Finanzen

Äpfel mit Birnen: Warum der Performance-Vergleich von MDAX und DAX hinkt – und was das für Anleger heißt

Während der DAX mit neuen Rekorden jenseits der 20.000 Punkte glänzt, liegt der kleinere MDAX mehr als 25 Prozent unter seinem Allzeithoch. Ein Blick auf die strukturellen Ursachen zeigt: Der Vergleich zwischen DAX und MDAX hinkt. Was das für Anleger bedeutet.
16.12.2024 15:58
Lesezeit: 4 min

19.900 Punkte Ende November, 20.003 Punkte Anfang Dezember und schließlich 20.461 Punkte am 9. Dezember: Der DAX hat in den vergangenen Wochen eine beeindruckende Rallye hingelegt, immer neue Rekordmarken erreicht und sich als Magnet für Anleger etabliert. Ganz anders der MDAX, der seit seinem Allzeithoch im September 2021 bis Mitte Dezember 2024 mehr als 25 Prozent an Wert eingebüßt hat.

DAX profitiert von globalen Ausrichtung

Die jüngsten Entwicklungen der beiden Indizes könnten unterschiedlicher kaum ausfallen. Der DAX, seit der Indexreform im September 2021 Heimat der 40 größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands, umfasst globale Schwergewichte wie SAP, Siemens und Allianz, die einen Großteil ihrer Umsätze international erwirtschaften. “Gerade die deutschen Unternehmen aus dem DAX machen nur einen vergleichsweise geringen Teil ihrer Umsätze - zuletzt 18 Prozent – in Deutschland, während diese Teile in den Nebenwerteindizes deutlich höher ausfallen”, erklärte kürzlich Thomas Altmann, Portfoliomanager bei QC Partners in einem Podcast der Frankfurter Investmentboutique.

Schwache Wirtschaft belastet Nebenwerte

Ein anderes Bild zeigt sich beim Blick auf den Branchenmix des MDAX: Unter den 50 gelisteten mittelgroßen Unternehmen sind einige in Branchen aktiv, die aufgrund gestiegener Energiekosten, anhaltend hoher Zinsen und einer schwachen Exportkonjunktur unter wirtschaftlichem Druck stehen. Dazu zählen beispielsweise der Automobilzulieferer Schaeffler, der Softwaredienstleister Nagarro, Immobilienkonzerne wie LEG Immobilien aber auch Chemieschwergewichte wie Lanxess und Wacker Chemie.

„Seit dem Höchststand im September 2021 hat der MDAX knapp 28 Prozent seines Wertes eingebüßt, da mittelgroße Unternehmen stärker von den Auswirkungen der gestiegenen Zinsen und der schwächelnden deutschen Wirtschaft betroffen sind“, beschreibt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der DekaBank, die Entwicklung in einer Analyse vom April 2024. Volkswirte wie Kater beziffern den Teil, den die MDAX-Konzerne in Deutschland erwirtschaften, auf etwa ein Drittel. Das heißt: Die Schwäche der deutschen Wirtschaft tritt unter den mittleren und kleineren Unternehmen (KMU) deutlicher zutage. Hinzu kommt die Schwäche ehemals starker Titel wie HelloFresh und Delivery Hero, deren Höhenflug nach dem Ende des Corona-Booms ein jähes Ende fand.

Performance DAX und MDAX im Jahresverlauf 2024

Ukraine-Krieg, Wirtschaft und Zinsen als Hemmschuh

Die Unterperformance des MDAX im Vergleich zum DAX ist laut Deka-Chefvolkswirt Kater auf einen Mix aus Belastungsfaktoren zurückzuführen. Erstens verweist Kater auf die Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine. „Die Rohstoff- und Energieversorgung wurde massiv beeinträchtigt, was Unternehmen, die stärker auf Produktionskapazitäten im Inland angewiesen sind, vor enorme Herausforderungen stellte.” Im Gegensatz zu global agierenden DAX-Konzernen fehle vielen MDAX-Firmen die Möglichkeit, Produktionsengpässe durch internationale Standorte auszugleichen.

Zweitens sieht Kater die Schwäche der deutschen Wirtschaft insgesamt als Hauptfaktor. „Noch heute hinkt das Wachstum in Deutschland allen Industrieländern global hinterher.” Besonders für die MDAX-Unternehmen, die stärker auf die Binnenkonjunktur angewiesen seien, stelle dies eine erhebliche Belastung dar. Die Folge: Während exportorientierte DAX-Unternehmen von der globalen Nachfrage profitieren, wirkt sich die Schwäche der deutschen Wirtschaft direkt auf die Performance des MDAX aus.

