Politik

Habeck ist Kanzlerkandidat der Grünen - Wahlkampfmodus nach dem Ampel-Aus

Robert Habeck ist der Kanzlerkandidat der Grünen. Das melden verschiedene Medien am Freitagvormittag. Nach dem Ampel-Aus ist spätestens jetzt der Wahlkampf eröffnet.
08.11.2024 09:08
Aktualisiert: 08.11.2024 09:08
Lesezeit: 3 min

Laut der Medienberichte will Habeck heute seine Bewerbung als Kanzlerkandidat der Grünen erklären. Das erfuhr die Deutsche Presse-Agentur in Berlin. Zuvor hatten "Spiegel" und ARD berichtet.

Habeck-Kanzlerkandidatur: X-Video als kryptisches Vorankündigung

Es ist längst kein Geheimnis mehr: Robert Habeck will als Kanzlerkandidat der Grünen in den Wahlkampf ziehen. Heute wird er seinen Schritt offiziell bekannt geben. Die Wahl zum Spitzenkandidaten der Grünen ist für den Bundesparteitag angesetzt, der am Freitag kommender Woche in Wiesbaden beginnt. Dort will Habeck die Delegierten für sich gewinnen, um mit Unterstützung in den Wahlkampf zu starten. Bereits am Vortag hatte Habeck seine Entscheidung auf sozialen Medien angedeutet. Fast sechs Jahre nach seinem Abschied von Twitter und Facebook kehrte er auf der Plattform X zurück.

Twitter sei ein sehr hartes Medium, spaltend und polarisierend, das färbe auch auf ihn ab: So hatte Robert Habeck Anfang 2019 seinen Abschied von dem Online-Netzwerk verkündet. Jetzt ist er wieder da. Fast sechs Jahre nach seinem Abschied von Twitter und Facebook hat sich Robert Habeck auf der Plattform X zurückgemeldet. Einer seiner ersten Posts war ein kryptisches Video, das bereits vermuten ließ, dass Habeck Kanzlerkandidat der Grünen wird. Habeck redigiert in diesem Video ein Textmanuskript, im Hintergrund steht ein Kalender, auf dem der 8. November, also der heutige Freitag, rot umrandet ist. Dazu summt er die Melodie des Hits von Herbert Grönemeyer "Zeit, dass sich was dreht". Überschrieben ist der Post mit "Von hier an anders" - dem Titel eines Buches von Habeck.

"Orte wie diesen den Schreihälsen und Populisten zu überlassen ist leicht. Aber es sich leicht zu machen kann nicht die Lösung sein. Nicht heute. Nicht in dieser Woche. Nicht in dieser Zeit. Deshalb bin ich wieder auf X", hieß es in einem Post des Grünen-Politikers und Bundeswirtschaftsministers. Seine Rückkehr auf X (ehemals Twitter) hatte er zuvor mit dem Spruch "Back for good" intoniert, auf Deutsch in etwa "Endgültig zurück". Die Posts sind nach dpa-Informationen authentisch. Auch auf Instagram gibt es jetzt wieder einen Account von Robert Habeck. Erwartet wird, dass der Wirtschaftsminister noch vor dem Grünen-Parteitag nächste Woche offiziell seine Bewerbung für die Spitzen- oder Kanzlerkandidatur der Grünen bekanntgeben wird.

Habecks Blick auf die Mitte der Gesellschaft

Habeck verfolgt einen pragmatischen Kurs und setzt auf die Wählerschaft aus der politischen Mitte. Als Vizekanzler hat er Kompromisse ausgehandelt, die den linken Flügel seiner Partei enttäuschten, etwa die verschärften Maßnahmen in der Migrationspolitik. Dennoch kann er es als Kanzlerkandidat nicht zu sehr mit der Abgrenzung von seiner eigenen Partei übertreiben – Wähler treffen ihre Entscheidung letztlich immer noch zugunsten einer Partei. Selbst seine internen Kritiker wissen, dass Habeck zu den Zugpferden der Grünen gehört, wenn auch seine Popularität nach mehreren Jahren als Minister (Stichwort Heizungsgesetz) etwas gelitten hat. Im Duell mit CDU-Chef Friedrich Merz und SPD-Kanzler Olaf Scholz könnte Habeck jedoch mit Charisma punkten. Die unvorhersehbare Art seiner spontanen Reden birgt jedoch Risiken: So könnte er etwa einen falschen Ton treffen oder sich in Fakten vergreifen.

