Politik

Wahlforscher Jung: Die Union hat ein "Merz-Problem" - und Habeck eine gute Chance

Es sei sehr wahrscheinlich, dass Unionskandidat Merz der nächste deutsche Bundeskanzler wird, sagt Wahlforscher Matthias Jung. Doch er sieht auch Schwächen - und gute Chancen für die Grünen.
26.12.2024 10:05
Lesezeit: 2 min
Wahlforscher Jung: Die Union hat ein "Merz-Problem" - und Habeck eine gute Chance
Einer der beiden Kandidaten wird Kanzler. glaubt Wahlforscher Matthias Jung. Friedrich Merz, CDU-Bundesvorsitzender, mit Generalinspekteur Carsten Breuer und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Die Grünen). (Foto: dpa) Foto: Kay Nietfeld

Der Wahlforscher Matthias Jung attestiert Unionskanzlerkandidat Friedrich Merz mit Blick auf die geplante Bundestagswahl Schwächen, die seinen Erfolg gefährden könnten. Merz habe in der Bevölkerung nur ein "mäßiges Image", zu dem er selbst viel beigetragen habe und das ihm eine breite Unterstützung erschwere, sagte das Vorstandsmitglied der Forschungsgruppe Wahlen.

Merz habe sich "pointiert konservativ und wirtschaftsliberal positioniert, anstatt die gesamte Klaviatur der Union zu bespielen". Die Union habe durch diese programmatische Einengung ein "Merz-Problem", sagte Jung.

Experte sieht Unbeliebtheit bei allen Kandidaten

Jung verwies außerdem auf "eine gewisse Unbeherrschtheit", die der Kandidat Merz mit sich bringe. "Das ist eine Gefahr für ihn selbst und damit für die Erfolgsaussichten der Union." Insgesamt rechnet der Experte Merz aber gute Chancen zu, nach der für Februar 2025 geplanten Wahl der nächste deutsche Bundeskanzler zu werden. "Die Wahrscheinlichkeit, dass Merz Bundeskanzler wird, ist recht hoch", sagte er.

Zu den Chancen des amtierenden Kanzlers Olaf Scholz (SPD) äußerte sich Jung weniger optimistisch. Auf die Frage, ob es realistisch sei, dass Scholz wie im Wahlkampf 2021 auf den letzten Metern noch eine Aufholjagd hinlegen könnte, sagte Jung: !Es gibt keinen Grund dafür, dass sich eine spezielle Entwicklung eines einzelnen Wahlkampfes wiederholen lässt."

Schon 2021 habe Scholz keine "massive Zustimmung" in der Bevölkerung genossen. Nur die beiden Mitbewerber hätten noch weniger punkten können. Auch für 2025 rechne er wegen der Unbeliebtheit, die er bei allen Kanzlerkandidaten sehe, mit einem Ergebnis des "vermeintlich kleineren Übels", sagte Jung.

Wahlforscher sieht gute Chancen für Habeck

Von dieser Ausgangslage könne am ehesten noch der Grünen-Kandidat Robert Habeck profitieren. "Bürgerliche Wähler, die sich weder als konservativ noch als links sehen, könnten sich für Habeck und sich relativ mittig präsentierende Grünen entscheiden." Derzeit seien die Grünen zwar für viele rechte Wähler "der Buhmann". Bei Mitte-Wählern habe die Partei aber großes Potenzial. Die Mobilisierung gegen die Grünen ist aus seiner Sicht "ausgereizt".

Wäre am Sonntag Bundestagswahl, käme die Union laut dem jüngsten ZDF-«Politbarometer» vom 20. Dezember auf 31 Prozent, die AfD auf 19, die SPD auf 15 und die Grünen auf 14 Prozent. Die FDP könnte mit drei Prozent den Einzug ins Parlament verpassen, genauso wie die Linke mit vier Prozent. Das in diesem Jahr gegründete Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) läge bei 5 Prozent. Andere Umfragen sehen die Union zwischen 30 und 36 Prozent, die SPD zwischen 14 und 18 Prozent sowie die Grünen zwischen 12 und 14 Prozent.

Wahlforscher Jung sieht für das BSW größere Hürden als bei den vergangenen Wahlen in Ostdeutschland, wo es aus dem Stand zweistellig abschnitt. "Bei den Landtagswahlen im September im Osten hatte das BSW ein vergleichsweise leichtes Spiel. Aber bei einer Bundestagswahl leben 80 Prozent der Wähler im Westen, wo Wagenknecht es schwerer hat", sagte Jung. Es sei abzuwarten, ob es der neuen Partei gelingen werde, die Fünf-Prozent-Hürde zu nehmen. Dass aber sowohl BSW als auch FDP und Linke an dieser Hürde scheitern könnten, hält er für unwahrscheinlich.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Gold als strategischer Anker: Warum physische Substanz zählt

Wo sich die wirtschaftlichen Gewichte grundlegend verschieben, suchen Unternehmen sowie Privatanlegerinnen und Privatanleger nach...

DWN
Politik
Politik Klimapolitik: Zehn Jahre Pariser Klimaabkommen – "unbeherrschbare Zukunft"
07.11.2026

Eigentlich gibt es einen Plan, um die Krise in den Griff zu bekommen: das Pariser Klimaabkommen, das nun seit zehn Jahren in Kraft ist....

DWN
Finanzen
Finanzen Brutale Woche für Tech-Branche endet mit kurzer Verschnaufpause, doch KI-Zweifel bleiben
06.11.2026

Erfahren Sie, wie Schnäppchenjäger die Märkte kurzzeitig stabilisieren und welche unberechenbaren Risiken die Börsen weiterhin bedrohen.

DWN
Politik
Politik Schweden bestätigt Taurus-Lieferung: Marschflugkörper erreicht mehr als 500 Kilometer
06.11.2026

Schweden hat erstmals bestätigt, bereits Taurus-Marschflugkörper erhalten zu haben. Die Waffe kann Ziele in mehr als 500 Kilometern...

DWN
Politik
Politik Nachfolge von Frank-Walter Steinmeier: Union und SPD für Ilse Aigner als Bundespräsidentin
06.11.2026

Ein Versorgungsposten zwischen den Unionsparteien und der SPD? Es herrscht anscheinend Einigung zwischen Union und SPD, dass Aigner...

DWN
Unternehmensporträt
Unternehmensporträt West Transport: Mit 22 Lastwagen gegen die Krise der Transportbranche
06.11.2026

Die Transportbranche kämpft mit steigenden Kosten, Fahrermangel und wachsendem Wettbewerbsdruck. Doch ein kleines Familienunternehmen aus...

DWN
Finanzen
Finanzen Gold vs. Bitcoin: Welcher Vermögenswert schützt in der Krise?
06.11.2026

Ende August bewegten sich Bitcoin und Gold so stark im Gleichlauf wie seit fast sechs Jahren nicht mehr. Dr. André Dragosch, Head of...

DWN
Politik
Politik Arbeitslosenversicherung: Milliardenloch steigt und immer mehr Arbeitslose: Kommen höhere Beiträge?
06.11.2026

Im Oktober gibt es knapp drei Millionen Menschen, die arbeitslos gemeldet sind. Die Finanzierung der Arbeitslosenversicherung gerät...

DWN
Technologie
Technologie Der größte Kryptowährungsdiebstahl der Geschichte begann mit einem gefälschten Vorstellungsgespräch
06.11.2026

Ein vermeintliches Vorstellungsgespräch, manipulierte Software und ein internes KI-System wurden der Kryptobörse Binance zum Verhängnis....