Politik

HTS-Rebellen in Syrien bemühen sich um internationale Unterstützung

Noch vor einer Woche erklärte die Europäische Union mit Nachdruck, man habe keinen Kontakt zu HTS in Syrien. Das soll sich nun ändern. Die militanten Islamisten gewinnen international Anerkennung.
16.12.2024 15:37
Lesezeit: 3 min
HTS-Rebellen in Syrien bemühen sich um internationale Unterstützung
Abu Mohammed al-Dschulani spricht in der Umayyaden-Moschee. Al-Dschulani, ein ehemaliger al-Kaida-Befehlshaber, der sich von der Gruppe losgesagt hat und nach eigenen Angaben Pluralismus und religiöse Toleranz befürwortet, führt die größte Rebellengruppe an, (Foto: dpa) Foto: Omar Albam

Die Europäische Union und die Vereinten Nationen bauen nach dem Sturz von Baschar al-Assad Kontakte zu den neuen Machthabern in Syrien auf. Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas schickt dafür den deutschen Spitzendiplomaten Michael Ohnmacht nach Damaskus. Der UN-Sondergesandte Geir Pedersen sprach dort bereits mit dem Anführer der Islamistengruppe HTS, Ahmed al-Scharaa.

Die Miliz HTS, die Syriens Assad vor gut einer Woche in einer Blitzoffensive stürzte, gab sich dabei weiter moderat und zugänglich. So erklärte sie, al-Scharaa habe mit Pedersen über die "Einheit der syrischen Gebiete" gesprochen sowie über den Wiederaufbau und politischen Übergang im Land. Auf Fotos des Treffens ist al-Scharaa mit Hemd und Sakko zu sehen. Zuvor hatte er sich meist in grüner Militäruniform oder vor Jahren noch mit Dschihadisten-Turban gezeigt.

EU: Entwicklungen wie in Libyen und Afghanistan vermeiden

Für die EU geht es bei den geplanten Kontakten vor allem um die Frage, wie sie zu einer Stabilisierung des Landes beitragen und wie verhindert werden kann, dass es zu Entwicklungen wie in Libyen oder Afghanistan kommt.

Eine gewichtige Rolle spielt dabei auch, dass viele Mitgliedstaaten hoffen, dass dann Syrien-Flüchtlinge freiwillig in ihre Heimat zurückkehren oder sonst auch abgeschoben werden können. Allein in Deutschland leben Hunderttausende Menschen, die vor dem Assad-Regime geflüchtet sind, in allen EU-Staaten zusammen weit mehr als eine Million.

Bislang weiß allerdings niemand, ob Syrien unter den neuen Machthabern wirklich zur Ruhe kommt. EU-Chefdiplomatin Kallas räumte kürzlich ein, es gebe berechtigte Bedenken hinsichtlich der Risiken konfessionell motivierter Gewalt, des Wiederauflebens von Extremismus und eines Regierungsvakuums. Auch um dies zu verhindern, will die EU nun Gesprächskanäle zur HTS aufbauen, obwohl diese weiterhin auf der Terrorliste der Vereinten Nationen steht und deswegen mit EU-Sanktionen belegt ist.

Diskussion über Aufhebung von Syrien-Sanktionen

Von Diplomaten hieß es am Montag in Brüssel, die Sanktionen verhinderten keine Gespräche. Eine Aufhebung von Strafmaßnahmen sei allerdings nur denkbar, wenn mit der HTS wirklich positive Entwicklungen zu sehen sei. Derzeit dürfen der Gruppe zum Beispiel keine Gelder oder andere wirtschaftliche Ressourcen zur Verfügung gestellt. Personen sind zudem auch von Reiseverboten betroffen.

Wichtig werden deswegen in den kommenden Wochen auch die Lagebeurteilungen des deutschen Spitzendiplomaten Ohnmacht sein. Er ist bereits seit September Chef der EU-Syrien-Delegation. Zuvor arbeitete er unter anderem als deutscher Botschafter in Libyen sowie im Libanon und Saudi-Arabien. Er spricht nach eigenen Angaben unter anderem auch Arabisch und etwas Türkisch.

Al-Scharaa und Pedersen sprachen HTS zufolge unter anderem über die Resolution 2254 des UN-Sicherheitsrats von 2015 zum Bürgerkrieg in Syrien. Darin sind eine Waffenruhe, eine neue Verfassung und Wahlen vorgesehen. "Es ist notwendig, die Resolution zu aktualisieren, um der neuen Realität zu entsprechen", erklärte HTS. In der Resolution ist die Al-Nusra-Front, aus der HTS hervorging, gemeinsam mit der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) als "terroristische Gruppe" genannt.