Die Personalie war längst kein Geheimnis mehr. Im Juli hatte Habecks einzige ernstzunehmende Konkurrentin, Außenministerin Annalena Baerbock, bekannt gegeben, dass sie keine Kanzlerkandidatur anstrebe. Ende September sagte sie im ARD-"Bericht aus Berlin": "Robert Habeck ist derjenige, der uns in den Bundestagswahlkampf führt." Habeck selbst hatte sein Interesse an der Spitzenkandidatur bereits unmissverständlich bekundet. So erklärte er Ende September im ZDF-"heute journal", dass beim Parteitag eine ehrliche Debatte darüber geführt werden solle, "wer wir sein wollen, was wir in den Regierungsjahren gemacht haben, was wir geleistet haben und welche Personen – und ob ich eine der Personen sein kann, die diese Partei dann in den nächsten Jahren nach vorne führt."

Das Verhältnis zwischen Baerbock und Habeck ist nicht konfliktfrei, nachdem sie sich 2021 gegen Habeck als Kanzlerkandidatin der Grünen durchsetzte. Für den kommenden Bundestagswahlkampf wollen beide jedoch gemeinsam arbeiten.

Schwierige Ausgangslage für Habeck und seine Hoffnungen

Habecks Chancen auf das Kanzleramt sind derzeit eher begrenzt. In aktuellen Umfragen liegt die Partei der Grünen lediglich bei 9 bis 11 Prozent. Die Grünen selbst verweisen jedoch auf die ebenfalls schwachen Umfragewerte der SPD, die ebenfalls einen Kanzlerkandidaten ins Rennen schickt. Habeck trägt auch die schlechte Wirtschaftslage in Deutschland mit sich, was er unter anderem mit dem Wegfall russischer Energieimporte aufgrund des Ukraine-Kriegs und den versäumten Reformen früherer Regierungen erklärt. Doch als Wirtschaftsminister wird er das Thema kaum loswerden können.

Seine Vision für den Wahlkampf skizzierte Habeck Ende August bei einem Wahlkampfauftritt in Sachsen, wo seine Partei nur mit Mühe den Wiedereinzug in den Landtag schaffte und erhebliche Verluste einstecken musste. Habeck bleibt optimistisch und glaubt an eine mögliche Wendung zum Positiven. "Es muss nur irgendein Kristallisationspunkt kommen, wo wir uns selbst beweisen, dass wir viel, viel besser in Deutschland sind, als die Stimmungslage und die Umfragen es im Moment zeigen. Wenn das passiert, dann kann wirklich alles passieren", erklärte er damals.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Nach dem Bürgerkrieg: Bund plant massive Rückführung syrischer Staatsbürger
30.03.2026

Nach dem Ende des Bürgerkriegs steht eine Zäsur in der Migrationspolitik bevor: Ein Gipfel im Kanzleramt hat das Ziel formuliert, rund 80...

DWN
Politik
Politik Indien bestellt russisches Öl für sechs Milliarden Dollar
30.03.2026

Indische Raffinerien haben für April etwa 60 Millionen Barrel russisches Öl gekauft. Damit sollen Lieferengpässe ausgeglichen werden,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Industrielle Revolution am Bau: Leipzig erhält weltweit erstes Carbonbetonwerk
30.03.2026

Sachsen setzt ein deutliches Zeichen in der modernen Industriepolitik und positioniert sich als Pionier für ressourceneffiziente...

DWN
Politik
Politik Kostendruck im Gesundheitswesen: Expertenrat beziffert Milliarden-Einsparungen
30.03.2026

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor einer finanziellen Zerreißprobe, da die rasant steigenden Leistungsausgaben die Lohnnebenkosten...

DWN
Politik
Politik Blockade im Mittelmeer: Italien setzt deutsches Rettungsschiff erneut fest
30.03.2026

Nach einem Einsatz im Mittelmeer wird erneut ein Schiff einer Hilfsorganisation in Italien festgesetzt. Sea-Watch kritisiert das Vorgehen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ölpreisschock infolge des Iran-Kriegs: Inflationsrate springt auf Zweijahreshoch
30.03.2026

Die Eskalation im Nahen Osten trifft die deutsche Wirtschaft mit zeitlicher Verzögerung, aber massiver Wucht. Der drastische Anstieg der...

DWN
Panorama
Panorama Kampf gegen digitale Gewalt: Fernandes fordert Gesetzesreformen
30.03.2026

Moderatorin Collien Fernandes macht auf eine gefährliche Lücke im deutschen Recht aufmerksam: Der Missbrauch intimer Aufnahmen auf...