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Ampel-Aus: Wirtschaft fordert Steuersenkungen und das Lockern der Schuldenbremse

Stabilität, Verlässlichkeit, Vertrauen – all dies bot die Ampel-Regierung in den vergangenen Wochen nicht. Stattdessen gab es Zoff und Krise. Nun ist die Ampel-Koalition geplatzt. Was Deutschlands Wirtschaft jetzt braucht, sagen Vertreter der Wirtschaftsverbände.
08.11.2024 10:31
Aktualisiert: 08.11.2024 10:31
Lesezeit: 4 min
Ampel-Aus: Wirtschaft fordert Steuersenkungen und das Lockern der Schuldenbremse
Ampel-Aus: Die schwächelnde deutsche Wirtschaft fordert Senkungen der Energiepreise und Steuern und Stabilität – dafür darf die Schuldenbremse gelockert werden. (Foto: dpa) Foto: Patrick Pleul

Für Deutschland sei das kein guter Tag, sagt Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft. In unruhigen und volatilen Zeiten bräuchten die Unternehmen vor allem Verlässlichkeit. „Sie ist staatspolitischer Auftrag einer jeden Regierung. Die Ampel ist diesem Anspruch schon lange nicht mehr gerecht geworden, ihr Aus ist folgerichtig“, sagt Hüther. Was Deutschland bis zum Jahresende brauche, seien Instrumente, die die Wirtschaft kurzfristig stabilisierten. Hüther begrüßt die aktuellen Vorschläge des Noch-Bundeskanzlers Olaf Scholz, die dieser gestern in seiner Rede zum Ampel-Aus nannte, darunter die überfällige Reform der Netzentgelte, eine Verbesserung der Abschreibungsmöglichkeiten auf Investitionen und ein Paket für die angeschlagene Autoindustrie. Diese seien richtig.

IW-Direktor Hüther: Ukraine-Hilfe rechtfertigt Lockerung der Schuldenkrise

„Allerdings hat der gestrige Tag mit der Wiederwahl von Donald Trump die sicherheitspolitischen Dringlichkeiten noch erhöht“, führt Hüther weiter aus. Deutschland müsse mehr für die Ukraine und die eigene Verteidigungsfähigkeit tun. Dafür müsse das Bundeswehr-Sondervermögen noch in dieser Legislaturperiode deutlich – etwa auf 300 Milliarden Euro – aufgestockt werden, schon weil zu befürchten sei, dass im nächsten Deutschen Bundestag eine Sperrminorität populistischer Parteien bestehen könne. „Dann wäre Deutschland sicherheitspolitisch handlungsunfähig. Die Ukrainehilfe jetzt angesichts der Wiederwahl von Donald Trump deutlich aufzustocken – um 20 Milliarden Euro – rechtfertigt allemal, wie es die Bundesregierung selbst vorgesehen hatte, die Notlagenklausel der Schuldenbremse zu ziehen. Man kann nicht fordern, die sicherheitspolitischen Herausforderungen anzunehmen, ohne die fiskalischen Voraussetzungen dafür zu schaffen.“ Es bleibe zu hoffen, dass sich die verbleibenden Teile der Ampel und die Opposition bis zu den Neuwahlen ihrer Verantwortung gerecht werden und die Handlungserfordernisse erkennen. „Das Land steht im Vordergrund“, sagt Hüther.

Matthias Bianchi vom Deutschen Mittelstands-Bund: „Die Schuldenbremse sollte in Krisenzeiten flexibel ausgelegt werden“

„Der Mittelstand braucht pragmatische Lösungen, die ihn weder überlasten noch abhängig machen“, sagt Matthias Bianchi vom Deutschen Mittelstands-Bund. Zu den anstehenden Neuwahlen gibt er folgende Einschätzung: „Die FDP wird sich in einem anstehenden Wahlkampf klar positionieren müssen, ihre Bündnisoptionen sind durch den Ampelbruch sicherlich nicht größer geworden.“ Auch wenn es unwahrscheinlich sei - eine pragmatische Zusammenarbeit der Parteien der Mitte in den kommenden Monaten wäre wünschenswert, und „kein Dauerwahlkampf“. Was den Zeitpunkt der Neuwahlen angeht, darf es laut Bianchi gerne schneller gehen: „Der Mittelstand braucht rasche politische Klarheit und Stabilität, daher begrüßen wir jede Möglichkeit, die Neuwahlen möglichst frühzeitig anzusetzen. Die US-Wahl spielt insofern eine Rolle, als die exportorientierte Wirtschaft in Deutschland sich dann möglicherweise mit neuen handelspolitischen Herausforderungen konfrontiert sieht – und dies relativ zügig nach der Inauguration von Präsident Trump Mitte Januar.“ In Krisenzeiten seien Entlastungen und positive Signale wichtig, gezielte Förderungen und Anreize sinnvoll, um Investitionen zu fördern, ohne die Grundsätze einer freien Marktwirtschaft aufzugeben. Was daher das Hauptstreitthema der gescheiterten Koalition angeht, die Schuldenbremse und der Haushalt, darf für den Mittelstand gerne auch Geld in die Hand genommen werden. Bianchi sagt: „Die Schuldenbremse sollte in Krisenzeiten flexibel ausgelegt werden, um notwendige Investitionen zu ermöglichen, die sich langfristig positiv auszahlen. Eine maßvolle Subventionierung in Schlüsselbereichen für die Transformation wie Energie und Digitalisierung kann helfen, den Wirtschaftsstandort nachhaltig zu stärken, ohne eine Abhängigkeit zu schaffen.“

