitäre Krise im Gazastreifen verhindert werden müsse. "In den 90 Tagen vor Inkrafttreten der Gesetze und darüber hinaus werden wir mit internationalen Partnern daran arbeiten, Zivilisten in Gaza humanitär zu helfen, ohne Israels Sicherheit zu gefährden", schrieb Netanjahu. Die Initiatoren der Gesetze kündigten an, innerhalb von drei Monaten Alternativen zu UNRWA schaffen zu wollen. UN-Generalsekretär António Guterres betonte jedoch, dass UNRWA durch keine andere Organisation ersetzt werden könne.

Israelische Medien berichteten, dass Netanjahu die Armee angewiesen habe, eine mögliche Verteilung humanitärer Hilfsgüter im Gazastreifen vorzubereiten. Armeekreise halten dies jedoch für riskant. Medien zufolge könnte Israel stattdessen private Subunternehmer beauftragen, die Hilfe zu verteilen, um zu verhindern, dass Hamas und andere bewaffnete Gruppen diese abfangen. Eine verstärkte Rolle der Palästinensischen Autonomiebehörde, wie von den USA und Deutschland gefordert, lehnt Israel ab. Netanjahus Regierung spricht sich gegen eine Zweistaatenlösung aus und sieht Präsident Mahmud Abbas als keinen verlässlichen Partner.

Wie reagiert die Weltgemeinschaft?

Die Türkei verurteilte das Arbeitsverbot für UNRWA als "völkerrechtswidrig". UN-Generalsekretär António Guterres warnte, die Gesetze könnten "verheerende Folgen für palästinensische Flüchtlinge in den besetzten Gebieten" haben. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus sprach ebenfalls von "verheerenden Konsequenzen". Auch mit Israel eng verbundene Staaten wie die USA und Deutschland äußerten Kritik. Der deutsche Botschafter in Israel, Steffen Seibert, zeigte sich "besorgt" über die humanitäre Lage der vertriebenen Menschen im Gazastreifen. "Durch diese Gesetze wird ihre Situation noch prekärer", schrieb Seibert auf X.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Unternehmen
Unternehmen Historische Marke: Musks Vermögen überschreitet 800 Milliarden Dollar
14.02.2026

Elon Musk überschreitet als erster Unternehmer die 800-Milliarden-Dollar-Marke und baut seinen Vorsprung an der Spitze der Forbes-Liste...

DWN
Politik
Politik Chinas Militär im Umbruch: Xi Jinpings Strategie im Taiwan-Konflikt
14.02.2026

Chinas Führung greift tief in die militärische Machtstruktur ein und ordnet die Spitzen der Streitkräfte neu. Welche Folgen hat dieser...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Was Wirtschaftsprüfer zuerst prüfen: Wie Unternehmen bei der Prüfung bestehen
14.02.2026

Unternehmen stehen bei Abschlussprüfungen unter wachsendem regulatorischem Druck und steigenden Transparenzanforderungen. Entscheidet sich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mercedes-Benz S-Klasse: Software als zentraler Entwicklungsfaktor im Luxussegment
14.02.2026

Mercedes-Benz modernisiert die S-Klasse umfassend und rückt Software, Digitalisierung und Komfort stärker in den Fokus. Welche Rolle...

DWN
Technologie
Technologie KI-Wettbewerb: Experten wollen mehr Rechenzentren für Europa
14.02.2026

Die USA haben sechsmal mehr Rechenpower als China, Europa liegt weit dahinter. Experten raten zu großen Investitionen, um im KI-Rennen...

DWN
Politik
Politik Führerscheinreform: Bund legt Führerschein-Paket vor
14.02.2026

Der Führerschein soll günstiger werden, sagt die Bundesregierung. Verkehrsminister Schnieder stellt weiterentwickelte Vorschläge vor....

DWN
Politik
Politik Trumps Zollpolitik: Milliarden-Einnahmen, aber ein Desaster für Jobs und Vertrauen
14.02.2026

Trumps Zollpolitik sollte Amerika befreien, die Industrie stärken und Arbeitsplätze zurückholen. Die Realität sieht anders aus: Zwar...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsen: US-Börsenwoche endet rot: Angst vor KI schluckt Inflationsfreude
13.02.2026

Obwohl frische Inflationsdaten den wichtigsten Indizes am Freitagmorgen kurzzeitige Unterstützung boten, wurde der Ausgang des...