Unternehmen

Stahlindustrie unter Druck: Krisengipfel bei Kanzler Scholz

Bundeskanzler Scholz trifft heute Vertreter der Stahlbranche, Betriebsräte und Gewerkschafter im Kanzleramt. Deutschlands größter Branchenkonzern Thyssenkrupp hat angekündigt, innerhalb von sechs Jahren 11.000 Arbeitsplätze abzubauen. Steigt der Staat als Retter bei Thyssenkrupp Stahl ein?
09.12.2024 09:19
Aktualisiert: 09.12.2024 09:22
Lesezeit: 2 min
Stahlindustrie unter Druck: Krisengipfel bei Kanzler Scholz
Stahlindustrie in einer historischen Krise aufgrund hoher Energiekosten. Kann Deutschland noch kostendeckend Stahl herstellen? (Foto: dpa) Foto: Rolf Vennenbernd

Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) will mit Spitzenvertretern der Stahlbranche Wege aus der Misere des wichtigen Industriezweigs diskutieren. Auch Betriebsräte und Gewerkschafter sind für Montag zu einem Stahlgipfel ins Kanzleramt geladen. Es gehe um konkrete Maßnahmen, um die Stahlherstellung in Deutschland zu sichern, teilte Scholz auf dem Kurznachrichtendienst X mit. Wichtig seien verlässliche Strompreise, die Förderung von Investitionen und der Schutz vor Billig-Importen.

Deutschlands größter Stahlkonzern Thyssenkrupp hatte im November angekündigt, dass die Zahl der Arbeitsplätze im Stahlbereich innerhalb von sechs Jahren um 11.000 schrumpfen soll. Von jetzt 27.000 Stellen sollen dann noch 16.000 übrig sein. Arbeitnehmervertreter und die IG Metall drohen mit langanhaltendem Widerstand.

Auf die Frage, ob der Staat bei Thyssenkrupp Stahl einsteigen sollte, sagte der Kanzler der Funke Mediengruppe: „Ich nehme jetzt keine Option vom Tisch.“

FDP mahnt Wirtschaftswende an

Die FDP mahnte eine Wirtschaftswende an. Hunderttausende Beschäftigte in der Industrie bangten um ihre Jobs, das könne keinen unbesorgt lassen, sagte Fraktionschef Christian Dürr. Angesichts der Tatsache, dass Deutschland Schlusslicht beim Wachstum unter den Industrienationen sei, brauche es tiefgreifende Strukturreformen. „Dazu gehören vor allem Steuerreformen mit einer Senkung der Unternehmenssteuern und die Abschaffung des Solidaritätszuschlags, der geradezu eine Strafsteuer auf unternehmerisches Risiko und Mut zu Investitionen darstellt“, betonte der FDP-Politiker.

Zudem belasteten hohe Strompreise die deutsche Wettbewerbsfähigkeit. Daher sei der Ausstieg aus der Subventionierung erneuerbarer Energien und eine Anpassung der Netzausbaupläne unumgänglich. „Die noch amtierende Bundesregierung darf nicht länger zusehen, wie der Industrie in Deutschland Schaden zugefügt wird“, sagte Dürr.

Habeck: Wettbewerb auf Stahlmarkt verzerrt

Wirtschaftsminister Robert Habeck betonte, auf dem internationalen Stahlmarkt sei der Wettbewerb noch immer verzerrt. Gegen Dumpingpreise und Überkapazitäten müssten die Instrumente genutzt werden, die das Handelsrecht bietet.

Zum Schutz der Stahlindustrie habe sich die Bundesregierung erfolgreich dafür eingesetzt, die EU-Schutzmaßnahmen gegen Stahlimporte bis Ende Juni 2026 zu verlängern. Darüber hinaus sei eine Verlängerung nach den Regularien der Welthandelsorganisation WTO rechtlich nicht möglich. „Das sollten wir nicht so einfach hinnehmen. Wir setzen uns daher für eine Nachfolgeregelung ein, um den Stahlmarkt so lange wie nötig zu schützen“, sagte der Grünen-Politiker.

Hohe Energiepreise schwächen Stahl-Konjunktur

Die angeschlagene deutsche Stahlindustrie hat im dritten Quartal 2024 weniger Aufträge erhalten. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum beträgt der Rückgang 9,7 Prozent, wie das Statistische Bundesamt vor wenigen Tagen mitgeteilt hatte. Ein wesentlicher Grund für die schwache Stahl-Konjunktur sind die infolge des Ukraine-Kriegs stark gestiegenen Energiepreise. Im ersten Quartal 2022 - zum Zeitpunkt des russischen Angriffs – war die Produktion noch um 5,2 Prozent höher als aktuell.

Die Umsätze der Stahlindustrie sind ebenfalls zurückgegangen. Zwischen Juli und September 2024 erlösten die Unternehmen 1,8 Prozent weniger als im zweiten Quartal. Ende September waren in der Branche laut Statistischem Bundesamt noch 71.200 Menschen beschäftigt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

 

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt Finanz Informatik: Der unsichtbare Riese hinter der Sparkassen-Digitalisierung
09.10.2026

Vom Online-Banking bis zu Wertpapiergeschäften – die Finanz Informatik digitalisiert 338 Sparkassen und betreut rund 114 Millionen...

DWN
Politik
Politik Brüssel schlägt vor: weniger Kommissare, weniger Vetos, mehr Schutzklauseln und 15 Jahre Kontrolle neuer Mitglieder
09.10.2026

Die Europäische Kommission will in den bisherigen Mitgliedstaaten Unterstützung für die Erweiterung gewinnen, da dort Sorgen über die...

DWN
Finanzen
Finanzen Investor Felix: Sechs Gründe, warum die Micron-Aktie zum Kauf einlädt
09.10.2026

Das Problem besteht nicht darin, einen Grund für den Kauf zu finden, sondern sich zu vergewissern, dass man davon nicht bereits zu viel im...

DWN
Politik
Politik Per Haftbefehl gesucht: Mehr als 148.000 offene Haftbefehle in Deutschland
09.10.2026

Warum bleiben Tausende Haftbefehle in Deutschland offen? Welche Rolle spielen Ersatzfreiheitsstrafen und die Staatsangehörigkeit dabei?

DWN
Unternehmen
Unternehmen Entstehung eines Mega-Reeders stockt: Israel hat ZIM-Übernahme noch nicht genehmigt
09.10.2026

Hapag-Lloyd will mit der Übernahme von ZIM einen der größten Deals seiner Geschichte abschließen. Doch Israel hat dem 4,2 Milliarden...

DWN
Politik
Politik DWN-Podcast Folge 46: Die Woche im Rückblick – KW 41
09.10.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...

DWN
Politik
Politik Führerscheinreform: Führerschein könnte bis zu 1.000 Euro günstiger werden
09.10.2026

Wie viel spart man wirklich durch die Führerscheinreform? Verkehrsminister Steffen Bilger nennt erstmals konkrete Zahlen – und erklärt,...

DWN
Finanzen
Finanzen Gold schützt nicht vor jedem Risiko
09.10.2026

Gold gilt als sicherer Hafen – doch wer sein Vermögen schützen will, sollte sich nicht auf ein einziges Edelmetall verlassen....