Türkei als wichtigster ausländischer Akteur

Auf internationaler Ebene kooperierte HTS, die in vergangenen Jahren die syrische Rebellenhochburg Idlib an der türkischen Grenze kontrollierte, teils mit dem türkischen Militär und Türkei-nahen Milizen. Erst am Donnerstag besuchte der türkische Geheimdienstchef Ibrahim Kalin Damaskus, zwei Tage später eröffnete die Türkei ihre Botschaft dort wieder. Die Türkei wird als Gewinner des Umbruchs gehandelt und als einflussreichster ausländischer Akteur.

Auch Katar wurden zuvor Verbindungen zur HTS nachgesagt. Berichten zufolge unterstützte und finanzierte das Golfemirat die Al-Nusra-Front, was die Regierung in Doha bestritten hat. Zwischen Katar und der HTS scheint es jetzt aber ebenso schnell Kontakte im Land zu geben wie mit der Türkei: Am Sonntag kam eine katarische Delegation mit Vertretern der Übergangsregierung von Mohammed al-Baschir zusammen, der zuvor die HTS-Regierung in Idlib führte. Ziel ist nach Angaben aus Doha unter anderem, die katarische Botschaft in Damaskus wieder zu öffnen.

Zuletzt nahmen Italien sowie Ägypten, Jordanien und weitere Länder im arabischen Raum den Betrieb in ihren Botschaften wieder auf. Konsularische Vertretungen gab es im Jahr 2022 für acht EU-Staaten, darunter Spanien, Polen und Tschechien. Seit 2012 vertritt Tschechien die USA in Konsularangelegenheiten, weil auch deren Botschaft geschlossen wurde.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Digitaler Impuls versus reale Werte

Am Montag hat ein einzelner Social-Media-Beitrag von Donald Trump die Finanzmärkte um 1,7 Billionen US-Dollar bewegt – und zwar nicht...

DWN
Finanzen
Finanzen Reform Riester-Rente beschlossen: Wie man künftig fürs Alter vorsorgen kann
27.03.2026

Längst ist klar, dass die Riester-Rente keine Zukunft hat. Jetzt gibt es eine Alternative. Die bringt höhere Rendite-Chancen, aber auch...

DWN
Unternehmen
Unternehmen 90-Tage-Formel: Mit diesen 6 Maßnahmen können Unternehmen Mitarbeiter binden
27.03.2026

Mitarbeiterbindung ist kein „Feelgood“-Projekt, sondern ein knallharter Wirtschaftsfaktor. Wenn vakante Stellen im Schnitt Monate offen...

DWN
Politik
Politik Tariftreuegesetz kommt: Gesetz für mehr Tarifverträge in Deutschland beschlossen
27.03.2026

Lange wurde darüber gestritten, wie die Politik für mehr Tarifverträge in Deutschland sorgen kann. Nun hat der Bundesrat das...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis unter Druck: Warum Anleger jetzt aus Goldaktien aussteigen
27.03.2026

Der Goldpreis galt lange als sicherer Hafen in unsicheren Zeiten. Doch jetzt ziehen erste Anleger Gewinne ab und warnen vor einer...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg und Düngemittelpreise: Warum der Konflikt unsere Lebensmittel verteuert
27.03.2026

Der Iran-Krieg trifft nicht nur Energie und Märkte, sondern das Fundament der globalen Lebensmittelproduktion. Warum steigende...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Ifo: Stellenabbau etwas langsamer, aber keine Trendwende
27.03.2026

Das Ifo-Institut meldet eine positive Entwicklung. Und dämpft die Hoffnung gleich wieder.

DWN
Panorama
Panorama DWN-Wochenrückblick KW 13: Die wichtigsten Analysen der Woche
27.03.2026

Im DWN Wochenrückblick KW 13 aus dem Jahr 2026 fassen wir die zentralen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen der vergangenen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Sinkender Bierkonsum: Ostdeutsche Traditionsbrauerei Mauritius meldet Insolvenz
27.03.2026

Überteuerte Rohstoffpreise und sinkender Bierkonsum bedrohen 165 Jahre Brautradition aus Sachsen: Mauritius Brauerei aus Zwickau hat...