ZDH-Präsident Jörg Dittrich: „Handlungsdruck ist immens“

„Ein politisches Entscheidungsvakuum, das sich über Monate hinzieht, ist aus Sicht der Wirtschaft inakzeptabel. Denn wir haben keine Zeit mehr zu verlieren. Die Regierungskrise schürt massive Verunsicherung, während der Handlungsdruck in Deutschland und Europa immens ist“, fasst der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks Jörg Dittrich die Lage zusammen. Er sagt: „Was Betriebe und Beschäftigte des Handwerks jetzt erwarten, sind Verlässlichkeit, Stabilität und Planungssicherheit. Dafür braucht Deutschland schnellstmöglich eine handlungsfähige Regierung mit entsprechendem parlamentarischen Rückhalt. Deshalb muss auch hinterfragt werden, ob der im Raum stehende Zeitplan für Neuwahlen diesem Handlungsdruck wirklich gerecht wird.“

BDI-Präsident Russwurm: „Wir brauchen eine neue, handlungsfähige Regierung“

„Die Regierungsparteien sind in den vergangenen Monaten ihrer gemeinsamen Verantwortung für die Sicherung der Zukunft des Landes immer weniger gerecht geworden. Das Ende der Koalition ist ein konsequentes Ergebnis dieser Entwicklung“, sagt Siegfried Russwurm, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI). Angesichts der weltpolitischen Lage und der schlechten wirtschaftlichen Entwicklung des Standorts Deutschland bräuchen wir jetzt so schnell wie möglich eine neue, handlungsfähige Regierung mit eigener parlamentarischer Mehrheit. Anhaltende Unsicherheit, wer Deutschland mit welchem Programm regiere, schade dem Land und dem Wirtschaftsstandort. „Stabilität, Planungssicherheit und entschiedenes gemeinsames Handeln für einen wettbewerbs- und zukunftsfähigen Standort sind jetzt dringend nötig“, sagt Russwurm. Die schwierige wirtschaftliche Lage, die Transformationsaufgaben und die geopolitisch instabile Situation forderten die Wirtschaft derzeit ohnehin schon besonders heraus. Mit dem Antritt der neuen US-Regierung Anfang 2025 werde sich die Unsicherheit voraussichtlich erhöhen. Russwurm weiter: „Die politischen Akteure der demokratischen Mitte sind jetzt gefordert, staatspolitisch verantwortlich zu handeln, um schnell für stabile Verhältnisse zu sorgen. Eine künftige Bundesregierung muss sich vorrangig darum kümmern, den Wirtschaftsstandort Deutschland wieder in die Erfolgsspur zu führen. Wir brauchen dafür eine Regierung, die geeint eine entschlossene Wachstumspolitik aufsetzt.“

DIHK-Präsident Adrian: „Wir brauchen Vertrauen in wirtschaftspolitischen Kurs“

“Die Unsicherheiten für die Unternehmen sind mit dem Bruch der Regierungskoalition noch größer geworden“ klagt der Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer Peter Adrian. „Nichts braucht unsere Wirtschaft derzeit mehr als das Vertrauen in einen wirtschaftspolitischen Kurs, der die Bedingungen für Investitionen und Wachstum endlich wieder verbessert. Wir hoffen deshalb auf eine kurze Übergangsphase“, sagt Adrian. Denn in Zeiten vielfacher Herausforderungen in Deutschland, Europa und der Welt könne nur eine handlungsfähige Regierung mit einer Mehrheit im Parlament die erforderlichen Entscheidungen treffen. Adrian: „Jetzt zählt der Blick nach vorne. Dabei muss die Stabilisierung unserer Wirtschaft ganz oben auf der Prioritätenliste stehen: Energiekosten runter, Steuern investitionsfreundlich gestalten, Auflagen und vielfältige Berichtspflichten müssen gestrichen, Planungs- und Genehmigungsverfahren schnell vereinfacht werden. Ohne eine Erholung unserer schwer in die Krise geratenen Wirtschaft wird vieles nichts.“ Denn nur mit Wachstum könnten wir dauerhaft entsprechende Staatsausgaben finanzieren. Das gelte für die innere und äußere Sicherheit ebenso wie für unsere Sozialsysteme sowie einen ambitionierten Klimaschutz.

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