Eine weitere Ursache sieht der Chefvolkswirt in den gestiegenen Finanzierungskosten für Small- und Mid-Caps: „Die mittelgroßen Unternehmen im MDAX zeigen strukturell höhere Verschuldungskennzahlen, was sie gegenüber den gestiegenen Zinsen anfälliger macht.“ Im Vergleich dazu würden DAX-Unternehmen mit einer robusteren Kapitalausstattung und stärkerem Zugang zu internationalen Kapitalmärkten von stabileren Finanzierungskonditionen profitieren.

Eine Studie der Europäischen Zentralbank (EZB) zeigt zudem, dass der Einfluss der Geldpolitik die kapitalintensive Industrie hierzulande deutlich stärker trifft und die deutsche Wirtschaft aufgrund des hohen Anteils der Industrie an der Wertschöpfung stärker unter den Zinserhöhungen gelitten haben dürfte als die meisten anderen Volkswirtschaften im Euroraum.

Lynx-Experte: „Globale Anleger lassen den MDAX außen vor“

Laut Ronald Gehrt vom niederländischen Online-Broker Lynx liegt die Schwäche des MDAX zudem darin, dass internationale Investoren selten bis in die zweite Reihe der deutschen Aktien vordringen. „Wenn globale Anleger Kapital in Deutschland investieren, greifen sie meist direkt zum Blue Chip-Index DAX und lassen den MDAX außen vor,“ so Gehrt in einer Analyse. Zudem seien DAX-Werte wie SAP oder Rheinmetall aufgrund ihrer Marktdominanz oder Sondersituationen für Investoren schlichtweg attraktiver. „Bei diesen Unternehmen gehen viele davon aus, dass sie nicht nur kleineren Konkurrenten trotzen, sondern sogar in schwierigen Zeiten wachsen können.“

Auch neue Kappungsgrenze treibt Kapital in den DAX

Hinzu kommt, dass die Anhebung der Kappungsgrenze für Aktienindizes von 10 auf 15 Prozent im März 2024 die Unterschiede zwischen DAX und MDAX weiter vergrößert hat. Während im MDAX kein einziger Titel von der Änderung profitieren konnte, hat die Neuerung die Schwergewichte im DAX noch stärker in den Fokus gerückt.

So konnten Konzerne wie Siemens und SAP ihre Gewichtung im Leitindex deutlich erhöhen. Die Folge: Die Attraktivität des DAX für internationale Investoren hat weiter zugenommen, was zu zusätzlichen Mittelzuflüssen führte. Für den MDAX hingegen bedeutete die Anhebung eine weitere Schwächung seiner Marktbedeutung und einen anhaltenden Rückgang seiner internationalen Bedeutung.

Warum sich Anleger neu orientieren sollten

Die Schwäche des MDAX zeigt, dass klassische Indexinvestments in deutsche Nebenwerte nicht mehr die Erfolgsgarantie bieten, die sie einst versprachen. Während der DAX dank seiner internationalen Ausrichtung und der Präsenz global agierender Konzerne weiterhin Kapital anzieht, steht der MDAX vor strukturellen Herausforderungen und sollte Anleger dazu veranlassen, ihre Anlagestrategien neu zu justieren.

Statt passiv auf Indexfonds zu setzen, könnten Anleger stärker auf spezialisierte und aktiv gemanagte Fonds ausweichen, die gezielt auf Wachstumsbranchen und Einzelwerte mit langfristigem Potenzial setzen. Besonders Fonds, die Unternehmen mit robustem Geschäftsmodell und stabilen Gewinnaussichten identifizieren, bieten eine Option, die Schwächen des MDAX zu umgehen und gleichzeitig von den Chancen des Segments zu profitieren.

Eine weitere Option besteht darin, gezieltes Stock Picking zu betreiben, also gezielt einzelne Unternehmen auszuwählen, die sich im aktuell schwierigen Marktumfeld in ihren Branchen behaupten können. „Die relativ günstige Bewertung der Small- und MidCaps gepaart mit stabilen Gewinnaussichten bietet langfristig Chancen für Anleger, die aktiv investieren und selektiv vorgehen,“ so Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater.

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Carsten Schmidt

Carsten Schmidt ist seit Januar 2024 freier Autor für die Deutschen Wirtschafts­nachrichten. Der Finanz- und Wirtschaftsjournalist ist seit über zehn Jahren für verschiedene Wirtschafts- und Finanzmedien aktiv, unter anderem für CAPinside, DASINVESTMENT.com, multiasset.com, das private-banking-magazin.de sowie den Norddeutschen Rundfunk und die Lübecker Nachrichten. Darüber hinaus war er unter anderem für die HypoVereinsbank und verschiedene Kommunikationsagenturen tätig. Seine Schwerpunkte liegen auf Finanzmärkten und Fondsanalysen sowie Mittelstand und Wirtschaftspolitik. Carsten Schmidt ist Diplom-Germanist und Mitgründer des Surf- und Outdoormagazins Waves & Woods (2017).
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