Niemand bezweifelt, dass die Regierung des designierten US-Präsidenten Donald Trump wenig Rücksicht auf den Multilateralismus nehmen wird. Selbst eher global ausgerichtete Amtsinhaber wie der designierte Finanzminister Scott Bessent glauben, dass der Zweck der Zusammenarbeit mit internationalen Institutionen darin besteht, zu „gewinnen“. Die USA sollten sich dort zwar engagieren, aber nur so, dass ihre eigenen Interessen nicht darunter leiden.
Die typische amerikanische Kritik am Multilateralismus geht davon aus, dass die bestehende Ordnung grundlegend kaputt und ein Schock für die internationalen Institutionen nötig sei, um Bedrohungen für die US-Interessen oder eine Infragestellung des amerikanischen Standpunkts zu unterbinden. Doch was kommt nach diesem Schock? Es wird neue Ordnungsprinzipien geben müssen, und die werden nicht einfach dadurch entstehen, dass man verlangt, dass sich alle auf die Seite der USA stellen.
Zugegeben, völlig falsch ist die Diagnose nicht. Die Schwäche der jüngsten multilateralen Bemühungen spiegelt eine tiefere intellektuelle und politische Fragmentierung wider. Während der Internationale Währungsfonds im Oktober 2024 seine jährliche Herbsttagung abhielt, trafen nahmen 36 Staats- und Regierungschefs an einem Gipfel der BRICS-Gruppe (bestehend aus Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika und vier Neumitgliedern) in Kasan (Russland) teil, wo sich die Diskussion um die Ablösung der auf dem Dollar basierenden internationalen Währungsordnung drehte.
Etwa zur gleichen Zeit tagte die Konferenz der Vertragsparteien des Übereinkommens über die biologische Vielfalt in Cali (Kolumbien), und auf diese folgten kurz darauf ein kontraproduktiver Klimagipfel in Baku (Aserbaidschan) und anschließend ein nutzloser G20-Gipfel in Rio de Janeiro. Wenn der Multilateralismus gut funktionieren würde, würden diese Verhandlungen alle zusammenlaufen.
Die Ablehnung der internationalen Ordnung ist jedoch nicht neu. In den USA haben neue republikanische Regierungen Anfang der 1970er, Anfang der 1980er und Anfang der 2000er Jahre allesamt ihre Verachtung für den Multilateralismus zum Ausdruck gebracht und gefordert, die schmarotzerhaften Verbündeten der USA sollten mehr für den von diesen gestellten Sicherheitsschirm zahlen.
Richard Nixon und sein Finanzminister John Connally machten keinen Hehl aus ihrer Geringschätzung der internationalen Institutionen und vertraten die Ansicht, dass nur einschneidende einseitige Maßnahmen die Dinge ändern könnten. Ihre Schocktherapie begann im August 1971 auf spektakuläre Weise, als Nixon die Konvertierbarkeit des Dollars in Gold aufhob und eine allgemeine Importabgabe einführte. Die anderen Länder mussten sich dadurch mit einer Welt auseinandersetzen, in der ihre Exporte teurer geworden waren.
In den frühen 1980er Jahren waren Ronald Reagans Berater offen misstrauisch gegenüber dem IWF, und in den frühen 2000er Jahren argumentierten viele im Umfeld von George W. Bush, dass die jüngste Finanzkrise in Ostasien den Fonds diskreditiert habe und dass private Kapitalströme ohnehin den gesamten Bedarf an Mitteln zur Entwicklungsfinanzierung decken könnten.
In jedem dieser Fälle jedoch erzwang eine schwere Finanzkrise schließlich ein Umdenken. In den 1970er Jahren veranlasste der abwertende Dollar die Ölproduzenten zu Preiserhöhungen, und viele ölimportierende Entwicklungsländer mussten durch eine neu geschaffene IWF-Ölfazilität gerettet werden. 1982 führten ein steigender Dollar und höhere US-Zinsen zu einer allgemeinen Schuldenkrise, die den IWF veranlasste, sich neu aufzustellen, um den Anforderungen jener Zeit gerecht zu werden. Bereits 1983 bezeichnete Reagan den Fonds dann als Dreh- und Angelpunkt des internationalen Finanzsystems.
Die globale Finanzkrise von 2008 schließlich begann in den letzten Jahren der Bush-Präsidentschaft. Schon bald kamen die Regierungen im Rahmen der G20 und anderer globaler Gremien zusammen, um die Auswirkungen der Krise einzudämmen und neue „Verkehrsregeln“ aufzustellen.
Von der jüngeren Geschichte abgesehen gibt es einen tieferen Grund, warum der Multilateralismus weiterhin unverzichtbar bleiben wird. In einer Welt, die in rivalisierende Blöcke zu zerfallen scheint, sind die meisten Länder zu Recht darauf bedacht, ihre eigenen Interessen zu schützen. Und da diese Interessen nicht perfekt mit denen der USA, Chinas oder irgendeiner anderen aufstrebenden Weltmacht übereinstimmen, wollen die Regierungen in dem sich abzeichnenden Konflikt mit allen Seiten in Kontakt bleiben.
Eine ähnliche Dynamik lag der Bewegung der Blockfreien Staaten zu Zeiten des Kalten Krieges zugrunde, in der sich Länder zusammenschlossen, die sich weigerten, sich zwischen den USA und der Sowjetunion zu entscheiden. Auch die ASEAN entstand aus der Sorge heraus, dass Indonesien nicht gezwungen sein sollte, sich für eine Seite zu entscheiden; stattdessen könne es sich behaupten, indem es engere Beziehungen zu seinen Nachbarn knüpfte. Auch die Europäische Gemeinschaft, aus der später die Europäische Union hervorging, entstand, weil die Europäer – obwohl mit den USA verbündet – nicht deren verlängerter Arm sein wollten. Inmitten einer neuen Finanzkrise wollte die ASEAN 2008 zu einer Gemeinschaft im Stil der EU werden.
Wohin man heute auch schaut, die Botschaft ist dieselbe: Wir wollen uns nicht für eine Seite entscheiden, und wir sollten auch nicht dazu gezwungen werden. Der britische Premierminister Keir Starmer argumentiert zu Recht, dass es für das Vereinigte Königreich „schlichtweg falsch“ wäre, sich zwischen Europa und den USA zu entscheiden. In Reaktion darauf äußerte Trumps Berater Stephen Moore, die Briten müssten sich für den europäischen Sozialismus oder die freien Märkte nach US-Vorbild entscheiden. Aber da heute jede Regierung irgendeine Art von Industriepolitik betreibt, ist dieser Gegensatz eine Schimäre.
Herausfordernde historische Episoden führen immer wieder zu der Erkenntnis, dass die Welt nicht wirklich nach einem Nullsummenspiel aufgebaut ist. US-Finanzminister Henry Morgenthau hat es auf der ursprünglichen Konferenz von Bretton Woods elegant so ausgedrückt: „Wohlstand ist, wie Frieden, unteilbar. Wir können es uns nicht leisten, ihn hier oder dort auf die Glücklichen zu verteilen oder ihn auf Kosten anderer zu genießen.“ In den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs erkannte die US-Regierung, dass sie keinen Frieden würde erreichen können, wenn sie nur mit denen zusammenarbeitete, die die Spielregeln der USA übernahmen.
Wenn selbst ein so mächtiges Land wie die USA des Jahres 1945 noch Freunde gewinnen und Menschen beeinflussen musste, dann müssen die USA von heute das mit Sicherheit tun. Die Schocktherapie für den Multilateralismus wird zu Verwerfungen führen. Aber anschließend muss sie zu mehr internationaler Zusammenarbeit führen, weil es keine Alternative gibt.
Aus dem Englischen von Jan Doolan
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